Das christliche Medienmagazin

Kinder sind den Smartphones oft hilflos ausgeliefert

Für viele Kinder ist der Besitz eines Smartphones eine Selbstverständlichkeit. Der Umgang damit ist dann häufig ein Reizthema in der Erziehung. Pädagogen und Therapeuten empfehlen, Kinder nicht zu früh auf den Bildschirm schauen zu lassen.
Von Johannes Blöcher-Weil
Junge Frau am Smartphone

Foto: Priscilla Du Preez, unsplash

Wie viel Zeit dürfen Kinder mit dem Smartphone verbringen? Pädagogen raten zu klaren Regeln.

Ab welchem Alter und in welchem Umfang soll und darf mein Kind ein Smartphone benutzen? Das ist ein Dauerthema in vielen Familien. Die Lösungsansätze sind ganz unterschiedlich. Der Wissenschaftler Fritz Weilharter behauptet in seinen neuen Buch, dass Kinder und Jugendliche, die so spät und zeitlich so reduziert wie möglich ein Smartphone nutzen, Begabungen und Fähigkeiten entwickeln können, die sie in ihrem zukünftigen Leben zum Teil einer Art neuen Elite werden lassen.

Der christliche Diplom-Pädagoge Eberhard Freitag wirbt für eine Kultur der Digitalisierung. Gemeinsam mit seiner Frau Tabea leitet er seit 2008 die Fachstelle Mediensucht „return“, in der sie Menschen mit problematischem Medienkonsum beraten oder therapeutisch begleiten. Die Crux liegt für Freitag darin, dass Heranwachsenden ein Maß an Medien und Inhalten zur Verfügung steht, das nicht ihrem persönlichen Reifegrad entspricht. Im analogen Raum schützten Eltern ihre Kinder vor gefährlichen Orten. Dieses Verhalten wünscht er sich auch für den digitalen Raum.

Knappe Ressource Aufmerksamkeit

Freitag plädiert dafür, dass Jugendliche erst ab 14 Jahren ein Smartphone bekommen: „Ab diesem Alter sind sie strafmündig.“ Vorher ist er mit eigenen Handys für Kinder zurückhaltend: „Mit dem Besitzanspruch erheben die Kinder einen Nutzungsanspruch nach dem Motto: mein Smartphone – meine Regeln, und Eltern können nur noch schwer eingreifen.“ Eine Alternative sind für ihn Familien-Smartphones, die Kinder zu bestimmten Zeiten nutzen dürfen. Viele bei Kindern und Jugendlichen beliebte Apps seien so programmiert, dass sie Aufmerksamkeit binden: „Und die ist eine zentrale und knappe Ressource.“

Sehr kritisch sieht auch Weilharter den „Computer in der Hosentasche“. Smartphones seien nicht per se schlecht, aber die Algorithmen und ihre Auswirkungen mit größter Vorsicht zu genießen. Vor allem soziale Netzwerke schafften eine Illusion der sozialen Eingebundenheit, der Kinder hilflos ausgeliefert seien.

Viele Eltern treibe zudem die Angst um, dass ihr Kind ohne Smartphone zum Außenseiter werde. Der Vater von vier Töchtern, frühere Gymnasial-Direktor und Psychotherapeut weist aber auf mögliche massive negative Auswirkungen auf die körperliche, soziale, psychische und emotionale Gesundheit hin. Je jünger die Nutzer sind, desto schwerer könnten die Schäden sein. Die sozialen Netzwerke beeinflussten die individuelle Wahrnehmung und die persönliche Wahrheitsfindung. Kurzsichtigkeit, Muskelverspannungen oder Schlafstörungen können Folgen häufiger Handynutzung sein.

Weilharter fordert ein Handy-Verbot in Schulen. Bildschirme sollten nur dann genutzt werden, wenn es darum gehe, digitale Fähigkeiten für den zukünftigen beruflichen Umgang zu erwerben. Analoges Spielen in der Gruppe, Sport, Kreativität und Naturerfahrungen seien für die Kindesentwicklung stattdessen sinnvolle Alternativen. Kinder ohne Handy seien kreativer, neugieriger, leistungsbereiter und fitter.

