Foto: PRO

Das christliche Medienmagazin

„Lagerfeuer“ Fernsehen ist passé

Das Fernsehen ist als gemeinschaftsstiftendes Element weggefallen, und damit das gemeinsame „Lagerfeuer“, das Bürgern beglaubigen konnte, Teil der sozialen Wirklichkeit zu sein. Damit sei auch die Möglichkeit geschwunden, eine demokratische Gemeinschaft zu konstruieren. Das sagte der Soziologe Harald Welzer bei den Südwestdeutschen Medientagen.
Von Jörn Schumacher
Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on whatsapp
Share on email
Foto: pro/Jörn Schumacher
Der Zukunftsforscher Harald Welzer sprach am Mittwoch bei den Südwestdeutschen Medientagen über das Ende des Mediums Fernsehen als „Lagerfeuer“ für alle Bürger

Die Medien seien immer mehr fragmentiert, sagte der Zukunftsforscher Harald Welzer bei den Südwestdeutschen Medientagen, die in Landau stattfanden. Welzer war, wie viele andere Teilnehmer, per Video zugeschaltet. In der Fragmentierung der Medien liege eine hohe Brisanz, so Welzer: „Das betrifft unter Umständen die Grundverfasstheit der Gesellschaft. Wir stehen am Beginn einer Umformatierung dieser Öffentlichkeit.“

Welzer war eingeladen worden, zum Thema „Was wärmt nach dem Lagerfeuer?“ zu sprechen. Die Südwestdeutschen Medientage wurden gemeinsam von der Evangelischen Akademie der Pfalz, dem Frank-Loeb-Institut an der Universität Koblenz-Landau, der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz und dem Deutschen Journalistenverband Rheinland-Pfalz durchgeführt. Der Soziologe und Sozialpsychologe Welzer ist seit 2012 Honorarprofessor für Transformationsdesign an der Europa-Universität Flensburg, er lehrt an der Universität St. Gallen und ist Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Beiräte und Akademien. Er rief vor zehn Jahren die gemeinnützige Stiftung „Futurzwei“ ins Leben, die nach Welzers eigenen Worten „so etwas wie einen konstruktiven Journalismus“ etablieren soll. Zuletzt kuratierte Welzer die Ausstellung „Von Luther zu Twitter“, die wegen Corona jedoch nur kurz geöffnet war.

Fake News als Versuch der Gemeinschaftsstiftung

Die Ausstellung „Von Luther zu Twitter“ habe deutlich gezeigt, dass es mit jeder medialen Innovation eine Neuschöpfung von politischer Öffentlichkeit gegeben habe. „Es traten immer nach einer gewissen Zeit politische Akteure auf, die die Medien zu nutzen gelernt haben“, so Welzer. Die Nationalsozialisten hätten etwa verstanden, dass das neue Medium Radio nicht nur für Musik, sondern auch für die Verbreitung politischer Botschaften an viele Menschen genutzt werden könne. Gerade diese Mischung aus beidem sei bedeutsam gewesen.

Ebenso habe es beim Fernsehen schon früh den Versuch gegeben, damit eine demokratische Gemeinschaftlichkeit zu konstruieren. Welzer: „Ich kann das nicht ins Grundgesetz schreiben: Seid für die Demokratie! Das muss von den Bürgern selbst kommen. Dafür muss es eine Motivation geben, die der Erkenntnis folgt: ‚Ich bin Teil von etwas, wovon die anderen auch Teil sind.‘“ Das Fernsehen habe diese Gemeinsamkeit durch Unterhaltung erreicht, und bei manchen Shows habe die Hälfte der Bevölkerung abends vor dem Fernseher gesessen. „Seien es Boxkämpfe gewesen oder die Mondlandung, Anlässe also, die das Gefühl vermittelten, man sei Zeuge und Teilnehmer eines historisch bedeutsamen Ereignisses“, so Welzer.

Daher könne man das Fernsehen zur damaligen Zeit mit einem Lagerfeuer vergleichen, um das sich die ganze Familie versammelte. „Wichtig ist dabei gewesen, dass alle Beteiligten sich gegenseitig beglaubigen konnten, Teil der sozialen Wirklichkeit zu sein.“ Diese Funktion erfülle das Fernsehen heute nicht mehr. Welches Medium diese Funktion nun ersetze, sei nicht klar. Das Internet habe einen sehr großen Strukturwandel der Öffentlichkeit herbeigeführt, nun gelte: „Alle können nach ihrem Belieben zu ihrer bevorzugten Zeit Medien konsumieren, alle können selbst Nachrichteninhalte verbreiten, kommentieren und auch selbst neue Formate erfinden.“ Welzer schließt daraus: „Es besteht nicht mehr die frühere Übereinkunft darüber, dass alle dasselbe sehen.“

Welzer warnte davor, dass in dieser Konstellation „Alternative Fakten“ eine höhere Chance hätten, sich zu etablieren. „Der Begriff der Alternativen Fakten ist ein Novum, er stellt in Frage, dass es so etwas gibt, wie eine gemeinsame Wirklichkeit“, so der Soziologe. Bestes Beispiel dafür sei der ehemalige US-Präsident Donald Trump, der das Medium Twitter aber so verstanden und genutzt habe: als Medium, mit dem er durch falsche Behauptungen eine Gemeinschaft unter seinen Anhängern stiften konnte. „Seine Leser vervielfältigen seine Botschaften und fühlen sich dazugehörig zu einer Gruppe in der Ansicht, einer gemeinsamen Wirklichkeit anzugehören.“ Welzer sieht darin insgesamt „möglicherweise ein Paradigmenwechsel“, in jedem Fall einen bedeutenden Strukturwandel der Öffentlichkeit, der nachhaltig und und bedeutsam ist.

Schreiben Sie einen Kommentar

Eine Antwort

  1. Alternative Fakten gab es schon in der Nazizeit und viel früher. Auch im kalten Krieg wurden die gleichen Sachverhalte unterschiedlich dargestellt. Und heute? Woher weiß ich ohne selbst zu prüfen ob die alternativen Fakten bei der ARD oder bei Tichys Einblick zu finden sind? Daher hat sich durch das Netz eigentlich nur eines geändert: die Fülle an Meldungen die es gibt, was aber auch mit durch die leitmedien kommt, die das Netz auch umfangreich nutzen. Es wird doch jede noch so kleine Nachricht am besten noch aufgetaucht um Quoten zu machen. Daher ist mir nicht verständlich wie der Professor zu seinen Erkenntnissen kommt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden.

Offline, Inhalt evtl. nicht aktuell