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Leitende Geistliche appellieren nach Brand in Moria an Politik

Die leitenden Geistlichen der evangelischen Landeskirchen haben nach dem Brand im griechischen Flüchtlingslager Moria einen gemeinsamen Appell an die deutsche EU-Ratspräsidentschaft und Innenminister Horst Seehofer gerichtet. Sie fordern umgehende Lösungen bei der Verteilung von Flüchtlingen und sagen ihrerseits Unterstützung zu.
Von PRO
Wer in den Wohncontainern des Flüchtlingslagers Moria keinen Platz mehr bekam, musste sich mit einem Zelt im Olivenhain begnügen. Auf 16 Quadratmetern war für bis zu vier Familien Platz.

Foto: Silas Zindel GAiN Schweiz

Wer in den Wohncontainern des Flüchtlingslagers Moria keinen Platz mehr bekam, musste sich mit einem Zelt im Olivenhain begnügen. Auf 16 Quadratmetern war für bis zu vier Familien Platz.

In der Nacht zum Mittwoch sind weite Teile des Flüchtlingslagers Moria auf der griechischen Insel Lesbos abgebrannt. Die leitenden Geistlichen der evangelischen Landeskirchen haben sich daraufhin in einem gemeinsamen Appell an die deutsche Politik gewandt. Adressaten sind zum einen Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und die EU-Ratspräsidentschaft, die Deutschland derzeit inne hat. Die Bischöfe und Präsides der Gliedkirchen äußern sich „erschüttert über das Leid, das erneut über die schutzsuchenden Menschen gekommen ist, und entsetzt, dass es der Europäischen Union trotz vielfacher Warnungen nicht gelungen ist, diese Eskalation der menschenunwürdigen Situation in dem Lager zu verhindern“.

Sie fordern, „umgehend“ eine europäische Lösung zu finden, um Schutzsuchende auf aufnahmebereite Länder zu verteilen. Seehofer solle zudem seinen Widerstand dagegen aufgeben, in Deutschland Flüchtlinge aufzunehmen. Die Kirchenleiter sagten ihrerseits ihre Unterstützung dafür zu. Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, betonte am Mittwoch gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, dass den Menschen „sofort und dauerhaft geholfen“ werden müsse.

Deutsche Initiative oder europäische Lösung

Als „Katastrophe mit Ansage“ bezeichnete der Hamburger Erzbischof Stefan Heße den Brand in Moria. Er ist bei der Deutschen Bischofskonferenz als Sonderbeauftragter für Flüchtlingsfragen zuständig. Es habe bereits vor dieser Entwicklung Appelle aus Kirche und Zivilgesellschaft gegeben, für eine „menschenwürdige Aufnahme der Schutzsuchenden“ zu sorgen. Dass die Bundesrepublik einige hundert alleinreisende und kranke Minderjährige aufgenommen habe, sei ein Tropfen auf dem heißen Stein gewesen. „Die mit dem Flüchtlingslager Moria verfolgte Politik der Abschreckung geht auf Kosten der Menschlichkeit“, teilte er in einer Stellungnahme mit. Er warnte angesichts der Situation auf den griechischen Inseln davor, alle Asylverfahren zukünftig an den EU-Außengrenzen abzuwickeln. „Europa muss nun alles daransetzen, die bestehende humanitäre Krise zu überwinden, statt potenziell neue Krisenherde zu entfachen“, betonte Heße. Sollten sich die Mitgliedstaaten der EU nicht auf eine gemeinsame Lösung einigen können, müsse eine „humanitäre Koalition der Willigen“ vorangehen.

Mehrere Bundesländer und Kommunen hatten bereits vor mehreren Wochen ihre Bereitschaft signalisiert, eine begrenzte Zahl von Flüchtlingen aus Griechenland aufzunehmen. Dem hat Seehofer bislang nicht zugestimmt, weil er einen deutschen Alleingang ablehnt. Stattdessen hält er an einer europäischen Lösung fest. Diese Position haben verschiedene Unionspolitiker auch jetzt bekräftigt. Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, der kürzlich das Camp Moria selbst besucht hatte, erklärte, dass sein Bundesland 1.000 Flüchtlinge aufnehmen würde. Schnelle humanitäre Hilfe sei nötig. Gleichzeitig betonte er im ZDF, dass es eine „viel größere Lösung“ brauche „als nur einen deutschen Alleingang“. Das Problem sei „nicht damit gelöst, dass alle nach Deutschland kommen“, sonst sei es in kurzer Zeit wieder da.

Weitere Bundesländer erneuerten ihr Angebot, Menschen aus den griechischen Flüchtlingslagern aufzunehmen. Niedersachsens SPD-Ministerpräsident Stephan Weil forderte ebenso wie die SPD-Parteivorsitzende Saskia Esken oder Thüringens Regierungschef Bodo Ramelow von der Linken, die deutschen Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen.

Eskalation war abzusehen

Das Camp Moria auf der griechischen Insel Lesbos ist schon seit Langem überfüllt. Ausgelegt war es mit Wohncontainern, sanitären Anlagen und Elektrizität für knapp 3.000 Menschen. Zwischenzeitlich lebten rund 20.000 Bewohner dort, viele im angrenzenden Olivenhain in Zelten. Vor dem Ausbruch der Feuer waren es noch rund 12.600. „Es sind mehr Menschen gekommen, als Anträge bearbeitet werden konnten“, berichtet Andrea Wegener von der christlichen Hilfsorganisation Euro Relief im Gespräch mit pro. Spannungen habe es unter den Bewohnern des Camps immer gegeben – Messerstechereien und Gewalt mit Toten und Verletzten etwa. Nachts habe sich kaum jemand getraut, sein Zelt zu verlassen. „Dass etwas eskalieren wird, haben wir immer gesagt. Die Frage war nur, wann es geschieht.“

Am 2. September wurde in Moria der erste Covid-19-Fall festgestellt. Bis jetzt wurden 35 Menschen dort positiv auf das Virus getestet, 34 von ihnen ohne Symptome, sagt Wegener. Offenbar habe deren angeordnete Isolation zu Unruhe und Widerstand im Camp geführt. Für Aufregung habe auch gesorgt, dass die griechischen Behörden kürzlich für rund eine Million Euro Zaun gekauft hätten, um Moria zu einem geschlossenen Camp zu machen. Es gebe Hinweise darauf, dass Bewohner des Lagers die Feuer selbst gelegt haben. Laut Medienberichten soll es auch einzelne Angriffe auf die Feuerwehr gegeben haben. Andere Theorien gehen von Brandstiftung durch Rechtsradikale aus. „Uns war klar: Wenn das Coronavirus Moria erreicht, ist die Krankheit das kleinere Problem. Schwieriger würden die psychischen Folgen der Isolation, die Spannungen und die Gewalt sein. Das hat sich nun bestätigt.“

Wie Wegener sagt, hielten sich nach wie vor tausende Flüchtlinge in der Nähe des nun zerstörten Camps auf. Andere hätten sich auf den Weg über die Insel gemacht oder versuchten, in die Hauptstadt oder zum Hafen zu kommen. Wegener fürchtet, dass es dadurch auch zu Zusammenstößen mit den Inselbewohnern kommen kann. „Die Polizei und das Militär muss jetzt alle vor allen beschützen.“

Von: Jonathan Steinert

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