Hatte oft panische Angst vor dem Auftritt als Prediger: Der „Jesus-Freaks“-Gründer Martin Dreyer schreibt in seinem Buch offen über seine Mängel und Selbstzweifel

Hatte oft panische Angst vor dem Auftritt als Prediger: Der „Jesus-Freaks“-Gründer Martin Dreyer schreibt in seinem Buch offen über seine Mängel und Selbstzweifel

Auch „Jesus-Freaks“ haben Schwächen

Nach außen hin wirkt er stark, erfolgreich und zielbewusst. Im Inneren aber herrschte oft pure Panik. Der Gründer der Jesus-Freaks und Autor der „Volxbibel“, Martin Dreyer, blickt in seinem neuen Buch auf 30 Jahre Dienst für Gott zurück. Beeindruckend offen berichtet er von einem seiner größten Gegner: Angst. Eine Rezension von Jörn Schumacher

Wer ein Buch über ein riesiges Problem im eigenen Leben schreibt, der schreibt es naturgemäß rückblickend. Gerade bei frommer Literatur erscheint der Plot oft wie vorgegeben: Zuerst war alles schlimm, dann kam die Bekehrung, und alle Probleme waren gelöst. Wie wäre es eigentlich einmal, wenn ein Pastor, ein Politiker oder ein Prominenter mitten aus der Krise heraus, vom tiefsten Punkt, sein Buch schreiben würde?

Martin Dreyer, Begründer der Bewegung „Jesus-Freaks“ und Autor der Jugendbibel „Volxbibel“, ist dieser klassische Aufbau von Bekehrungsgeschichten bewusst. „Dort wird es doch meist so geschildert: In der Vergangenheit liegt die Hölle, die Gottesferne, der Teufel, Tod, Verlorenheit, Angst, Krankheit und Abhängigkeiten. Dann aber vollzieht der Berichtende einen radikalen Wandel. Es kommt zu einer Bekehrung.“ Dreyer überrascht mit dem Bekenntnis: „Bei mir war es anders.“ Bei ihm habe es zwar auch zu Beginn eine „Hölle mit all ihren Fehlern und Folgen“ gegeben; und nach seiner Bekehrung habe er „Siege gefeiert, Heilung erfahren und eine Befreiung erlebt“. „Doch dann kam sie wieder, die Hölle.“

Dreyers Buch trägt den schönen alliterativen Titel „Panik-Pastor“, bei dem man sofort ein bisschen an Udo Lindenberg denkt, der als Punkrocker durchgeht, und ein bisschen an Benjamin von Stuckrad-Barres Buch „Panikherz“, in dem es um Drogenentzug und Abhängigkeiten geht. Der Untertitel von Dreyers Buch besänftigt dann aber doch und ordnet es ein in die Kategorie „Geschichte einer Rettung“: „Wie Gott mir meine Angst nahm“. Hoffnung auf ein Happy End also.

„Dunkelheit, ungelöste Probleme, Süchte, Krankheiten, Depressionen“

Und doch wirft dieser Untertitel bei jedem, der zumindest schon einmal von Martin Dreyer gehört hat, unwillkürlich die Frage auf: Dieser jung gebliebene Mann, sportlich, attraktiv, im christlichen Sektor erfolgreich als Buchautor und Redner, dieser muskulöse Hobby-Basketballer – wovor soll der Angst haben?

Und so ist man überrascht, das ehrliche Zeugnis dieses Mannes zu lesen, der als „Jesus-Freak“ einen völlig nonkonformistischen Ansatz aufbrachte, den Glauben an diesen ebenfalls nonkonformistischen Jesus von Nazareth zu verbreiten. Jesus kam eben nicht, um zu verurteilen, sondern „die Letzten“, die Freaks, abzuholen und ihnen Liebe zuzusprechen. Christen mit Schwächen – das ist für viele Fromme ein Widerspruch. Dass dann einer so offen über seine Schwächen schreibt, macht dieses Buch sehr lesenswert.

Gerade im christlichen Bereich ist die Gefahr groß, perfekt sein zu wollen. Denn die strengen Blicke sind unter manchen Frommen vielleicht noch einmal extra streng. Und mit der passenden Bibelstelle haben sie gleich noch den Höchsten (Richter) hinter sich. Wer will da Schwäche zugeben? Dreyer schreibt auf den 288 Seiten darüber, wie ihn jahrelang Angst lähmte. Vor Predigten war es manchmal so schlimm, dass er nur noch fliehen wollte. Der Hals bekam rote Flecken, er musste dringend aufs Klo. Und gleichzeitig war ihm der Druck bewusst, die Verantwortung gerade für einen Geistlichen. „Ich habe Angst, mich zu blamieren, und ich habe Angst, dadurch der Bewegung zu schaden, ja sogar der Kirche selbst, dem Ruf des christlichen Glaubens“, schreibt er.

