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Katholikentag stand im Zeichen von Krisen

Der 102. Katholikentag stand im Zeichen aktueller Krisen. Der Ukraine-Krieg und seine Anfragen an die christliche Friedensethik waren ein zentrales Thema. Am Sonntag ist das Christentreffen zu Ende gegangen.
Von Jonathan Steinert
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Irme Stetter-Kar, Dentralkomitee deutscher Katholiken

Foto: PRO/Jonathan Steinert

Die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Irme Stetter-Karp, zeigte sich zufrieden mit dem Verlauf des Katholikentags in Stuttgart

Am Sonntag ist der Katholikentag in Stuttgart zu Ende gegangen. Rund 27.000 Menschen nahmen laut den Veranstaltern an dem Christentreffen teil, das am Mittwochabend begonnen hatte. Das waren etwa zwei Drittel weniger als beim vorigen Katholikentag 2018 in Münster – den besuchten rund 80.000 Menschen. Dennoch zeigte sich Irme Stetter-Karp, Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, zufrieden. Lange sei wegen der Corona-Pandemie unsicher gewesen, ob der Katholikentag überhaupt analog stattfinden könnte. Daher sei er nicht mit den vorigen zu vergleichen.

Das Treffen stand mit seinen 1.500 Einzelveranstaltungen auch inhaltlich im Zeichen aktueller Krisen – der innerkirchlichen rund um das Thema Missbrauch und Reformdruck, aber auch der Pandemie und des Klimawandels. Der Krieg in der Ukraine war ebenfalls ein zentrales Thema auf dem Katholikentag.

Viele Besucher trugen Schals in Blau-Gelb, den Farben der ukrainischen Flagge. Bei einer Friedenskundgebung am Freitag sagte Stetter-Karp: „Krieg soll um Gottes Willen nicht sein.“ Christen müssten immer vom Frieden her denken und sich für ihn einsetzen. Jetzt werde jedoch die christliche Friedensethik von einem Angriffskrieg herausgefordert. Frieden sei mehr als die Abwesenheit von Krieg, betonte Stetter-Karp. Er basiere auf einem Recht, das auf der Würde des Menschen beruhe.

Katholikentag, Ukraine Foto: PRO/Jonathan Steinert
Der Katholikentag bekundete seine Solidarität mit der von Russland angegriffenen Ukraine

An die ukrainischen Gäste gerichtet sagte Stetter-Karp mit Tränen kämpfend: „Wir teilen Ihre Verzweiflung über die Ungerechtigkeit dieses Krieges, den Ihnen Russland aufgezwungen hat. Wir möchten mit Ihnen aber auch die große Hoffnung auf Frieden teilen.“ Stetter-Karp warb zudem dafür, als Christen auf zivile Friedensarbeit zu setzen. Auch beim Abschluss des Katholikentages betonte sie, die Ukrainer bräuchten unbedingt Unterstützung, und forderte eine neue gesellschaftliche Debatte über den Stellenwert der militärischen Verteidigung in einer künftigen Friedensordnung.

Militär allein aber könne die weltweiten Krisen, die der Krieg in der Ukraine schon jetzt ausgelöst habe, nicht lösen. So benötige es mehr Geld für den Entwicklungs-Etat des Bundes. Das hatte sie am Freitag bereits Kanzler Olaf Scholz bei seinem Besuch auf dem Katholikentag angetragen.

Auch bei mehreren Podiumsveranstaltungen ging es um den Krieg und seine Folgen – und immer wieder auch um das Dilemma der christlichen Friedensethik. Auch eine von der katholischen Militärseelsorge bereits im vorigen Herbst geplante Diskussion zum Einsatz bewaffneter Drohnen bekam durch den Krieg eine besondere Aktualität.

Christliche Friedensethik im Dilemma

In einer Podiumsdiskussion zu den Herausforderungen des Krieges für die Ökumene brachte Doris Hege, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in Deutschland, die traditionelle Perspektive ihrer Kirche von Gewaltfreiheit ein. „Ich erlebe es als Versuchung, wenn Menschen sagen: Wir müssen Krieg führen.“ Sie sei erschrocken über die breite, auch kirchliche Unterstützung von Waffenlieferungen. „Uns Christen steht es gut, im Sinne Christi gewaltfrei zu handeln“, sagte sie.

