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Orthodoxe Ukrainer in Deutschland: Zwei Kirchen, ein Krieg

In der Ukraine stehen sich zwei orthodoxe Kirchen unversöhnlich gegenüber. Knackpunkt ist das Verhältnis zu Russland. Vor dem Krieg flüchten Gläubige beider Kirchen – und schließen sich auch in Deutschland unterschiedlichen Gemeinden an.
Von Jonathan Steinert
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Marienbild, orthodox

Foto: PRO/Jonathan Steinert

Der orthodoxe Glaube spaltet sich in der Ukraine in zwei Kirchen. Einig sind sie sich darin, dass der Krieg aufhören muss.

Es ist warm an diesem Samstagnachmittag in Frankfurt am Main, einem sonnigen Frühlingstag im März. Auf dem Platz vor der Kirche in einem dörflichen Stadtteil treffen nach und nach einige Menschen ein. Die Kirche ist offen, aber noch geht niemand hinein. Denn die wichtigste Person fehlt noch, Petro Bokanov.

Der Priester kommt kurz nach 15 Uhr mit dem Auto angebraust, von innen an der Frontscheibe eine ukrainische Papierfahne. Das weiße T-Shirt spannt über dem Bauch. Ein Schriftzug mit „Mariupol“ ist darauf zu lesen. Einen Monat ist es da gerade her, dass Russland die Ukraine angegriffen hat. Die Kämpfe um Kiew sind im Gange, Mariupol ist eingekesselt, aber noch unter ukrainischer Kontrolle.

In der Kirche trifft sich die ukrainisch-orthodoxe Gemeinde der Orthodoxen Kirche der Ukraine zu einem Gedenken für Verstorbene. Ein eigenes Gebäude hat sie nicht, sie sind in einer katholischen Kirche zu Gast. Bokanov ist der zuständige Geistliche. Er betreut auch die Gemeinde in Mannheim.

Während er sich umzieht und sich in einen schwarzen Talar kleidet, richtet seine Frau einige liturgische Gegenstände her. Ein Ikonenbild von Maria und dem Jesuskind, Weihrauchgefäß, Kerzen. Die rund 30 Besucher verteilen sich in den Bankreihen. Auf schmalen Papierstreifen können sie Namen der Personen schreiben, die Bokanov dann in seinen gesungenen Fürbitten vorliest. Als der Gottesdienst zu Ende ist, breitet der Priester eine ukrainische Flagge über dem Altar aus, gemeinsam singen alle die Nationalhymne.

Peter Bokanov, Orthodoxe Kirche der Ukraine, Frankfurt Foto: PRO/Jonathan Steinert
Petro Bokanov ist in Deutschland ehrenamtlicher Geistlicher im Dienst der Orthodoxen Kirche der Ukraine

Die meisten der Besucher sind das erste Mal da, sagt Bokanov. Der Krieg hat sie hierher gebracht. Viele suchen das Gespräch mit ihm. Er selbst lebt mit seiner Frau seit 25 Jahren in Deutschland. Im Hauptberuf ist er Programmierer, seine geistliche Aufgabe übt er im Ehrenamt aus. Er ist auch Militärkaplan, war in den vergangenen Jahren auch mehrmals im Kriegsgebiet im Osten der Ukraine. Auch jetzt, sagt er, würde er seinen Landsleuten gern vor Ort helfen. Aber er weiß: Sein Platz ist jetzt hier. „Der Bedarf an seelsorgerlicher Betreuung wird wachsen“, sagt er mit Blick auf die Flüchtlinge, die aus der Ukraine hierher kommen.

Ursprünglich kommen Bokanov und seine Frau aus Kiew. Sie ist Dirigentin. „Es tut so weh“, sagt sie. Sie denke immerzu an den Krieg, an Verwandte, Kollegen, Freunde in Kiew. Regelmäßig telefonieren sie miteinander. Der Krieg nehme ihr jede Lust, sich zu vergnügen und das Leben zu genießen. Sie sei wie blockiert. „Die Welt muss erfahren, was Putin für ein Mörder ist“, sagt sie. Bokanov spricht von Völkermord an den Ukrainern. Für die Russisch-Orthodoxe Kirche hat er kein gutes Wort übrig. Deren Priester seien „Wölfe im Schafspelz“ mit direktem Draht in den Kreml. Am Krieg sei diese Kirche mitschuldig.

Priester unter Verdacht

Zu dieser Russisch-Orthodoxen Kirche mit Patriarch Kyrill an der Spitze gehört auch die autonome Ukrainisch-Orthodoxe Kirche Moskauer Patriarchat. Sie verwaltet sich selbst, bei der Einsetzung von Bischöfen etwa muss aber der Moskauer Patriarch sein Einverständnis geben. Ende Mai trennte sich die ukrainische Kirche jedoch von Moskau und Patriarch Kyrill. Denn der unterstützt Russlands Krieg gegen den Nachbarn. (Lesen Sie hier unterschiedliche Reaktionen auf diesen Schritt.)

Der ukrainische Metropolit Onufri, der Leiter der Kirche, hat sich schon zu Beginn des Krieges gegen den „Brudermord“ gewandt. Mehrere Diözesen kommemorierten Kyrill auch nicht mehr im Gottesdienst, erwähnten ihn nicht mehr in der Fürbitte, wie es sonst üblich ist.

