Kommentar

Politik braucht Gnade

Bärbel Bas ist zurückgetreten, auch, weil sie die Härte in der Berufspolitik nicht mehr aushalten wollte. Doch was bleibt, wenn die Schwachen gehen und die harten Hunde regieren?
Von Anna Lutz

„Was ist das für ein politischer Betrieb, in dem Menschen aufgeben müssen, weil sie krank sind oder um einen geliebten Menschen trauern? Ich finde, dieser Rücktritt sagt mehr über uns aus als über Bärbel Bas.“ Das erklärte am Montag, kurz nachdem der Rückzug der SPD-Chefin bekannt wurde, einer, der es wissen muss. Michael Roth. Jener ehemalige SPD-Staatssekretär, der 2025 nicht mehr zur Wahl antrat, weil er an Depressionen leidet. 

Bas und Roth sind nur zwei in einer langen Liste von Politikern, die aufgegeben haben, weil das System und die Menschen darin drohten, sie kaputt zu machen. Man erinnere sich an den ehemaligen SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert, der ebenfalls erkrankt war. An Marco Wanderwitz und Yvonne Magwas von der CDU, die ihrer Familie den Hass von außen nicht mehr zumuten wollten. Oder an die ehemalige SPD-Chefin Andrea Nahles, die an den internen Machtkämpfen in ihrer Partei litt und die manche von Parteikollegen als systematisch öffentlich demontiert sahen. Aus dem Amt gemobbt also.

Zitterattacken und Gnadenlosigkeit

Als Angela Merkel 2019 öffentlich Zitterattacken erlitt, sagte so mancher ihr Amtsunfähigkeit nach. Als Hillary Clinton drei Jahre zuvor bei einer 9/11-Gedenkveranstaltung einen Schwächeanfall erlitt, stürzte sich das Wahlkampfteam rund um Donald Trump auf den Vorfall wie die Hyänen. Schlimmer noch erging es Joe Biden einige Jahre später. Und wenn Bundeskanzler Friedrich Merz wie jüngst beim Auftritt in einer Schule mal zu Tränen gerührt ist, dann ruft das gleich seine Kritiker auf den Plan und er wird in sozialen Medien als „Heulsuse“ herabgewürdigt. 

Man möchte all jenen, die es nicht aushalten wollen, wenn Politiker Gefühle und Schwäche zeigen, zurufen: Von wem möchtet ihr denn regiert werden? Von den scheinbar starken und unfehlbaren Wladimir Putins und Donald Trumps dieser Welt? Von denen, die keine Schwäche zugeben und stattdessen jeden Fehler, Ausrutscher und jedes Fitzelchen Menschlichkeit zu übertünchen versuchen? Und jede Schwäche anderer gnadenlos gegen sie verwenden?

Es ist eine Krux unserer Zeit, ein Paradoxon: Medien und Öffentlichkeit wünschen sich authentische Politiker und Staatslenker. Sie wollen sie verstehen, Gefühle sehen, einschätzen können, warum einer handelt, wie er handelt. Sie wollen hoffen, dass es nicht nur um Macht und Geld geht, sondern um etwas Höheres, Größeres und Schöneres. Sie wollen sich selbst in „denen da oben“ erkennen.

Doch wehe dem Abgeordneten oder Minister, der sich auf dieses Spiel einlässt. Authentizität, das klingt so gut, doch wer tiefer blicken lässt und sich gar Eigenheiten erlaubt, der ist der Medienwelt dann schnell doch nicht mehr geheuer. Oder den Kollegen ein Büro weiter.

Wenn nur die „Dickfelligen“ bleiben

Wenn das politische System, die Medienwelt und die Öffentlichkeit weiterhin all jene zum Teufel jagen, die sich nicht als perfekt und unfehlbar gerieren, dann bleiben die übrig, die Michael Roth als die „Dickfelligen“ bezeichnet, die erst „im Stahlgewitter“ aufblühen. Die Ulrich Siegmunds und Sahra Wagenknechts also, die stets die Starken mimen, weil ihre Wähler sich so sehr nach Stärke sehnen. Dabei ist deren Lautstärke und deren Vehemenz doch eine Illusion. Roth hat recht, wenn er sagt: „Gerade jetzt, wo der Ton immer lauter und wütender wird, brauchen wir auch leise Töne.“

Als Christ (der Roth übrigens auch ist) könnte man es anders sagen: Eine Politik ohne Gnade muss an sich selbst scheitern. Sie kann den Menschen nicht gerecht werden, weil jeder Politiker und damit auch deren Taten fehlbar sind. Genauso wie die derer, die sie gewählt haben. Parlamente sind Spiegel der Gesellschaft, ihrer Sorgen, Nöte, Probleme. Das darf, nein, das muss man auch sehen können. Deshalb sind wir aufgerufen, für unsere Politiker und für unser Land zu beten. Wären die da oben perfekt, dann wäre das nicht nötig. 

Es ist Zeit, dass Medien und Öffentlichkeit, Politik und Verantwortungsträger sich auf diese Wahrheit zurückbesinnen. Und gemeinsam, ganz nach christlichem Vorbild, das Schöne im Schwachen suchen, anstatt es stets hässlich zu reden und zu schreiben. Vielleicht hätten die, die so oft vorgeben, keine Schwächen zu haben, dann auch weniger Macht. Und unser Land wäre besser dran.

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