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Im digitalen Kontakt mit den Toten

Werden wir in Zukunft im Netz auf digitale Doppelgänger von Verstorbenen treffen? Darüber und welche Auswirkungen das für die Gesellschaft haben kann, diskutierten verschiedene Buchautoren auf der Frankfurter Buchmesse.
Von Swanhild Brenneke

Foto: Raimond Spekking/Wikimedia commons | CC BY-SA 4.0 International

Hans Block (links) und Moritz Riesewieck bei der Filmpremiere ihrer Dokumentation „The Cleaners“

In Zukunft könnte man im Netz auf digitale Doppelgänger von Verstorbenen treffen, die dort nach deren Tod im echten Leben weiterleben. Diese Vermutung stellten die Dokumentarfilmer Moritz Riesewieck und Hans Block in einem Podiumsgespräch auf der Frankfurter Buchmesse auf. Es ging um das Thema „Die digitale Seele und psychologische Strategien von Social Media“. Die beiden Regisseure produzierten vor einigen Jahren unter anderem die Dokumentation „The Cleaners“ über die Löschzentren, die Facebook in Asien betreibt. Jetzt haben Block und Riesewieck das Buch „Die digitale Seele“ veröffentlicht, das sich mit der Frage beschäftigt, wie man nach dem Tod virtuell weiterleben kann.

Unter anderem in Asien experimentierten Unternehmen bereits mit Avataren von Verstorbenen, die auf Basis von großen Datenmengen erstellt werden, die der Verstorbene zu Lebzeiten den Unternehmen zur Verfügung gestellt habe, sagte Block. Riesewieck gab ein Beispiel aus den Recherchen zum Buch: Eine südkoreanische Mutter sei auf den Avatar ihrer verstorbenen Tochter getroffen, indem sie eine Virtual-Reality-Brille nutzte. Diese projezierte das digitale Abbild ihrer Tochter so realitätsnah, dass die Mutter den Eindruck gehabt habe, ihre Tochter in echt zu treffen.

Riesewieck erklärte, diese Art der Datenverarbeitung werfe ganz neue ethische Fragen auf: „Können wir absehen, was das mit einem Menschen macht, der einem Verstorbenen wiederbegegnet? Schafft das eine Illusion, die kaum aufrecht erhalten werden kann?“ Und was wäre, wenn das Unternehmen die entsprechenden Dienste irgendwann wieder abschaltete? Bedeute das eine Traumatisierung des noch lebenden Angehörigen?

Warnung vor Verlust der Privatsphäre

Der Professor für Molekulare Psychologie an der Universität Ulm, Christian Montag, erklärte, Social Media müsse dringend „neu gedacht“ werden. Das Geschäft mit den Daten sei ein Problem. „Je mehr Daten in die Hände der Unternehmen fallen, desto besser können sie uns auslesen“, sagte er. Montag hatte vor kurzem das Buch „Du gehörst uns!“ veröffentlicht. Er analysiert darin die psychologischen Strategien von Facebook, TikTok, Snapchat und anderen Sozialen Medien und erklärt, wie die digitale Selbständigkeit gewahrt werden kann.

Er beschäftige sich auch mit Forschungen, wie weit Soziale Medien suchtgefährdend seien und wie sich Dinge, die zunächst nur in den Sozialen Medien passieren, anschließend auf die Realität auswirkten. Die vielen Daten, die man Unternehmen unbewusst überlasse – zum Beispiel durch einen digitalen Kühlschrank oder ein E-Auto von Tesla – „können zu einem Verlust der Privatsphäre führen, wenn wir immer so weitermachen wie bisher“.

Schon jetzt seien viele Fragen zur digitalen Nachlassverwaltung juristisch schwer zu beantworten. Innovationen wie digitale Doppelgänger stellten die Gesellschaft auch juristisch vor ganz neue Fragen. „Die Unternehmen machen eine Metaebene auf: Aus Mustern von Daten wird eine Persönlichkeit geschätzt. Wem gehört diese Datenebene?“, fragte er. Die Unternehmen könnten Anspruch darauf erheben, denn schließlich hätten sie die Algorithmen entwickelt, die zur Datenerfassung führen.

„Es bahnt sich an, dass wir mit Lebenden und nicht lebenden Wesen interagieren können.“

Moritz Riesewieck, Autor von „Die digitale Seele“

Der Dokumentarfilmer Block sagte, die Recherche zum Buch „Die digitale Seele“ habe ihn neu über sein Verhältnis zum Tod nachdenken lassen. „Ich bin zum Beispiel Teil einer Generation, die gar keinen Bezug zu einem Friedhof hat. Das ist ein Ort, der mir unangenehm ist und nicht einer, wo ich hingehe, um mich an den Verstorbenen zu erinnern.“ Die Innovationen rund um das digitale Weiterleben hätten die positive Seite, dass man sich mit dem Tod, der in der westlichen Gesellschaft oft einfach verdrängt werde, wieder mehr auseinandersetze. Er selbst könne es es sich aber „überhaupt nicht vorstellen“ mit einem Avatar in Kontakt zu treten, um noch einmal einem Verstorbenen zu begegnen.

Riesewieck forderte abschließend, aufmerksam mit dem Thema „digitale Seele“ umzugehen. Man kenne es von anderen Innovationen, die plötzlich „einfach so“ von Unternehmen „auf den Markt geschmissen werden“, um zu testen, ob es dafür Kunden gibt, und die sich dann etablieren. Bei diesem Thema müsse man vorsichtig sein. „Wir haben den Eindruck, es bahnt sich was an, dass man mit Lebenden und nicht lebenden Wesen interagieren können wird“, sagte er über seine Recherchen zusammen mit Block. Schon jetzt gebe es ja die Bots, bei denen man auf den ersten Blick oft nicht feststellen könne, ob man mit einem echten Menschen kommuniziere oder nicht. Und schon jetzt falle die Entscheidung manchmal schwer, was Fake News seien und was echte Fakten. Wenn man durch Avatare in der virtuellen Realität nicht mehr sicher feststellen könne, ob man es mit einem echten Menschen oder einer sehr guten Kopie zu tun habe, stelle das die Menschen vor ganz neue Herausforderungen.

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