Das christliche Medienmagazin

„Jesus ist faszinierend, aber nie wirklich zu fassen“

Liedermacher Christoph Zehendner beschäftigt sich in einem neuen Musikprojekt mit dem Markus-Evangelium. Warum Nachfolge ein Leben lang herausfordert und warum man sich als Christ immer auch mit den Argumenten der Gegner auseinandersetzen sollte, erklärt er im Interview.
Von Swanhild Brenneke
Christoph Zehendner

Foto: Daniel Kallauch

Christoph Zehendner, Jahrgang 1961, ist Liedermacher, Texter schon lange in der christlichen Musiklandschaft unterwegs. Er ist außerdem Theologe und Journalist.

PRO: Ihr neues Album „Unfassbar“ soll die Hörer einladen, sich mit dem Markus-Evangelium zu beschäftigen. Wie kamen Sie auf die Idee zu dem Projekt?

Christoph Zehendner: Mir ist es ein Anliegen, Fenster in die Bibel zu öffnen. In einem früheren Album habe ich mich zum Beispiel mit dem Johannes-Evangelium beschäftigt. Es lag mir schon lange auf der Seele, dass irgendwann Markus kommt, das wahrscheinlich älteste Evangelium.

Warum gerade das Markus-Evangelium?

Die Kürze, die inhaltliche Dichte machen das Markus-Evangelium aus. Es ist sehr nah an den Geschehnissen dran. Manchmal lese ich Markus und denke, ich schaue über seine Schulter und sehe die Szene selbst, die er beschreibt. Er hat auf den Punkt gebracht, was wirklich wichtig war. Das Johannes-Evangelium dagegen hat was Philosophisches, was Poetisches und Lyrisches. So etwas gibt es im Markus-Evangelium nicht. Das ist für mich als Texter auch eine Herausforderung. Ich möchte ja den Erzählstil des jeweiligen Evangelisten so gut wie möglich lebendig werden lassen.

Was denn genau?

Eines meiner Lieblingslieder vom neuen Album ist „Ein weites Feld“. Es bezieht sich auf das Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld. Als Kind habe ich das immer so verstanden: „Wenn Gott ein Samenkorn irgendwo hinlegt, dann pass auf, dass es keine Vögel aufpicken, dass du nicht der steinige Boden bist oder dass Dornen wachsen.“ Also sehr drohend. Jetzt entdecke ich einen anderen Aspekt: Da fällt ein Samenkorn auf guten Boden. Und das Wenige wächst um ein Vielfaches. Es geht hier also um die verschwenderische Großzügigkeit Gottes, die alles möglich macht aus dem bisschen, was wir einbringen können. Wenn ich nur ein Samenkörnchen Glauben zur Verfügung habe und mich klein und schwach fühle, dann denke ich jetzt an diese Vermehrung. Deshalb habe ich ein Mut-Mach-Lied aus diesem Bild Jesu gemacht.

Oder das Lied „Passt auf“: Es handelt von den Endzeitreden Jesu. Es hat mich mehr als jemals zuvor fasziniert, wie nah die Endzeitworte von Jesus am Heute dran sind und welche Aktualität sie haben. Einerseits warnt Jesus: „Augen auf, lasst euch nicht alles einreden.“ Andererseits sagt er: „Vertraut mir. Am Ende komme ich.“

„Wenn jemand behauptet, er wüsste ganz genau, was Jesus gemeint hat, werde ich sehr skeptisch.“

Was ist Ihre Lieblingsstelle im Markus-Evangelium?

Mich berührt besonders die Szene, wo einige Männer den Gelähmten zu Jesus tragen. Sie drängen sich durch Menschenmassen, tragen den Gelähmten eine schmale Treppe hinauf aufs Dach und decken es ab, um ihren Freund zu Jesus hinunterzulassen. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie beliebt man sich damit beim Hausbesitzer macht.

Ich hab mich sehr in diese Szene hineingedacht. Viele Jahre war ich der, der bei verschiedenen Gelegenheiten einen Zipfel so einer Matte getragen hat: Ich habe immer wieder versucht, Leute in die Nähe von Jesus zu bringen. In den vergangenen Jahren war ich wegen gesundheitlicher Probleme manchmal der, der auf der Matte lag und von Freunden getragen werden musste. Der Song, der daraus geworden ist, ist „Du bist frei“.

Was macht Jesus für Sie „unfassbar“?

