Kommentar

Blinde Klick-Jagd beim „Spiegel“

Der „Spiegel“ nennt AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund den gefährlichsten Mann Deutschlands und spielt jenen, die er eigentlich kritisieren will, damit in die Hände. Der Journalismus hat ein Problem.
Von Anna Lutz

Schon in der Journalistenschule lernen Volontäre Folgendes: Überschriften sollen knallen. Sie sollen Aufmerksamkeit generieren. Klicks. Käufe am Kiosk. Mindestens genauso wichtig ist aber: Sie müssen halten, was sie versprechen. Alles andere nennt man im Netz Clickbait und wirkt nicht nur dort unseriös. 

Der aktuelle Titel des noch immer auflagenstärksten Nachrichtenmagazins „Spiegel“ ist leider genau das. Schamlose Klick-Jagd. Ein Köder zum Kauf, der das Behauptete nicht einlöst. Schlimmer noch: Er spitzt so weit zu, dass das eigentlich niemand mehr ernst nehmen kann. Damit erweist die Redaktion dem Journalismus einen Bärendienst und der AfD einen echten.

Worum geht es? Unter einem Titelbild, das den AfD-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, in der Art eines Fahndungsfotos zeigt, steht die Titelzeile „Der gefährlichste Mann Deutschlands“. Das Cover weist auf einen Aufmacherartikel hin, der Siegmund im Wahlkampf begleitet und seine Vergangenheit sowie seine politischen Weggefährten beleuchtet. Im Fokus steht also jener Mann, der im September der erste AfD-Ministerpräsident in Deutschland werden könnte. Seine Partei liegt in Umfragen dort bei über 40 Prozent, das könnte für eine absolute Mehrheit reichen.

AfD-Sieg könnte gefährlich werden

Mit Fug und Recht darf man davor warnen, das gefährlich finden und Konsequenzen einer solchen mehrheitlichen Wahlentscheidung aufzeigen. Die AfD könnte als Regierungspartei in einem Bundesland massiven Schaden anrichten. Sie könnte bisher undenkbare Maßnahmen veranlassen: die Schulpflicht in Sachsen-Anhalt aussetzen etwa. Unliebsame Beamte versetzen. Gelder für NGOs streichen sowie die Zusammenarbeit mit den großen Kirchen aufkündigen. Experten warnen davor, dass die Partei schon jetzt eine Bundesklage in Sachen Flüchtlingspolitik vorbereitet und sich in Sachsen-Anhalt weigern könnte, Geflüchtete überhaupt noch aufzunehmen. 

Das alles ist dramatisch und es gibt keinen Grund, das kleinzureden. Aber egal, wie man es drehen und wenden mag und wie sehr man die AfD auch ablehnt – der „Spiegel“-Titel ist eine unwahre Übertreibung. Und der zugehörige Artikel ändert an dieser Wahrnehmung nichts. 

Der „gefährlichste Mann Deutschlands“, so erfährt der Leser, war einst ein Klassenschwarm, er hat gelernt, gute Reden zu halten, und ist ganz offensichtlich ein Opportunist, der auch Rechtsradikale um sich schart, ihnen sogar Kabinettsposten andienen könnte. Siegmund hat darüber hinaus ein hervorragendes Namensgedächtnis, was ihm politisch Vorteile verschafft. Und er lächelt auffallend oft, was die Menschen in seiner Heimat zu überzeugen scheint.

„Spiegel“ löst Titel nicht ein

Wer nun denkt, das kann es doch nicht gewesen sein, dem sei gesagt: Doch, das war’s. Mehr kommt da nicht. Das Brisanteste und Bemerkenswerteste an der Geschichte des „Spiegel“ sind tatsächlich die Personalien rund um Siegmund. Er umgibt sich mit Identitären. Und, schlimmer noch, mit ehemaligen Aktivisten der heute verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“, einer Naziorganisation. Das ist sicher gefährlich, aber macht Siegmund das zum deutschen Oberschurken? Zum Bösesten aller Bösen? Sind es nicht eher die Mitspieler des AfD-Kandidaten, auf die eine solche Beschreibung überhaupt zutreffen könnte?

Nach Erscheinen des „Spiegel“ am Donnerstagnachmittag rastete das Netz wie vom „Spiegel“ kalkuliert aus. Rechte, Linke und Mittige empörten sich über den Titel. Der Publizist Micky Beisenherz etwa warnte, die Schlagzeile spiele der AfD in die Hände. Und Siegmund selbst freute sich offensichtlich diebisch über die Übertreibung, wohl wissend, dass solche Schlagzeilen die so gerne in der AfD bemühte Opfererzählung, nach der Medien und politische Konkurrenten unfair mit der Partei umgehen, nur befeuern. „Das zeigt ja, dass wir alles richtig machen. Das ist ein riesengroßer Ritterschlag“, kommentierte er in einem Videoschnipsel, und: „Bessere Wahlwerbung kann man für uns gar nicht machen.“ Da immerhin liegt er richtig. 

Gelegentlich gibt es spannende Gleichzeitigkeiten. Dieser Tage erschien das Buch „Jenseits der Brandmauer“ von einem der ganz Linken dieser Nation: Monchi, alias Jan Gorkow, dem Sänger der Punkband „Feine Sahne Fischfilet“. Wer das Buch liest, kommt zu dem Schluss, dass er sich wohl ebenso über das „Spiegel“-Cover geärgert haben dürfte, wie viele andere. Denn er warnt darin als gebürtiger Mecklenburg-Vorpommerner vor einer übertriebenen Panikmache in Sachen AfD. Zwar lehnt er die rechte Partei deutlich ab, bezeichnet sich als Antifaschisten und fordert seine Leser zu ebensolchem Aktivismus auf. Doch er wirbt auch für Mäßigung. „Man darf sich nicht so in Weltuntergangsszenarien verlieren, weil ich glaube, das macht die Welt nicht besser“, sagte er jüngst der „Welt“. Einen Satz, den er auch zu den Verantwortlichen des „Spiegel“ hätte sagen sollen.

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