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KI und Theologie: John Lennox gibt Antworten

Kann Künstliche Intelligenz irgendwann alles, was Menschen können? Algorithmen haben doch kein Herz und keinen Verstand. Da ist es umso interessanter, wenn der gläubige Mathematiker John Lennox in seinem neuen Buch erklärt, dass es biblisch gesehen nicht so leicht ist, den Geist des Menschen „nachzubauen“.
Von Jörn Schumacher
Der emeritierte Professor für Mathematik der University of Oxford, John Lennox, hat zahlreiche Bücher über das Verhältnis von Glaube und Wissenschaft veröffentlicht

Foto: PRO/Nicolai Franz

John Lennox beim PRO-Interview im Jahr 2019

Warum schreibt ein Mathematiker wie John Lennox ein Buch über Künstliche Intelligenz? Es gebe nun einmal verschiedene Ebenen, auf denen man sich auf KI einlassen kann, beantwortet der Autor diese Frage gleich zu Beginn seines Buches.

Dass die Zeit reif ist, über KI auch aus ethischer Sicht nachzudenken, liegt auf der Hand. Der moderne Mensch sei mittlerweile geradezu mit Technologie „verschmolzen“, stellt Lennox fest, und KI werde überall zunehmen. „Wir tragen VR-Brillen, wir halten unser Smartphone ans Ohr, und wir haben auch schon angefangen, Computerchips ins Gehirn zu implantieren, um zum Beispiel Taubheit zu heilen.“

Die neuen Technologien wie Kybernetik, Künstliche Intelligenz, Kryonik, Molekulartechnik und virtuelle Realität werden für immer verändern, was es heißt, Mensch zu sein, sagt Lennox und fragt in seinem Buch: Welche Rolle spielt Gott da noch?

Der 78-jährige britische Mathematiker John Lennox ist promovierter Philosoph, er war Dozent in Oxford, Würzburg, Freiburg, Wien, Russland und in den USA, er spricht Englisch, Russisch, Französisch und Deutsch. Bekannt ist er für die Verhältnisbestimmung von Wissenschaft und Religion. Zum Themengebiet rund um Schöpfung und Evolution, Glaube und Wissenschaft hält er Vorträge und schreibt viele Bücher. Dazu gehören etwa „Hat die Wissenschaft Gott begraben?“ und „Wozu Glaube, wenn es Wissenschaft gibt?“ Lennox hörte in Cambridge die letzte Vorlesung von C. S. Lewis. Er führte Debatten mit bekannten Atheisten wie Richard Dawkins und Christopher Hitchens. Es lohnt sich also offenbar, diesem Mann zuzuhören, wenn er über Künstliche Intelligenz und die Frage nach Gott spricht.

2048 soll nicht zu „1984“ werden

Was wird der technische Fortschritt noch mit sich bringen, fragt Lennox in seinem Buch „2084: Künstliche Intelligenz und die Zukunft der Menschheit“. Werden wir einmal in der Lage sein, künstliches Leben und superintelligente Wesen zu erschaffen? Welche Auswirkungen haben Fortschritte in der KI auf unsere Weltanschauung im Allgemeinen und auf die Gottesfrage im Besonderen? Immerhin ist das Fernziel ja so etwas wie die Schaffung eines Verstandes, der den des Menschen nachahmt. Das Thema schneidet die Frage, mit der sich Lennox seit jeher intensiv beschäftigt: „Wird Gott die Wissenschaft überleben?“

Er stellt richtig fest: „Das Thema KI wird nicht einfach verschwinden.“ Für ihn ist es wichtig, dass sich Philosophen, Ethiker, Theologen, Kulturwissenschaftler, Romanschriftsteller und Künstler an der Debatte beteiligen. Der Titel seines Buches lehnt dabei an den gleichnamigen Roman von George Orwell an. Wird es 100 Jahre nach „1984“ einen totalitären Staat mit einem lückenlosen Überwachungssystem geben, „Gedankenkontrolle“ und „Neu- sprech“, alles durch KI?

Lennox erklärt in seinem Buch zunächst, was KI eigentlich ist. Grob gesagt, will man damit menschliche Denkprozesse und menschliches Verhalten mit Computertechnologie simulieren. Lennox zeichnet den Weg nach, auf dem Menschen versucht haben, den Menschen „nachzubauen“: von Automaten über die Versuche, Rechenmaschinen zu bauen, von Blaise Pascal über Charles Babbage bis Alan Turing.