Unfassbar bedeutet für mich zum einen „großartig, mega, krass“. Nach meinen Beobachtungen ist „unfassbar“ in der Sprache junger Erwachsener heute ausgesprochen positiv konnotiert. Zum anderen: Jesus ist nicht zu greifen. Auch bei Markus bleiben viele Fragen an Jesus offen. Da ist nichts glattgebügelt und leicht konsumierbar. Jesus ist faszinierend, aber nie wirklich zu fassen oder gar „festzuhalten“. Das ist auch gut so. Wenn jemand heute behauptet, er wüsste bei allen Fragen ganz genau, was Jesus gemeint hat, werde ich sehr skeptisch.

Foto: Gerth

Christoph Zehendners neues Album ist ein Musikprojekt mit den Musikern Ralf Schuon und Hans-Joachim Eißler. Zusätzlich zum Album gibt es Klavierpartituren, Bläsernoten, Chorpartituren und MP3-Aufnahmen, mit denen Chorsänger ihre eigenen Stimmen einüben können. Außerdem stehen Moderationstexte zur Verfügung, um die Musik abendfüllend aufzuführen.
Christoph Zehendner, Ralf Schuon, Hans-Joachim Eißler: „Unfassbar – Musikalische Fenster ins Markusevangelium“, Gerth Medien, 17,80 Euro, EAN 4029856400648.

In den Songs kommt immer wieder vor, dass die Nachfolge Jesu herausfordert. Was bedeutet das für Sie konkret in der heutigen Zeit?

Wir Christen hier im Westen sollten uns daran erinnern, dass zur gleichen Zeit Nachfolge Jesu den Tod, erhebliche Einschränkungen, das Ende der Familie bedeuten kann und noch mehr. Ich habe lange überlegt, ob ich die Wendung „Nachfolge heißt, das Kreuz Jesu auf mich zu nehmen“ verwende. (Im Lied „Jesus hinterher“, Anm. d. Red.) Denn wo trage ich denn sein Kreuz? Dann denke ich aber an meine Geschwister in Indien oder anderswo in der Welt, die Christenverfolgung erleben.

In der Nachfolge Jesu zu leben heißt für uns heute auch, innerlich unterwegs zu bleiben und uns nicht mit einer bestimmten Position oder Haltung zur Ruhe zu setzen. Mir widerstrebt die Formulierung „Ich stehe seit Jahren im Glauben“. Korrekter wäre „Ich gehe im Glauben“, weil Jesus mich in Bewegung hält.

„Passt auf“ spricht unter anderem von Sorgen, Lügen, davon, dass bekannte Weltbilder ins Wanken geraten, und es ermahnt, wachsam zu sein: Wie spricht das in die aktuelle Zeit?

Der Umgang mit Informationen über Covid-19 oder über den Ukraine-Krieg zeigt, wie wichtig verlässliche Quellen sind. Es kommt darauf an, nicht allem blind zu vertrauen, was meine Meinung bestätigt. Für mich als Journalist heißt „Pass auf“ aber auch, andere Meinungen anzuhören. Auch welche, die das Gegenteil von dem behaupten, was ich glaube. Ich möchte gute Argumente von Impfgegnern zumindest hören. Manches überzeugt mich, anderes gar nicht. ‚Pass auf‘ heißt da: Bilde dir eine Meinung. Wenn du nur einen Kanal hörst, nur eine Zeitung liest oder auch nur den einen Prediger hörst und dessen Theologie – das ist gefährlich.

Was soll bei den Hörern des Albums ankommen?

Ich wünsche mir, dass sie einen Song hören und sagen: Jetzt will ich aber wissen, was da wirklich steht. Ich wünsche mir, dass sie so dem Markus-Evangelium begegnen und dann auch Jesus, um den es Markus geht. Das Bild vom Fenster gefällt mir gut: Man schaut durch ein Fenster und bekommt dabei Lust, anschließend durch die Tür zu gehen und sich ganz dem Evangelium zu nähern.

Vielen Dank für das Gespräch!

Dieses Interview erschien zuerst in Ausgabe 5/2021 von PRO – das christliche Medienmagazin. Sie können die aktuelle Ausgabe hier bestellen.

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8 Antworten

  1. “Unfassbar bedeutet für mich zum einen „großartig, mega, krass“. Nach meinen Beobachtungen ist „unfassbar“ in der Sprache junger Erwachsener heute ausgesprochen positiv konnotiert. Zum anderen: Jesus ist nicht zu greifen. Auch bei Markus bleiben viele Fragen an Jesus offen. Da ist nichts glattgebügelt und leicht konsumierbar. Jesus ist faszinierend, aber nie wirklich zu fassen oder gar „festzuhalten“,(Zehendner).
    So sehr ich die restlichen Aussagen C. Zehendners in dem Artikel gut und überzeugend zeugnishaft für den Glauben finde, so relativiert sich das dann wieder im o.g. Absatz. Ich denke, Jesus Christus möchte keine Leute, die ihn bewundern, faszinierend finden, sondern die ihm NACHFOLGEN. Ihn bewunder, faszinierend finden ist nichts Entscheidendes. Aber ansonsten überzeugt mich der Text, er enthält schon bedeutend mehr, als in dem angesprochenen Absatz ausgedrückt.