Sie wisse, dass man als Christ in einer Situation wie der jetzigen schuldig werde, ob man sich für Waffen einsetze oder dagegen. Sie betonte aber auch: „Wir können den Ukrainern nicht sagen: Ihr dürft euch nicht verteidigen.“ Zugleich sollten sich Christen vergewissern, „dass unser Geist nicht zu einem wird, der vom Siegen über andere geprägt ist, sondern vom Miteinander.“

Die katholische Theologin Regina Elsner vom Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien erklärte, der Krieg habe auch für den ökumenischen Dialog gravierende Auswirkungen. „Was heißt das für unser Verständnis von Christsein und Glaube, wenn eine Kirche einen Angriffskrieg unterstützt und sich so radikal von unserer Vorstellung vom Friedensdialog verabschiedet?“, skizzierte sie das Kernproblem.

Ukrainisch-orthodoxe Kirche spaltet sich von Moskau ab

Der Dialog der deutschen Bischofskonferenz mit der russisch-orthodoxen Kirche sei derzeit ausgesetzt. Daher müsse geklärt werden, unter welchen Bedingungen er wieder aufgenommen werden könne – ebenso die Gespräche mit den russisch-orthodoxen Kirchen in Belarus und der Ukraine. Es gebe auch andere Gesprächspartner als den Patriarchen Kyrill, sagte Elsner und betonte: „Wir können über nichts anderes sprechen, bevor wir nicht über Frieden und Krieg gesprochen haben.“

Auch Radu Constantin Miron, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen, sprach sich dafür aus, die friedensethische Debatte in ökumenischen Gesprächen zu thematisieren und vor allem mit den ukrainischen Kirchen im Kontakt zu bleiben. Die Diskutanten verwiesen zudem auf das zur gleichen Zeit in Kiew stattfindende Landeskonzil der ukrainisch-orthodoxen Kirche, die dem Patriarchen von Moskau unterstellt ist.

Hernach wurde bekannt, dass sich die Kirche wegen der unterschiedlichen Auffassungen zum Krieg loslöst von Moskau und Patriarch Kyrill. Dieser unterstützt den Krieg Russlands gegen die Ukraine.

Historisches Zeitfenster

Auf einer anderen Veranstaltung zum Ukraine-Kieg betonte der CSU-Politiker Manfred Weber, die NATO dürfe nicht Kriegspartei werden. Dennoch sei es „unser Krieg, weil es um unsere Werte geht“. Es sei nicht nur ein regionaler Konflikt. Auch China beobachte die Situation genau und ziehe seine Schlüsse daraus.

„Wir leben in einem entscheidenden historischen Zeitfenster“, betonte der Vorsitzende der christdemokratischen EVP-Fraktion im Europäischen Parlament. Es gehe um die Frage, ob sich geopolitische, nationalistische Vorhaben in der Welt durchsetzten oder die Idee eines Miteinanders jenseits nationalistischer Interessen. „Es geht um unser Lebensmodell, das auf christlichen Vorstellungen basiert. Deshalb müssen wir an der Seite der Ukraine stehen.“

Putin dürfe den Krieg daher nicht gewinnen. Der Ansatz der vergangenen Jahre, dem russischen Präsidenten Zugeständnisse zu machen, sei gescheitert. „Wer Frieden sichern will, muss dafür sorgen, dass Politiker wie Putin nicht erfolgreich sind.“ Europa könne seine humanitäre und wirtschaftliche Macht nutzen, um Konflikten vorzubeugen. Geichzeitig sei auch die Fähigkeit zur Verteidigung notwendig.

Mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Kanzler Scholz waren auch die Spitzen der deutschen Politik auf dem Katholikentag zu Gast. Auch sie sprachen über die aktuellen Krisen und die Zeitenwende durch den Ukraine-Krieg.

Der nächste Katholikentag ist 2024 geplant. Im kommenden Jahr ist der Evangelische Kirchentag in Nürnberg zu Gast. Auch gibt es Überlegungen für einen vierten ökumenischen Kirchentag. 2021 hatte das konfessionsübergreifende Treffen als hybrides Format in Frankfurt am Main zum dritten Mal stattgefunden.

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