„Das Thema KI wird nicht einfach verschwinden.“

Im Jahr 1997 konnte der Deep-Blue-Rechner von IBM erstmals einen Schachweltmeister schlagen, 2016 besiegte das AlphaGo-Programm von Google erstmals einen menschlichen Go-Spieler. Bereits heute versucht Amazon durch Algorithmen, das Kaufverhalten von Online-Kunden vorherzusehen oder zu beeinflussen. KI soll bei Bewerbungen die „richtigen“ Kandidaten herausfiltern, Computer können Radiologen helfen, Röntgenaufnahmen zu begutachten. Astronomen lassen Daten-Analysen von Algorithmen übernehmen, KI-Systeme fahren autonome Fahrzeuge längst so, als säße noch ein Mensch am Steuer. Mittlerweile sind sogar autonome Waffen im Gespräch.

Können Computer auferstehen?

Bei alledem stellt sich irgendwann die Frage nach der ethischen Entscheidungsfähigkeit von KI-Systemen. Ein Algorithmus hat eben „weder Herz, Seele noch Verstand“, so Lennox. Oder kann man etwa ein Gewissen auch programmieren? Computer besäßen, anders als wir Menschen, eben nicht die Fähigkeit, die Dinge um sich herum zu reflektieren und mit dem eigenen Selbst in Verbindung zu bringen. Schlicht weil sie kein Selbst besitzen. Eine KI, und sei sie auch noch so schlau, wird sich wohl kaum fragen, woher sie kommt und wohin sie geht. Dies gehöre aber gerade essenziell zum Menschsein.

Foto: SCM Brockhouse
John Lennox: „2084: Künstliche Intelligenz und die Zukunft der Menschheit“, SCM R. Brockhaus, 256 Seiten, 19,99 Euro, ISBN: 978-3417241747

Lennox ist sich sicher: Der Mensch besteht aus mehr als nur aus Materie. Wer aber nur Materie zur Verfügung habe, wenn er den Menschen nachbaut, wird ihn nicht vollständig nachbauen können.

Der Christ Lennox stellt dem materialistischen Menschenbild das biblische Weltbild entgegen. Und demzufolge wurde der Mensch von Gott, der Geist ist, als geistvolles Wesen erschaffen. Aus dem biblischen Weltbild leitet sich nicht nur ab, dass der Mensch „als Mann und Frau“ erschaffen wurde (was einer KI abgeht), sondern auch als moralisch empfindendes und in dieser Hinsicht beauftragtes Wesen. Probleme hinsichtlich einer Menschen-gleichen KI bekommt man zudem bei der Person Jesus Christus, die laut Bibel „das Wort ist“ und zugleich „Mensch wurde“. Von der Auferstehung als „neue Kreatur“ und der Ewigkeit bei Gott ganz zu schweigen.

Lennox warnt vor einem übermächtigen System, in dem unser Leben von Firmen bestimmt wird, deren Computern Daten über uns sammeln und diese dann interpretieren wollen („Überwachungskapitalismus“). Und auch China setze längst KI ein, um soziale Kontrolle auszuüben („Überwachungskommunismus“).

Auch glaubten manche, dass sich der körperliche Tod demnächst auf einfache technische Probleme reduzieren und damit ausmerzen ließe. Lennox sieht die Zukunft durchaus nicht düster, aber er konstatiert: „Die ethischen Fragen müssen dringend beantwortet werden, denn KI wird von Experten als transformative Technologie gesehen, in derselben Größenordnung wie Elektrizität.“

Der Autor findet das rechte Maß zwischen guter Erklärung der Technik und den philosophisch-theologischen Fragen dahinter. Er hilft in jedem Fall, Angst vor der Technik abzubauen, schärft aber gleichzeitig den Blick. Und das ist wertvoll in der Diskussion um die Frage, ob KI den Menschen komplett ersetzen kann. Es hat sich also sehr gelohnt, dass sich der Mathematiker und Philosoph John Lennox mit dem Thema KI auseinandersetzte.

Herausgekommen ist eines der schlauesten Bücher, die zum Thema KI und Theologie geschrieben wurden. Jeder sollte es lesen, der sich mit KI befasst und sich schon immer gefragt hat, wo Gott da eigentlich eine Rolle spielt.

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Eine Antwort

  1. Künstliche Intelligenz bleibt immer künstlich. Auch wenn sie, feinstmöglich, unsere von Gott gegebene Intelligenz versucht zu kopieren. Und weil es keine von Gott geschaffene Intelligenz in einem von Gott geschaffenen und von einer Frau zur Welt gebrachten Wesen ist, steht es in keiner Gottesbeziehung und ist, im Gegensatz zu uns, nicht erlösungsbedürftig. Dies erübrigt m.E. jede weitere theologische Betrachtung.

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