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    1. @E.Weber
      Das klingt so, als wäre Faszination für Jesus und Nachfolge Gegensätze.
      Ich glaube, es ist für eine Jesusnachfolge ganz wesentlich, wenn man, wie Zehendnder es beschreibt, immer wieder und fasziniert ist und bleibt von diesem Jesus, dass er einen wortwörtlich immer wieder zu sich hinzieht und dass es einen immer wieder zu ihm hinzieht – denn das ist die Motivation, ihn immer besser kennenlernen und von ihm lernen zu wollen.
      Ich kann mir schwer vorstellen dass seine JüngerInnen ihm nachgefolgt sind, ohne die Grundvoraussetzung, von ihm fasziniert zu sein.

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  2. “Ich kann mir schwer vorstellen dass seine JüngerInnen ihm nachgefolgt sind, ohne die Grundvoraussetzung, von ihm fasziniert zu sein.” Jesus Christus spricht von Nachfolge: “Wer mir nachfolgen will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach”. An anderer Stelle wird der Mensch aufgefordert, die Kosten durchzurechnen, die Nachfolge bedeutet. Echte Nachfolge Jesu geht nicht ohne Leiden für Jesus. Da bleibt nichts von Faszination in dem Sinne “lobpreismäßige Gefühlsduselei” übrig. Lesen Sie doch mal die Bücher von “open doors”, wie “faszinierend” dort Nachfolge geschildert wird. Grundvoraussetzung “Faszination” für Nachfolge, ich weiß nicht, wo Sie das in der Bibel gelesen haben. Würde mich aber interessieren!

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    1. @E. Weber
      Das eine (Kreuz) schließt doch das andere (Begeisterung für Jesus) nicht aus. Aus meiner Sicht ist die Begeisterung/Faszination für Jesus, die Liebe zu Jesus sogar extrem wichtig, um am Kreuz nicht zu verzweifeln, das die Nachfolge mit sich bringt.

      Wo habe ich denn von lobpreismäßiger Gefühlsduselei gesprochen? Da haben Sie mich wirklich nicht recht verstanden.

      Und da Sie nach Bibelstellen fragen: ich glaube kaum, dass jemand wie Petrus, der ausruft: Du bist der Messias! oder jene Frau, die ein Vermögen ausgibt, um Jesus die Füße zu Salben, oder Maria, die Jesus zu Füßen sitzt und an seinen Lippen hängt und darüber ihre eigentliche Aufgabe im Haushalt vernachlässigt, oder Maria Magdalena, nachdem Jesus ihr die Dämonen ausgetrieben hat, oder Nathanael, der so ergriffen war von der Tatsache, dass Jesus ihn schon kannte, bevor er ihm begegnet war, oder Zachäus, der extra auf einen Baum stieg, weil er Jesus zu sehen “begehrte” (lt Luther), mit einem drögen, lustlosen: “es muss eben” mit Jesus unterwegs waren.

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      1. “Wo habe ich denn von lobpreismäßiger Gefühlsduselei gesprochen? Da haben Sie mich wirklich nicht recht verstanden.” Da haben Sie nicht von gesprochen, davon spreche ich aber. Weil es für viele christliche Kreise (besonders die charismatischen) nach meiner Wahrnehmung bei der FASZINATION für Jesus Christus bleibt. Da spielt der Gedanke aus dem Lied “Jesus, Dir nach, weil Du rufst” … “Dir nach, das heißt auch mit Dir LEIDEN”…. nämlich überhaupt keine Rolle. Ihre Lieder haben unwesentlich mehr Inhalt als “Heilig, heilig, heilig”, “Jesus, I love you”, “Lord, I bless you”… , und mit der entsprechenden Musik dazu kommen dann die ekstatischen Gefühle. Und dabei bleibt`s.

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        1. Ah so.
          Ja, es ist mit dem Glauben wie so oft im Leben: man kann von beiden Seiten vom Pferd fallen.
          Deshalb glaube ich, dass es für den Glauben beides braucht. Mut und Demut für das Kreuz und Begeisterung, Liebe, Dankbarkeit für den Meister.

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          1. Vor Allem: Buße, Wiedergeburt, Nachfolge. Glaube heißt eben “glauben”!

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          2. Nöö, mit dem Glauben kann man nicht vom Pferd fallen. Wieso? Wo kommt dieses Ammenmärchen her??? Mit dem Glauben kann man nie tiefer fallen als in Gottes Hände.

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Kommentare sind geschlossen.

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