Neues Album „Highway to Heaven“: Nina Hagen freut sich auf den Himmel

Nina Hagen greift auf ihrem neuen Album „Highway To Heaven“ auf solide alte Gospel-Songs zurück. Deren Texte spiegeln ihre Liebe zu Jesus wider. Mit dabei: Gitte Hænning und Nana Mouskouri.
Von Jörn Schumacher
Das Cover von Nina Hagens Album „Highway To Heaven“. Ihr Gesicht ist im Porträt zu sehen, mit schwarzem Haar und bunter Schrift: „Highway To Heaven, Nina Hagen“

Der Albumtitel „Highway To Heaven“ klingt nach einem christlichen Gegenentwurf zum „Highway to Hell“ von AC/DC. Das sei aber nicht gemeint, vielmehr stammt er vom Gospelsong „There’s A Highway To Heaven“, der bereits aus den 40er Jahren ist. Die als Punksängerin bekannt gewordene Nina Hagen hat auf ihrem 20. Studioalbum 14 Songs gecovert, die vom Glauben handeln.

Das Album erscheint bei „Grönland Records“ fünfzehn Jahre nach „Personal Jesus“, auf dem sie ebenfalls Gospels und Spirituals neu interpretierte. Kurz zuvor hatte sich die in Ost-Berlin geborene „Godmother of Punk“ in Schüttorf an der holländischen Grenze evangelisch-reformiert taufen lassen. Ein Jahr darauf erschien ihre Autobiographie „Bekenntnisse“, in der sie schildert, wie sie zum Glauben an Jesus kam. Sie habe ein Nahtod-Erlebnis gehabt, schrieb Nina Hagen darin, sie sei „gestorben, kurz mal im Heimatland der Seele aufgetaucht“ und habe Gott um Hilfe gerufen. „Und er hat geantwortet und mich gerettet. Diese eine Nacht mit Jesus Christus bestimmt mein ganzes Leben.“

„Alle wollen in den Himmel, aber keiner hat Bock auf Tod“

Das Album „Highway To Heaven“ der heute 70-Jährigen beginnt bodenständig mit dem Boogie-artigen „Everybody Gonna Have A Wonderful Time Up There“, das ursprünglich von 1947 ist und durch eine Version von Johnny Cash bekannt wurde. Hagen ändert hier nicht viel, der Song ist solide, aber entsprechend auch weniger überraschend. Erst mit jedem weiteren Song auf diesem Album scheint sich die Sängerin mehr zu trauen und von der Vorgabe des Originals abzuweichen – damit wird das Album immer interessanter.

„Somebody Prayed For Me“ ist leicht punkig, der treibende Rhythmus macht es fast zu einem Gute-Laune-Party-Stück, es ist eine Neuinterpretation des gleichnamigen Gospels-Songs von Dorothy Norwood. Die Sängerin freut sich in dem englischsprachigen Text: „Jemand hat für mich gebetet. (…) Sie fielen auf die Knie. / Und beteten für mich. / Sie hatten keinen Zweifel, / dass Gott mich retten würde. (…) Ich bin so froh, dass jemand für mich gebetet hat. / Ich war verloren und allein in einer kalten, dunklen Welt. / Ich konnte weder Frieden noch Freiheit finden.“

In „Trouble Of The World“ – bekannt durch Gospel-Königin Mahalia Jackson – geht es um die Sehnsucht, das schwere, leidvolle Leben auf der Erde endlich hinter sich zu lassen und „nach Hause zu Gott“ zu gehen. Stark: nur Hagens Stimme und eine Blues-Gitarre in „Walk with me Jesus“.

„Never Grow Old“ singt Nina Hagen gemeinsam mit ihrer Freundin Nana Mouskouri. Selbstverständlich kann auch eine 91-jährige Mouskouri nicht mehr klingen wie mit 27, als sie „Weiße Rosen aus Athen“ aufnahm. Aber wie heißt es im Text dieses Gospels, der selbst schon über Hundert Jahre alt ist, so schön: „Ich hörte von einem Land / Am fernen Strand / Es ist ein wunderschönes Zuhause der Seele / Erbaut von Jesus im Himmel / Dort werden wir niemals sterben / Es ist das Land, wo wir niemals alt werden“.

Nicht bei allen Songs würde man seine Hand dafür ins Feuer legen wollen, dass im Studio die Stimmen der Nicht-mehr-20-jährigen Sängerinnen digital etwas aufgehübscht wurden. Etwa bei „There’s A Highway To Heaven“, das Hagen mit einer anderen langjährigen Freundin, Gitte Hænning, aufnahm. Das Original ist ein bekannter Gospel, der ursprünglich von Thomas A. Dorsey (dem „Vater des Gospel“) geschrieben wurde. Manchmal ist es auch nur ein Hall, der die Stimmen irgendwie entfernt erscheinen lässt.

Das Album ist immer dann stark, wenn man den Eindruck hat, Hagen habe sich ein wenig mehr eigene Farbgebung zugetraut. In „Everything‘s gonna be alright“ (When my Jesus comes) springt die Sängerin (leider nur) für ein paar Zeilen ins Deutsche: „Kann mich jetzt schon freu‘n, wenn mein Jesus kommt“. Und wenn sie „Everybody Wanna Go to Heaven“ übersetzt mit „Alle wollen in den Himmel“, klingt da für einen Moment die „Punkröhre“ von damals durch. „Alle wollen in den Himmel, aber keiner hat Bock auf Tod“, singt sie, und „Tod“ klingt hier herrlich Nordisch nach „Doud“, und nicht nur beim Wort „Herr“ hört man Hagens charakteristisch rollendes „R“.

„Dust on the Bible“, ein Country-Gospel-Klassiker, der davon handelt, dass jemand lieber Zeitschriften liest und die Bibel dabei immer mehr verstaubt (am berühmtesten ist die Version von Kitty Wells aus dem Jahr 1959), wird bei Nina Hagen zu einem fast schon futuristischen Reggae. Andere kommen nicht wirklich an das bluesige Gefühl des Originals heran – etwa beim Cover von „Hand It Over“, das vom amerikanischen Bluessänger Keb‘ Mo‘ ist.

Gegen Ende überrascht dann wieder „Dry Bones“, das eigentlich ein amerikanisches Kinderlied ist, mit dem die Namen von Körperteilen gelernt werden. Hagen macht daraus eine lässige Hip-Hop-Version, die ein bisschen an „Paper Planes“ von M.I.A. erinnert und Ohrwurm-Charakter hat. Um den Glauben geht es hier nicht, außer dass es zufällig der biblische Hesekiel ist, der die Vision von den vielen Knochen hat, die sich zu lebendigen Körpern zusammenfügen.

Schade, dass sich auch auf diesem Album keine eigenen Songs der Sängerin befinden. Blues muss man im Blut haben, sagt man. Man kann ihn sich nicht anziehen wie einen Pullover. Entweder man hat ihn, oder man hat ihn nicht. Bei Nina Hagen spürt man in jedem Fall ihren Spaß, diese alten Songs zu singen. Und wer ihre Lebensgeschichte kennt und ihre ehrliche, fast kindliche Hinwendung zum Glauben, der nimmt ihr jeden Song und jedes Wort ab.

Nina Hagen: „Highway To Heaven“, Grönland Records, 17,99 Euro, erscheint am 27. März 2026 als CD, auf Vinyl und als Stream

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