Im Flüchtlingslager Moria hausen derzeit 16.000 Menschen unter erbärmlichen Zuständen – auch über die Grenzen des Camps hinaus

Im Flüchtlingslager Moria hausen derzeit 16.000 Menschen unter erbärmlichen Zuständen – auch über die Grenzen des Camps hinaus

Flüchtlingscamp Moria: „Gott hat mich hierhin geschickt“

Die überfüllten Flüchtlingscamps auf den griechischen Inseln, allen voran Moria auf Lesbos, gehören derzeit wohl zu den schrecklichsten Orten in Europa. Die griechische Regierung will die Lager auf Lesbos, Samos und Chios jetzt schließen. Andrea Wegener ist seit einem Jahr für die Organisation GAiN vor Ort und hat pro von der aktuellen Situation berichtet.

pro: Wie ist die Lage aktuell im Camp Moria auf der Insel Lesbos?

Andrea Wegener: Es ist schlimm. Übers Frühjahr hatte sich die Situation etwas entschärft und wir hatten bei einer Kapazität für etwa 3.000 „nur noch“ etwa 5.000 Leute im Camp. Im Sommer gab es unterwartet viele Neuzugänge – so viele wie seit dem Türkei-Abkommen im März 2016 nicht mehr – und wenige Verlegungen aufs Festland. Letzte Woche haben wir dann die 16.000-Personen-Marke „geknackt“. Darunter sind gut 5.000 Kinder. Diese Überfüllung bringt mit sich, dass viele Menschen schon lange keinen halbwegs akzeptablen Platz mit Zugang zu Sanitäranlagen und Elektrizität mehr finden, sondern Zelte und selbstgebaute Verschläge überall um das Camp herum hinsetzen – sehr zum Leidwesen der Grundstücksbesitzer, die jetzt gerne ihre Oliven ernten würden. Dort gibt es keine Sanitäranlagen und keinen Strom und die Müllberge werden immer größer. Viele schlafen tagelang im Freien, bis wir sie unterbringen können. Und in diesen Tagen beginnen die Regenfälle der Wintermonate. Wir möchten gar nicht daran denken.

Wie sind die hygienischen Zustände?

Wir haben früher einmal ausgerechnet, dass 75 Menschen auf eine Toilette kommen, aber inzwischen sind es deutlich mehr. Die Leute stehen lange dort an, von den Duschen ganz zu schweigen. Viele Frauen haben Angst, alleine zu den Sanitäranlagen zu gehen, erst recht im Dunkeln. Ich sehe auch mehr Menschen mit Hautausschlägen als vor einem halben Jahr; Krätze, Läuse und Wanzen gehören schon immer zum Alltag und sind bei uns nicht mehr der Rede wert; aber der viele Müll ist ein echtes Problem – Kinder werden von Ratten gebissen. Da ist eine Schmerzgrenze überschritten!

Wie wirkt sich das auf die Stimmung der Menschen im Camp aus?

Die Stimmung verschlechtert sich entsprechend. Die Leute haben einfach auch Angst vor der nahen Kälte. Ich bin, ehrlich gesagt, erstaunt, dass es nicht viel öfter zu Ausschreitungen kommt. Die Bewohner organisieren sich an vielen Stellen selbst und helfen einander in all dem Elend. Das beeindruckt mich immer sehr.

Gibt es Gewalt?

Ja, sicher, in letzter Zeit wieder mehr. Wenn rund 60 ethnische Gruppen, die einander zu Hause teilweise bis aufs Blut bekämpft haben, auf so engem Raum zu leben gezwungen sind, ist das ja auch nicht weiter verwunderlich. Und für ganz viele von diesen Leuten aus Kriegs- und Krisengebieten ergibt ein Satz wie „Gewalt ist keine Lösung“ überhaupt keinen Sinn, weil sie nie eine andere Lösung kennengelernt haben. Wir bekommen eigentlich täglich irgendwo im Camp von einer Messerstecherei zu hören. Und dann gehen auch mal vierzig oder sechzig Leute mit Schlagstöcken aufeinander los, bis die Polizei einschreitet. Für die Familien und andere Unbeteiligten ist das sehr belastend; die fordern auch ein härteres Eingreifen von Seiten der Behörden.

Andrea Wegener arbeitet seit einem Jahr für die Hilfsorganisation GAiN unter der Organisation EuroRelief in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln Lesbos und Chios. Bis 2018 leitete sie die Öffentlichkeitsarbeit der Missionsorganisation Campus für Christus. Nebenher arbeitete sie jedes Jahr einige Wochen in Auslandseinsätzen, unter anderem in Haiti oder im Irak.

Andrea Wegener arbeitet seit einem Jahr für die Hilfsorganisation GAiN unter der Organisation EuroRelief in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln Lesbos und Chios. Bis 2018 leitete sie die Öffentlichkeitsarbeit der Missionsorganisation Campus für Christus. Nebenher arbeitete sie jedes Jahr einige Wochen in Auslandseinsätzen, unter anderem in Haiti oder im Irak.

Wie viele Menschen kommen pro Tag im Camp an?