Freitag schließt zwar nicht aus, dass manchmal Kinder ohne Smartphones zu Außenseitern würden, jedoch gebe es dafür oft noch andere Faktoren. Durch die Digitalisierung der Schule kämen zusätzliche Endgeräte ins Haus. Die schulische Nutzung vermische sich mit dem privaten Konsum. Zwar könne die Politik Regeln aufstellen, aber der Schutzauftrag bleibe bei den Eltern. Erwachsene müssten die Herzen ihrer Kinder gewinnen. Das bedeute, sich auch Zeit für ihre Sorgen, Ängste und Bedürfnisse zu nehmen. Eltern sollen Kinder begleiten und sich vor allem dafür interessieren, wovon ihr Kind online fasziniert ist und welche Bedürfnisse die digitale Welt befriedigt: „Dann können Eltern, wenn sie in manchen Situationen den Stecker ziehen, auch nachvollziehen, warum das ihren Kindern wehtut.“

Mehr Chancen für die analoge Welt

Der Aufwand ist oft geringer, die unmittelbaren emotionalen Bedürfnisse eines Kindes digital zu befriedigen, als analog. Und trotzdem sind Freitag und Weilharter Verfechter davon, der analogen Welt wieder größere Chancen einzuräumen. Im Tagesablauf brauche es bildschirmfreie Zeiten, sowohl für die Einzelnen als auch für die gesamte Familie.

Freitag wünscht sich, dass sich Eltern bei der Frage nach dem Smartphone am Entwicklungsstand des Kindes orientieren. Weilharter blickt mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. Er fordert klare politische Regeln für analoge Schulen, Elternschulungen und Kampagnen für eine möglichst lange analoge Kindheit. Stattdessen seien Sport- und Kreativ-Angebote sowie soziale Initiativen notwendig und gefragt: „Die ‚Reparaturen‘ der Wirkungen auf digital-verstörte und konditionierte Menschen wird die Gesellschaft nicht nur finanziell, sondern auch sozial belasten“, erklärt er. Deswegen sollten Eltern klare und liebevolle Grenzen setzen und ihren Kindern ein Vorbild in sozialer Verantwortung sein.

Dieser Text ist zuerst in der Ausgabe 4/2022 im Christlichen Medienmagazin PRO erschienen. Im dortigen Artikel finden Sie auch Anregungen, wie Jugendreferenten, Lehrer und Eltern mit dem Handykonsum ihrer Eltern umgehen. Das Magazin können Sie kostenlos online bestellen oder telefonisch unter 0 64 41/5 66 77 00.

Ihr Beitrag für christliche Werte in den Medien
Bei PRO sind alle Beiträge frei zugänglich und kostenlos - und das wird auch so bleiben. PRO finanziert sich durch freiwillige Spenden.

Wir arbeiten in der PRO-Redaktion jeden Tag dafür, Ihnen solide Informationen zu liefern über Themen, die Sie interessieren.

Nur mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin den christlichen Journalismus bieten, den Sie von PRO kennen.

Viele PRO-Leser helfen schon mit. Sind Sie dabei?

Schreiben Sie einen Kommentar

2 Antworten

  1. Eberhard Freitag leistet mit der Fachstelle “RETURN” eine excellente Arbeit zur Suchtprävention und Suchthilfe.
    https://www.return-mediensucht.de/

    Um so trauriger, dass die rot-grüne Stadt Hannover aus ideologischen Gründen Fördermittel verweigert:
    Es zeigt sich leider hier, wie an anderen Stellen auch, dass die Protagonisten der Sexualpädagogik der Vielfalt ganz offensichtlich mit fundierter Sachkritik an ihrem Ansatz und der dazugehörigen Methodik nicht souverän umgehen können bzw. nicht in der Lage sind, andere Ansätze und Sichtweisen auch als einen Teil der Vielfalt zu tolerieren oder offen zu diskutieren.
    https://www.return-mediensucht.de/unverstaendliche-entscheidung-der-stadtverwaltung/

    Sicher ein Thema, dass auch bei den anstehenden Landtagswahlen meine Wahlentscheidung beeinflussen wird …

    2
    0

Kommentare sind geschlossen.

Bitte beachten Sie unsere Kommentar-Richtlinien. Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden.

Offline, Inhalt evtl. nicht aktuell

PRO-App installieren
und nichts mehr verpassen

So geht's:

1.  Auf „Teilen“ tippen
2. „Zum Home-Bildschirm“ wählen