Im jüngst erschienen Sammelband „Brandmauer“ kritisiert der islamische Theologe Mouhanad Khorchide die Art und Weise, wie die Kirche sich mit der AfD auseinandersetzt. „Sie schließt aus, anstatt zu widerlegen. Sie behauptet, ein bestimmter politischer Standpunkt habe mit dem Christentum ‚nichts zu tun‘ und beendet damit die Debatte, bevor sie inhaltlich geführt wird“, schreibt er.
Das sei vergleichbar mit dem muslimischen Reflex, nach islamistischen Attentaten stets zu erklären, das habe mit dem Islam nichts zu tun. Statt solcherlei einfach zu behaupten, müsse dies theologisch begründet werden. Khorchide: „Die Islamisten können ungestört behaupten, sie und nur sie verkörperten den wahren Islam, weil ihnen niemand auf der Ebene der Argumente entgegentritt.“ Ebenso verhalte es sich bei der kirchlich verbreiteten Formel: „Ein Christ kann diese Partei nicht wählen.“ Denn: „Sie schließt aus, anstatt zu widerlegen.“
Kirchen scheuen Auseinandersetzung
Stattdessen müssten die Kirchen „ihre eigene Sprache wiederfinden – jene Sprache, die nicht nur sagt, wogegen sie sind, sondern auch, wofür sie stehen. Und sie verlangt vor allem, dass man aufhört, die Frage ‚Darf ein Christ AfD wählen?‘ als bereits entschieden zu behandeln und stattdessen die viel wichtigere Frage stellt: Welche christlichen Überzeugungen widersprechen welchen AfD-Positionen und auf welche Weise?“
Doch auch die Kirchen scheuten es, sich mit den Themen der AfD auseinanderzusetzen, etwa der Migration. Die Sorge, wer sie bespiele und bespreche, stärke die Partei. Das Gegenteil sei aber der Fall. Werde die AfD nicht inhaltlich gestellt, so entstehe ein Vakuum, das ausschließlich extremistische Kräfte zu füllen bereit seien.
Khorchide führt aus: „Christen müssen die Positionen der AfD aus dem Christentum heraus widerlegen, nicht sie aus dem Christentum ausschließen.“ Denn: „Eine moralische Grenze, die nicht inhaltlich begründet wird, ist eine schwache Grenze.“ Und: „Eine Religion, die nur noch durch Distanzierung operiert, gibt zu, dass ihr die Theologie ausgegangen ist.“
Käßmann: Brandmauer reicht nicht
In der von Stefan Aust und Rafael Seligmann herausgegebenen Aufsatzsammlung argumentiert auch die Theologin Margot Käßmann. Eine Brandmauer, so erklärt sie, sei wichtig, aber reiche am Ende nicht aus. Ein Brand müsse auch gelöscht werden. Durch neue Narrative etwa.
„Probleme müssen ernst genommen werden, das ist offensichtlich“, schreibt Käßmann. „Gleichzeitig bin ich überzeugt: Wenn wir immer nur die Probleme, die gescheiterten Integrationen, die es ohne Zweifel gibt, betonen, wie sollen sich die Hunderttausende, die hier leben und arbeiten und unser Land seit Generationen bereichern, denn anerkannt und wertgeschätzt fühlen?“
Konstruktive Ideen müssten deshalb an die Stelle der destruktiven treten. So schreibt die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland: „Christinnen und Christen haben eine überzeugende Botschaft, mit der sie auf Menschen zugehen können. Das ist aus meiner Sicht ein wichtiger Schritt, um den Brand nicht zu ersticken, sondern zu löschen.“