Streit um den Schinken: Gehen die Werte unserer Gesellschaft den Bach hinunter, wenn eine Kita in der Kantine kein Schweinefleisch mehr anbietet?

Streit um den Schinken: Gehen die Werte unserer Gesellschaft den Bach hinunter, wenn eine Kita in der Kantine kein Schweinefleisch mehr anbietet?

Der Schweinefleisch-Skandal, der keiner war

Ein Kita-Betreiber streicht Schweinefleisch vom Speiseplan und die ganze Republik spricht darüber. Warum eigentlich? Ein Kommentar von Stefanie Ramsperger

Eins muss man der Bild-Zeitung lassen: Sie versteht ihre Leser, wie es kaum einem anderen Medium hierzulande gelingt. Nur so ist es zu erklären, dass sie es diese Woche geschafft hat, eine Nachricht zu platzieren, die eigentlich – wenn man mal ehrlich ist – gar keine echte Nachricht ist. Ein Kita-Leiter aus Leipzig hat Schweinefleisch und Gummibären aus Gelatine vom Speiseplan zweier Einrichtungen gestrichen. Dazu haben sich mittlerweile hochrangige Vertreter von jüdischer und muslimischer Seite geäußert, Politiker spielten das Thema auf ihren Social-Media-Auftritten durch und selbst die Deutsche Presse-Agentur hat eine Meldung dazu verbreitet. Nach wenigen Tagen hat sich die Kita-Leitung wieder von ihrem Plan verabschiedet: Es wird weiter Schwein geben.

Man fragt sich: Warum das alles? Viele Kitas in Deutschland bieten seit Jahren kein Schweinefleisch mehr an. Jetzige Berliner Mittelstufenschüler haben während ihrer Kindergartenzeit schon kein Schwein auf den Teller bekommen. Neuigkeit oder Tragweite können also nicht die entscheidenden Faktoren sein, die die Nachricht wie eine Bombe hat einschlagen lassen. Und wer mit dem Sommerloch argumentieren möchte, greift auch zu kurz: Dass die politischen Institutionen hierzulande gerade pausieren, machen die Brexit-Briten, die Postenverteil-EU und Donald Trump im Alleingang wett. Die traditionell nachrichtenarme Zeit ist so nachrichtenarm gar nicht.

Besser zum Dialog beitragen als zur Empörung

Dass Bild einen Nerv getroffen hat, liegt an etwas anderem. In der journalistischen Theorie spielt die Identifikation der Leserschaft mit einem Thema eine große Rolle: Inwieweit sind Werte und Eigenschaften der eigenen Nation betroffen? Und wie sehr stimmt das Ereignis mit eigenen Vorstellungen und Erwartungen überein? Die wahrgenommene Gefahr vieler Bürger einer drohenden „Islamisierung“ hat in den vergangenen Jahren das Land zunehmend gespalten. Vergleiche: Beatrix von Storch, AfD, twitterte: „Schweinefleischverbot in Kitas ist die Kapitulation vor dem Islam.“ Dagegen der Linken-Bundestagsabgeordnete Movassat: „(Die Bild-)Zeitung hetzt den Mob auf.“

Die Leipziger Schweinefleisch-Entscheidung ist für viele Menschen mehr als das, was sie objektiv ist: Sie steht für den Verfall deutscher Werte und Kultur. Beschwichtigend äußerte sich Josef Schuster, Zentralratspräsident der Juden: „Das Letzte, was wir brauchen, ist Hetzte gegen Minderheiten, nur weil in einer Einrichtung über den Speiseplan nachgedacht wird.“ Bei allem Verständnis für das Bestreben der Bild, Nachrichten zu lancieren: Sie sollte ihren hervorragenden Draht zu ihren Lesern demnächst besser nutzen, um das gegenseitige Verstehen und den kulturfördernden Dialog der Menschen untereinander zu stärken, anstatt die Fleischfrage zum x-ten Mal zu skandalisieren. Die meisten Kinder essen eh lieber Nudeln.

Stefanie Ramsperger

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