Im September und Oktober waren es insgesamt 10.000. In den letzten Tagen kamen mehrmals über 200 an, dazwischen gibt es mal Tage mit 50 oder gar keinem. Fluchtursachen gibt es natürlich viele – darüber sind sicher schon genügend Bücher geschrieben worden – und die Leute kommen dann mit ein paar Wochen oder Monaten Verzögerung hier bei uns an. Viele leben auch schon länger in der Türkei und nehmen die aktuellen Entwicklungen dort als Anlass, sich gerade jetzt in ein Boot Richtung Griechenland zu setzen. Es gibt viele Gerüchte – einige davon auch bestätigt – zum Beispiel, dass Syrer einfach in einen Bus gesetzt und hinter der Grenze zu Syrien ausgesetzt werden. Auch in Griechenland gibt es immer flüchtlingsfeindlichere Gesetze, da wollen viele vermutlich noch durchs Netz schlüpfen, bevor die umgesetzt werden.

Wie ist das Camp organisiert? Wie viele Mitarbeiter kümmern sich um die Flüchtlinge?

Es ist ein Militärgelände von ungefähr 4,2 Hektar – darunter ein Drittel Lagerräume und das campeigene Gefängnis. Drum herum Stacheldraht und hohe Zäune, in denen aber inzwischen jede Menge Durchgänge und Löcher sind. Das Militär beaufsichtigt die Essensausgabe und ist für die Sicherheit „im Großen“ verantwortlich – wir sind immerhin sehr nahe an der Türkei. Daneben gibt es die griechische Camp-Verwaltung und die staatlichen Ärzte. Und dann spielen viele Akteure und Organisationen zusammen – Frontex und Polizei, Asyldienste, alle möglichen Behörden und speziell für die rund 1.000 unbegleiteten Minderjährigen angestellte Sozialarbeiter, dazwischen die vielen Hilfsorganisationen wie unsere. Es sind sicher mehrere hundert Mitarbeiter und Ehrenamtliche aktiv, wobei „Kümmern“ da eben auch so ziemlich alles umfasst vom Fingerabdrücke-Abnehmen bis zum Gitarrenunterricht.

Welche Aufgabe hat Ihre Organisation dabei?

Wir von EuroRelief sind für die New Arrivals – die Neuankömmlinge – verantwortlich: Wir geben Schlafsäcke, Kleider- und Hygienepakete aus und versorgen die Leute, bis sie im Camp unterkommen. Außerdem ist „Shelter Allocation“ unsere Aufgabe, also dass jeder einen Platz in einem Container oder Zelt findet, und Letzteres möglichst auf Europaletten und unter einer Plane. Wir verteilen auch Hilfsgüter und haben einige Betreuungsaufgaben unter den unbegleiteten Minderjährigen und den alleinreisenden Frauen. Im Schnitt sind wir mit etwa 60 Leuten täglich in Moria aktiv – das sind alles ehrenamtliche Kurz- und einige Langzeitler.

Woran fehlt es im Camp am meisten?

Platz. Psychologische Betreuung. Hoffnung. Was Materielles betrifft, so kann man das nicht so einfach beantworten: Es fehlt immer an irgendetwas: Seife, Zelte, Matten, Männerunterhosen, Paletten, Winterjacken – aber man kann Hilfsgüterlieferungen nicht immer punktgenau planen, weil sich die Zahlen von Neuankömmlingen und Abgängen nicht vorhersehen lassen und gelegentlich auch große Sachspenden ohne Ankündigung ihren Weg zu uns finden, sodass wir dann zuviel des Guten haben und damit Lagerungsprobleme.

Kinder im Camp Moria auf Lesbos

Kinder im Camp Moria auf Lesbos

Gab es Momente, in denen Sie aufgeben wollten?

Ich denke eigentlich täglich: Das hier ist drei Nummern zu groß für mich und für uns alle. Es funktioniert so vieles nicht, wie man es sich wünscht, es menschelt an so vielen Stellen, die griechische Bürokratie ist berüchtigt, man muss im Gewimmel der Völker und Sprachen durch unendlich viele Kulturunterschiede hindurchnavigieren – und dazu kommt der enorme Dauerdruck, für so viele höchst verletzliche Menschen und die eigenen Mitarbeiter mitverantwortlich zu sein. Aber der Gedanke ans Aufgeben kommt mir in solchen Situationen eher nicht. Ich erinnere mich dann daran, wie ich den Eindruck hatte, dass Gott mich hierhin schickt, und dass ich schon am richtigen Platz bin. Und dass ich eben nicht Gott und nicht allmächtig bin und mit Begrenzungen leben muss.

Die Unterkünfte im Camp reichen schon lange nicht mehr aus, viele leben in Zelten und selbstgebauten Verschlägen

Die Unterkünfte im Camp reichen schon lange nicht mehr aus, viele leben in Zelten und selbstgebauten Verschlägen

Gibt es auch kleine Lichtblicke im Camp-Alltag?

