Lagebild zu Muslimfeindlichkeit vorgelegt

Die Allianz gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit dokumentiert für 2025 einen Rekordwert. Die Zahl der gemeldeten Vorfälle steigt deutlich – doch die nichtrepräsentative Erfassung wurde auch ausgeweitet.
Von Norbert Schäfer

Die Zahl der dokumentierten antimuslimischen Vorfälle in Deutschland hat 2025 einen neuen Höchststand erreicht. Das geht aus dem vierten Lagebild antimus­li­mi­scher Rassismus hervor, das die Organisation CLAIM (Allianz gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit) am Mittwoch in Berlin veröffentlicht hat. Insgesamt erfassten 38 kooperierende Beratungs- und Meldestellen aus 15 Bundesländern 4.096 Vorfälle – gegenüber 3.080 im Vorjahr ein Anstieg um 33 Prozentpunkte.

Im aktuellen Report machen demnach verbale Angriffe mit 2.379 Fällen den größten Anteil aus (61,1 Prozent), gefolgt von 840 Diskriminierungsfällen (21,5 Prozent) und 680 Fällen verletzenden Verhaltens (17,4 Prozent). Darunter befinden sich zwei Tötungsdelikte, 214 Körperverletzungen und fünf Brandstiftungen.

CLAIM setzt sich nach eigenem Bekunden „bundesweit gegen antimuslimischen Rassismus sowie gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit ein“ und wird unter anderem vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert. Die gemeinnützige GmbH dokumentiert „im Rahmen eines Community-basierten Monitorings antimuslimische Diskriminierungen und Übergriffe bundesweit systematisch und einheitlich und arbeitet an einer Erhellung des Dunkelfeldes“.

Was CLAIM unter antimuslimischem Rassismus versteht

Der Begriff antimuslimischem Rassismus im Lagebild folgt der Arbeitsdefinition der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI). Danach ist antimuslimischer Rassismus nicht auf Religionskritik beschränkt. Erfasst werden auch Vorfälle gegen Menschen, die aufgrund von Aussehen, Name, Sprache oder Kleidung als muslimisch wahrgenommen werden – ohne dass sie immer tatsächlich Muslime sind.

Die Verfasser begründen das damit, dass Täter nicht zwischen tatsächlicher Religionszugehörigkeit und zugeschriebener Zugehörigkeit unterschieden. Rassismus im Sinne des Lagebildes operiert also entlang äußerer Merkmale, nicht entlang religiöser Überzeugungen.

Wo die Erhebung an ihre Grenzen stößt

CLAIM selbst benennt die methodischen Grenzen des Lagebildes. Die Daten sind ausdrücklich nicht repräsentativ. „Rückschlüsse auf das tatsächliche Ausmaß von antimuslimischem Rassismus in Deutschland lassen sich aus dem Lagebild nicht ziehen“, lautet es in dem Report. Vielmehr soll das Lagebild das „Dunkelfeld erhellen“ und „alltägliche Dimension von antimuslimischem Rassismus verdeutlichen“.

Insofern ist auch der Anstieg von 33 Prozentpunkten gegenüber 2024 mit Vorsicht zu lesen. CLAIM gibt selbst an, dass der Zuwachs nicht allein auf mehr Vorfälle zurückzuführen ist, sondern auch auf eine breitere Erfassung durch mehr kooperierende Stellen (38 statt 26 im Vorjahr), die Einführung von KI-gestütztem Online-Monitoring sowie eine größere Bekanntheit der Erfassungsstellen.

Was die KI-gestützte Auswertung von Beiträgen in sozialen Netzwerken betrifft: Von knapp 75.000 maschinell erfassten Beiträgen wurden 552 nach manueller Prüfung in das Lagebild einbezogen. Wie viel Prozent des Anstiegs auf tatsächlich mehr Übergriffe entfällt und wie viel auf bessere Erfassung, lässt sich aus den Daten nicht ablesen.

Die staatliche Statistik politisch motivierter Kriminalität (PMK) weist für 2025 ihrerseits 1.753 islamfeindliche Straftaten aus – leicht weniger als im Vorjahr (1.848), aber deutlich mehr als 2022 (610). Auch diese Zahlen unterschätzen nach CLAIM-Einschätzung das tatsächliche Ausmaß, weil nur angezeigte Fälle erfasst würden, die Behörden als islamfeindlich eingeordnet hätten.

Vertrauensverlust

In dem Lagebild führt CLAIM an, dass „kooperierende Beratungsstellen wiederholt auf ein ausgeprägtes Misstrauen gegenüber staatlichen sowie zivilgesellschaftlichen Institutionen hinwiesen“ – und spricht von „zunehmendem Vertrauensverlust bei Betroffenen“. Dazu führt das Lagebild eine Studie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) an. Demnach sank das Vertrauen „muslimischer Befragter“ in die Bundesregierung von 58 Prozent (2022) auf 31 Prozent (2025). Nur noch 14 Prozent gaben an, Politikern zu vertrauen. Der Bericht sieht darin eine Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Um dem entgegenzuwirken fordert CLAIM unter anderem die Einführung eines bundesweiten Gedenktags gegen antimuslimischen Rassismus am 1. Juli, den Ausbau unabhängiger Beschwerdestellen sowie die Aufnahme antimuslimischer Motive in das Strafrecht (§ 46 StGB) zu Hasskriminalität.

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