Wacken, Sat.1. und Jürgen von der Lippe

Natürlich kommt Dreyer in seinen tagebuchartigen Erinnerung an 30 Jahre Predigtdienst auch gut weg. Aber „die Dunkelheit, das Manko von ungelösten Problemen, von Süchten, von Krankheiten, von Depressionen“ spricht er offen an. Das aus der 1. Perspektive zu lesen – also von ihm selbst – und eben nicht aus der 3. Perspektive, ist eher selten in der christlichen Literatur. Dreyer erinnert an denkwürdige Besuche in Gemeinden und fesselt den Leser damit am meisten. Man bekommt etwas davon mit, wie es ist, als „christlicher Semi-Promi“ auf Tour zu sein, beim Wacken-Festival, in Kenia, in Dresden oder Denver. Und wie die Eitelkeit auch vor christlichen Stars nicht Halt macht. Dreyer fühlt sich unvollkommen. Er wird zwar als Star-Prediger eingeladen, in seinem Inneren herrschen aber oft Selbstzweifel. „Ich kenne mich nur zu gut. Ich habe so viele Fehler. Ich habe so tiefe Abgründe. Und ich habe so eine Angst.“ Die Angst ist der rote Faden, der sich durch das Buch zieht, und jeder, der vor öffentlichen Auftritten Panikattacken kennt, wird sich hier wiederfinden.

Der „Jesus-Freak“ berichtet von einer der schlimmsten Panikattacken, beim Auftritt in der Live-Sendung „Wat is“ mit Jürgen von der Lippe 2006. Das Erstaunliche ist: Wer sich die Aufnahmen von damals heute ansieht, sieht einen aufgeräumten, konzentrierten jungen Mann, der den Moderator und das Publikum mit einem zwar etwas ausgeflippten, aber selbstbewussten Jesus-Bekenntnis beeindruckt. Von der inneren Hölle, die Dreyer damals offenbar durchlebte, keine Spur.

Ein wenig naiv geht er an die Teilnahme an der Sat.1-Show „Hochzeit auf den ersten Blick“ 2014 heran. Hier trafen sich für möglichst viele Emotionen in Großaufnahme zwei wildfremde Menschen, um zu heiraten. Dreyer trat in der Sendung als Berater auf. Die Evangelische Kirche war damals entsetzt, dass hier die Ehe zu einem „Spaß für die Fernsehunterhaltung“ zertrampelt wird, Dreyer hoffte offenbar auf eine TV-Karriere. Ebenso naiv wirkt ein bisschen die Begründung für einen Rückfall in eine Tabletten-Abhängigkeit. Der Arzt war schuld, er diagnostizierte bei Dreyer ADS, verschrieb ihm Pillen, und gab ihm zu viel davon, so die knappe Entschuldigung. („So war ich durch meinen Dealer im weißen Kittel wieder voll abhängig.“)

Wirkliches Scheitern begegnet einem im Buch nicht, eigentlich „wuppt“ Dreyer die meisten Widrigkeiten am Ende der Kapitel doch irgendwie. Er selbst merkt an einer Stelle an: „Ich will diesen Dienst für Gott tun, aber mein Ego steht mir immer wieder im Weg.“ Andererseits spürt man, wie verletzend es sein muss, gerade als Streiter für den Herrn ausgerechnet von Frommen am meisten angefeindet zu werden. Der Predigtdienst – ein Knochenjob, besonders psychisch.

Und ja, auch die Lebensgeschichte des „Panik-Pastors“ endet mit einem Happy End. Im November 2019 gab ein Jugendpastor aus der Schweiz Dreyer einen entscheidenden Rat, und Dreyers Weg aus dem lähmenden Lampenfieber kann auch eine Hilfe für jeden Prediger sein, der ähnliche Probleme hat: „Schau die Angst genau an! Schau der Angst in die Augen. Lauf nicht vor ihr weg. Lach ihr ins Gesicht von mir aus. Begrüße sie freundlich oder wütend. Frag sie, was sie von dir will.“ Man wünscht dem Autoren der vielfach kritisierten „Volxbibel“, noch viel mehr die Gelegenheit zu bekommen, seinen Kritikern genauso gegenübertreten zu können. Denn niemand ist perfekt. Auch nicht ein muskulöser „Jesus-Freak“.

Martin Dreyer: „Panik-Pastor. Wie Gott mir meine Angst nahm“, SCM R.Brockhaus, 288 Seiten, 18,99 Euro, ISBN-13 9783417269642

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