Aber sicher! Wir haben es doch mit Menschen zu tun, oft mit sehr liebenswerten, freundlichen, dankbaren. Manchmal mit kichernden Kindern, die einfach nur ihre drei Worte Englisch loswerden möchten. Wir werden auch oft zum Chai oder zum Essen in ein mit Menschen vollgestopftes Zelt eingeladen – von Leuten, die eigentlich nichts haben. Es ist schön, wenn man Einzelne – unsere Übersetzer zum Beispiel oder die „Abgeordneten“ ihrer jeweiligen Volksgruppe – ein bisschen als Persönlichkeiten kennenlernt und ein Miteinander entwickelt, in dem man zusammen lachen kann.

Der Camp-Leiter hat im Sommer aufgegeben. Woher nehmen Sie die Kraft, trotz des vielen Leids und der katastrophalen Umstände weiterzumachen? Welche Rolle spielt Ihr Glaube dabei?

Für mich persönlich macht es ganz viel aus, dass ich schon von Haus aus eine ziemlich stabile geistliche Grundlage mitbekommen habe, die sich bei Einsätzen in anderen Krisengebieten auch schon als tragfähig erwiesen hat. Ich weiß, dass wir in einer gefallenen Welt leben, und dass wir gerade in ihr aufgerufen sind, Licht ins Dunkel zu tragen. Ich versuche den einzelnen Menschen zu sehen, dem ich in dieser kleinen Sache vielleicht ein kleines bisschen helfen kann, und mache mir keine Illusionen, die Welt retten zu können. Das ist ganz schön befreiend. Ich glaube, dass unsere Hilfe „im Namen des Herrn steht, der Himmel und Erde gemacht hat“ – das ist schon ziemlich gewaltig, wenn man es sich bewusst macht – aber, dass unser Helfen dann trotzdem Stückwerk bleibt.

Das bleibt eine Spannung, mit der ich mal mehr, mal weniger leben kann. Ich lerne, das Viele, das ich nicht in der Hand habe, im Gebet abzugeben. Und ich halte mich an meine kleine griechisch-englische Ortsgemeinde in Mytilene; manche Wahrheiten muss man immer wieder einander zusprechen.

Zu wenige sanitäre Anlagen: Mehr als 75 Menschen müssen sich eine Toilette teilen. Häufig bilden sich lange Schlangen.

Zu wenige sanitäre Anlagen: Mehr als 75 Menschen müssen sich eine Toilette teilen. Häufig bilden sich lange Schlangen.

Griechenland wird die drei größten Flüchtlingslager des Landes auf Lesbos, Samos und Chios schließen und will sie durch geschlossene Haftanstalten ersetzen. Während des Prozesses sollen mehrere tausend Flüchtlinge auf dem Festland untergebracht werden. Was halten Sie von diesem Schritt?

Ja, das ist hier auch Gesprächsthema Nummer eins. Man sollte diese Pläne im Zusammenhang mit der weiteren Gesetzgebung für Flüchtlinge sehen, die ab dem nächsten Jahr in Kraft tritt – und da gibt es viel Anlass zu großer Sorge! Tausende von Leuten aufs Festland zu verlegen, wäre großartig; das ist ja immer die Hoffnung der Menschen hier, aber die Mühlen der griechischen Bürokratie mahlen da sehr langsam. Das betrifft auch die neuen geschlossenen Lager: Im Moment ist alles noch zu unklar, als dass wir irgendetwas planen könnten. Fest steht: Wir wollen bei den Menschen sein, auch wenn die Umstände noch unmenschlicher werden und das Arbeiten noch schwieriger.

Gibt es etwas, das die Menschen hierzulande tun können, um zu helfen?

Wir können bei EuroRelief immer physisch und emotional stabile Ehrenamtliche mit Englischkenntnissen brauchen. Ein Einsatz ist ab zwei Wochen möglich. Man kann zum Beispiel über meine sendende Organisation GAiN spenden.

Aber ich glaube, über das direkte Helfen hinaus macht es etwas aus, wenn wir die dort am Rand Europas Gestrandeten nicht als gesichtslose Masse vergessen. Es sind einzelne Menschen, denen die Hoffnung dort im Warten verloren geht. Man kann sich auch von Deutschland aus informieren und beten: für die politische Situation in Griechenland und dass die Bevölkerung ihre Barmherzigkeit wiederentdeckt. Für Gruppen innerhalb des Camps – zum Beispiel für die Kinder, oder die minderjährigen Jungs und ihre Nöte, oder für die alleinreisenden Frauen, die hochgradig gefährdet sind. Dass sich gute Lösungen finden lassen, sodass Menschen sich sicher im Camp bewegen können, Konflikte nicht in Gewalt münden, das Miteinander der vielen Helfer immer besser funktioniert.

Vielen Dank für das Gespräch!

Ihre Erlebnisse auf Lesbos verarbeitete Andrea Wegener in einem Buch: „Wo die Welt schreit“, 224 Seiten, fontis, 16 Euro, ISBN 9783038481775

Ihre Erlebnisse auf Lesbos verarbeitete Andrea Wegener in einem Buch: „Wo die Welt schreit“, 224 Seiten, fontis, 16 Euro, ISBN 9783038481775

Die Fragen stellte Swanhild Zacharias. Andrea Wegener antwortete schriftlich.

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