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„Sie sehen hin, damit wir nicht hinsehen müssen“

Die empfehlenswerte Dokumentation „Im Schatten der Netzwelt – The Cleaners“ erzählt von Filipinos, deren Beruf es ist, für uns den Internetmüll auszusortieren. Sie ertragen Kinderpornografie und Enthauptungsvideos, damit das Netz sauber bleibt. Eine Rezension von Michael Müller
Von PRO
Die ARD-Doku „Im Schatten der Netzwelt – The Cleaners“ klärt über den schmerzlichen Aufwand für ein sauberes Internet auf

Foto: WDR/gebrueder beetz filmproduktion

Die ARD-Doku „Im Schatten der Netzwelt – The Cleaners“ klärt über den schmerzlichen Aufwand für ein sauberes Internet auf

Sie müssen sich den täglichen Müll anschauen, den der normale Internetnutzer in seinen sozialen Netzwerken nicht zu sehen bekommt: Enthauptungen, Kinderpornografie, Menschen, die sich vor laufender Kamera selbst umbringen und Propaganda-Hetze von Terroristen. Der Beruf heißt „Content Moderator“. Große amerikanische Internetfirmen wie Facebook, Google und Twitter sind auf sie angewiesen. Weil diese Arbeit aber auf den Philippinen günstiger umzusetzen ist, haben die Unternehmen die Tätigkeiten über Drittfirmen teils nach Südostasien verlagert. Von diesen Mitarbeitern erzählt die Dokumentation „Im Schatten der Netzwelt – The Cleaners“ am 11. September um 22.45 Uhr in der ARD.

Die philippinischen Mitarbeiter müssen mehrere tausend Bilder pro Tag aus fremden Kulturkreisen prüfen. Die beiden deutschen Filmemacher Hans Block und Moritz Riesewieck konnten natürlich nicht mit ihren Kameras in die Büroräume der tatsächlichen Mitarbeiter gehen, weil die Firmen kein Interesse an dieser Form von Öffentlichkeit haben. Kurzerhand mieteten die Regisseure deshalb eine Etage in einem Bürogebäude in Manila an, das ziemlich genau der richtigen Arbeitssituation entsprechen soll. Denn sie haben Kontakt mit ehemaligen Mitarbeitern aufgenommen.

Überforderte Christin opfert sich auf

Die nachgebaute Benutzeroberfläche der Mitarbeiter im Büro zeigt das zu bewertende Video oder Bild. Daneben sind Knöpfe angebracht, welche die Art des Verstoßes kennzeichnen: Nacktheit, Spam, Selbstverletzung, Selbstmord, Kindesmissbrauch, Terrorismus, Bedrohung und internationale Regeltreue. Einige ehemalige Mitarbeiter erzählten über ihre Erfahrungen anonymisiert in E-Mails. Andere waren sogar bereit, weiterzugehen: Eine ehemalige Mitarbeiterin erzählt vor der Kamera, wie sie von der Aufgabe überfordert war. Als Christin kannte sie viele der englischen Sexualbegriffe gar nicht, die in den zu bewertenden Beiträgen vorkamen.

Als Fortbildung habe sie sich Pornos anschauen müssen, um überhaupt die Kontexte zu verstehen. Sie sagt, dass sie sich hier für die Allgemeinheit aufgeopfert habe. Sie verhindere, dass sich die Sünde im Netz ausbreite. Einerseits bezeichnet sie Nacktbilder als größten Fehler, den ein Content Manager zulassen kann. Dann wiederum spricht sie auch von einem „schuldigen Vergnügen“, weil sie sich bei den Nacktbildern zwar schlecht fühlte, sie ihr teilweise aber auch gefielen. Aber letztlich sei die Arbeit wie ein „Virus“ gewesen, der sich in ihren Kopf „gefressen“ hätte.

Doku erzählt über philippinische Gesellschaft

Eine der Stärken der Dokumentation ist aber nicht nur, dass sie diese Arbeit aufdeckt, die einer Höllenvision gleichkommt. Der Film schildert auch die sozialen und politischen Verhältnisse, in denen die Filipinos leben. Die Eltern eines ehemaligen Mitarbeiters sind Müllsammler. Als Content Manager verdient er ein Vielfaches. Es gibt also auch einen kapitalistischen Druck, diese Tätigkeit auszuüben. Als oberste moralische Instanz fungiert auf den Philippinen Präsident Rodrigo Duterte. Der vergleicht unglaublicherweise seinen Anti-Drogen-Kampf mit dem Holocaust des Zweiten Weltkrieges und spricht davon, Drogenabhängige ausrotten zu wollen. Was soll da ein Content Manager denken, der sich auf der Arbeit Hunderte von Enthauptungsvideos anschauen muss?

„The Cleaners“ ist ein etwas unkonzentrierter Aufklärungsfilm: Einerseits beschreibt er mit kreativen Mitteln diesen vor der Öffentlichkeit versteckten Job auf den Philippinen. Die faszinierende, vielleicht noch etwas weiter ausgeführte Schilderung hätte den Film allein getragen. Andererseits haben sich die Filmemacher zu viel vorgenommen. Sie wollen auch noch das gesamte Internet in der heutigen Zeit hinterfragen. Der Film springt von Künstlern, deren Bilder auf Facebook nicht veröffentlicht werden dürfen, zu Nichtregierungsorganisationen, die Bombenvideos aus dem Syrienkrieg sichern, bevor sie wieder gelöscht werden.

Man reist von einer Anti-Trump-Demonstration in den USA mit der Kamera weiter nach Indien. Plötzlich geht es auch um Meinungsfreiheit in der Türkei gegenüber dem Erdogan-Regime. Ein stärkerer Fokus hätte dem Film dabei gut getan. Wobei die Frage, ob das liberale System des Internets letztlich eher Hass als Verständnis fördert, natürlich sehr spannend ist. Einmal sagt einer der zahlreichen Interviewten: Nichts werde häufiger im Internet geteilt als Empörung. Aber für diese allumfassende Frage ist in der Dokumentation nicht ausreichend Platz. Sie lenkt am Ende doch eher vom Schicksal dieses schrecklichen Jobkonzepts ab. Diese Menschen auf den Philippinen sehen hin, damit wir nicht hinsehen müssen. Ein unheimlicher Gedanke.

„Im Schatten der Netzwelt – The Cleaners“, Regie: Hans Block und Moritz Riesewieck, 90 Minuten, am 11. September um 22.45 Uhr in der ARD.

Von: Michael Müller

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