Serge Klymenko aus Kiew ist Priester dieser Kirche. Als der Krieg ausbricht, ist er gerade auf einer Reise in Ägypten. Eine Rückkehr in sein Heimatland ist ihm zu riskant. Er strandet mit nichts als seinem Reisegepäck in Frankfurt, wo seine Tochter lebt. In der Stadt geht er zur Russisch-Orthodoxen Auslandskirche, die zwar unter Patriarch Kyrill steht, sich aber ebenfalls autonom verwaltet und offen sein will für Orthodoxe aller Prägungen. Dort gestaltet Klymenko zusammen mit dem örtlichen Priester die Gottesdienste, betreut andere geflüchtete Ukrainer als Seelsorger. Für das Gespräch mit der Presse Anfang Mai hat er sich extra den Talar angezogen und ein Kreuz umgehängt.

Serge Klymenko Foto: PRO/Jonathan Steinert
Serge Klymenko ist Priester der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche

Er beklagt die Spaltungen der Orthodoxie in seiner Heimat. Und sorgt sich vor allem um die Zukunft seiner Kirche. Sie sei in größter Bedrängnis, sagt er einige Wochen, bevor sich die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche vom Moskauer Patriarchen trennte. „Fast die gesamte Struktur ist angeklagt, ein Feind des Volkes zu sein.“

Den Vorwurf an ihn und seine Priesterkollegen, Kollaborateure Russlands zu sein, kennt er zur Genüge. Auch er sei von Landsleuten als Agent des russischen Geheimdienstes verdächtigt worden. „Nie im Leben habe ich mich mit Vertretern des Geheimdienstes getroffen“, beteuert Klymenko. „Ich bin sicher, dass auch 99 Prozent der Priester keine solchen Kontakte haben.“ Die Verbindung zum Moskauer Patriarchat sei vor allem eine geistliche, erklärt er. Die Liebe Christi sei letztlich das, was alle Konfessionen miteinander verbinde. Jetzt sei vor allem das Gebet geboten, damit der Krieg sofort ende.

Putins Stütze in der Ukraine

Dass es überhaupt mehrere orthodoxe Kirchen in der Ukraine gibt, führt Klymenko vor allem auf innerorthodoxe Streitigkeiten, kirchliche und politische Machtansprüche zurück – unter anderem zwischen dem Moskauer Patriarchen, der zahlenmäßig die größte orthodoxe Kirche repräsentiert, und dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel: Als Oberhaupt der orthodoxen Christen hatte er im Januar 2019 der aus zwei Abspaltungen fusionierten Orthodoxen Kirche der Ukraine den Status der Autokephalie verliehen, sodass diese eine rechtlich eigenständige Kirche innerhalb der orthodoxen Welt ist.

Um diesen Status habe auch die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche Moskauer Patriarchat seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion gerungen und verhandelt. Es wäre Kyrills Aufgabe gewesen, sie in diesen Stand zu entlassen, erklärt Klymenko. Dass dies auch in den vergangenen Jahren nicht geschehen ist, hat in den Augen des Kiewer Priesters einen politischen Grund: Die Gläubigen der mit Russland verbundenen Kirche sollten nach Putins und Kyrills Plan bei einem russischen Einmarsch in der Ukraine ihre Befreier willkommen heißen. Sie sollten Putins Stütze in der ukrainischen Bevölkerung sein.

Sollte das tatsächlich das Ziel gewesen sein, hat sich Putin ganz offensichtlich verrechnet. Klymenko fürchtet dennoch, dass es um seine Kirche schlecht bestellt ist. Die Verbindung nach Russland ist gekappt; schon vor ihrer Loslösung habe Kyrill die Kirche im Nachbarland hängen lassen, statt die Gläubigen nach dem Beginn des Krieges zu unterstützen. Gleichzeitig sind die Beziehungen zur orthodoxen ukrainischen Schwesternkirche schwer belastet. Die wirbt darum, dass einzelne Gemeinden zu ihr übertreten, heraus aus dem Einflussbereich der anderen.

Im ukrainischen Parlament hatte es sogar ein Gesetzesvorhaben gegeben, die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche Moskauer Patriarchat zu verbieten. Das liegt während des Krieges auf Eis. Klymenko sagt, es gebe Belege dafür, dass das Vorhaben nach dem Krieg wieder auf den Tisch komme. Er fürchtet auch Gewalt und Enteignungen gegenüber seiner Kirche und ihren Angehörigen. Die Lösung wäre, sich zu vereinigen. „Aber wie soll das gehen mit Schismatikern?“, fragt er.

Trost in der Beichte

Aus seiner Heimat hört Klymenko, dass dort mehr Menschen in die Gottesdienste kommen. Ebenso wie in die Kirche in Frankfurt, wo er zu Gast ist. Im Angesicht des Todes gibt es nur durch Gott Hoffnung auf die Zukunft“, erklärt er diese Entwicklung. Auch nach früheren Kriegen sei die Zahl von Mönchen gestiegen. Hier in Frankfurt trifft er Menschen, die aus dem Kriegsgebiet geflohen sind, deren Angehörige in Mariupol getötet wurden oder befreit werden konnten.

„Häufig liegt der Trost in der Beichte“, berichtet er über seine seelsorgerlichen Erfahrungen. Im persönlichen Gespräch lägen ihm die Worte oft nicht auf der Zunge. „Aber im Mysterium eröffnen sich die Worte durch Gottes Hilfe. Hier wirkt der Herr auf unsichtbare Weise selbst. So einen Trost gibt es sonst nirgends.“

Dass Menschen in Deutschland Flüchtlinge mit humanitärer Hilfe, mit Kleidung, Sprachkursen und anderen Dingen unterstützten, sei ebenfalls sehr tröstlich. Klymenko ist dankbar, hier sein zu können und so viel Hilfsbereitschaft zu erfahren. „Alle Kleidung, die ich trage, ist gespendet“, sagt er – bis hin zum Talar. Dann bricht er auf, zum Deutschkurs.

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