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„Herr Bedford-Strohm, würden Sie einen Roboter taufen?“

Für Roboter, Algorithmen und Influencer interessieren sich längst nicht mehr nur Internet-Nerds – sondern auch die Evangelische Kirche in Deutschland. Für den scheidenden Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm ist die Digitalisierung eines der wichtigsten Themen seiner Amtszeit. Ein Gespräch über die Zukunft, das demokratiegefährdende Potential sozialer Netzwerke und digitale Taufen.
Von Anna Lutz
Heinrich Bedford-Strohm

Foto: PRO/Norbert Schäfer

Heinrich Bedford-Strohms hat sich als Ratsvorsitzender der EKD für die Digitalisierung in der Kirche stark gemacht.

PRO: Herr Bedford-Strohm, würden Sie einen Roboter taufen?


Heinrich Bedford-Strohm: Wir müssen zwischen Mensch und Maschine unterscheiden, so humanoid letztere in Zukunft auch wirken werden. Nicht wir Menschen erschaffen den Menschen, sondern Gott erschafft den Menschen. Wir hingegen schaffen künstliche Intelligenz. Der Unterschied zwischen beiden ist: Der Mensch kann über sich nachdenken. Der Mensch kann mit Gott reden. Der Mensch kann Rechenschaft ablegen. Ein Roboter kann diese Verantwortung nicht übernehmen, denn er ist programmiert. Er ist nicht kreativ. Deswegen werde ich wohl nie einen Roboter taufen.


Würden Sie sich von einem Roboter segnen lassen?


Ja. Ein Bibelwort wirkt immer. Egal ob es mir ein Mensch zugesprochen hat, ein Roboter, oder ob ich es gelesen habe. Die segensreiche Wirkung des Wortes Gottes ist nicht gebunden an ein Medium. Auf der Weltausstellung Reformation 2017 in Wittenberg habe ich mich deshalb gerne von diesem Roboter segnen lassen und es hat mich sehr berührt. Ich habe den Segen Gottes gespürt.


Kann es eine virtuelle Kirche geben? Also VR-Brille und Avatar statt Stuhlkreis und Kirchenchor?


Da müssen wir erst einmal klären, was wir unter Kirche verstehen. Wenn sie die Gemeinschaft der Gläubigen ist, kann es sie natürlich auch über digitale Kanäle geben. Aber sie besteht dann aus echten Menschen. Und es ist klar, dass Physisches nicht plötzlich überflüssig wird. Wir brauchen Körperkontakt, sehnen uns nach Umarmungen. Zusätzlich gibt es aber auch digitale Wege, Kirche zu sein, die wir weiter erkunden müssen.

„Sicherlich kann der Heilige Geist auch über digitale Kanäle wirken.“

Heinrich Bedford-Strohm


Funktionieren Handlungen wie Taufe oder Abendmahl ebenfalls im digitalen Raum?


Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir Menschen online taufen. Bei der Taufe geht es darum, dass durch das Wasser die Vergebung der Sünden symbolisiert wird und der Mensch so einen Segen für seine Zukunft mit auf den Weg bekommt. Ich glaube schon, dass das an die physische Präsenz des Taufenden und des Täuflings gebunden ist. Aber letztlich geht es doch darum, dass Menschen diesen Segen spüren, Gott erfahren, ihn in ihre Seele aufnehmen und sich als äußeres Zeichen für diese Beziehung taufen lassen. Im Zentrum solcher Debatten steht also die Frage: Wie kann die Gottesbeziehung gestärkt werden? Wie können Menschen die Liebe Gottes in ihrem Leben, in ihrer Seele erfahren? Beim Abendmahl bin ich selbst noch unentschieden. Sicherlich kann der Heilige Geist auch über digitale Kanäle wirken. Aber zu fragen ist auch, was die Bekenntnisschriften etwa meinen, wenn sie von der Präsenz Gottes in Brot und Wein sprechen und der Gemeinschaft derjenigen, die es miteinander teilen. Darüber müssen wir in Ruhe nachdenken und das tun wir als Kirche derzeit auch.


In der neuen Denkschrift der EKD „Freiheit digital“ geht es um Roboter, Drohnen, Algorithmen, Online­dating, Influencer… Der durchschnittliche Kirchgänger ist knapp 60 Jahre alt. Kommunizieren Sie nicht an Ihrem Stammklientel vorbei?


Denkschriften schreiben wir ja nicht nur für Kirchgänger. Die Zielgruppe ist viel breiter. Es gibt viele Menschen in unseren Reihen, die sich mit dem Thema beschäftigen. Digitalisierung ist ein wichtiges Thema und Christen, die daran interessiert sind, können sich bei uns über die biblischen Hintergründe dazu informieren. Ich wünsche mir, dass sich einerseits die Kirchengemeinden neu mit Digitalisierung beschäftigen und andererseits durch die Denkschrift ein Signal an die ganze digitale Community geht, an die vielen jungen Leute, dass wir uns damit auseinandersetzen und sie ernst nehmen.


Sie hoffen, mit einer Denkschrift junge Menschen für Kirche zu begeistern?


Das hoffe ich nicht nur, das geschieht schon. Es hat sich viel getan im Verhältnis junger Leute zur Kirche. Wer hätte etwa geglaubt, dass die Präses der EKD im Jahr 2021 25 Jahre alt sein würde? Anna-Nicole Heinrich ist als Initiatorin unseres Hackathons eine Vorreiterin bei der Digitalisierung innerhalb der Kirche. Sie hat erfahren, dass in dieser Kirche eben nicht irgendwelche Leute mit grauen Haaren darüber entscheiden, was ihrer Generation wichtig zu sein hat.

“Soziale Netzwerke bergen massive, demokratiegefährdende Risiken.“

Heinrich Bedford-Strohm


Was aber senden Sie für ein Signal an die Älteren, die das alles eben nicht nachvollziehen können? Bleiben die nun zugunsten der Jüngeren auf der Strecke?


Das glaube ich nicht. Corona und die damit einhergehenden Einschränkungen haben dazu geführt, dass die Digitalisierung in der Kirche noch einmal schneller vorangeschritten ist. In dieser Situation war es ein riesiger Segen, dass viele in unseren Reihen zu diesem Zeitpunkt schon sehr weit waren. Ich frage mich manchmal, was mit uns als Kirche in der Pandemie eigentlich passiert wäre, wenn wir die digitalen Möglichkeiten nicht gehabt hätten. Außer Fernsehgottesdiensten wäre vermutlich nicht viel gewesen. Aber so haben wir etwa zu Ostern mehr Menschen erreicht als je zuvor. Im Übrigen ist es doch ein Mythos, dass ältere Leute mit digitalen Medien nichts anfangen können. Manche mussten sich vielleicht erst überwinden. Aber selbst in Pflegeheimen haben die Bewohner während der Kontaktsperren digital mit ihren Angehörigen kommuniziert. Die Digitalisierung bringt die Generationen darüber hinaus zusammen, indem die Jüngeren den Älteren alles erklären. So müssen wir an die Sache herangehen: mit einem Geist des Aufbruchs!


Die andere Seite sieht so aus: Ein Pfarrer, der schon mehrere Gemeinden betreuen muss und chronisch überlastet ist, muss nun auch noch einen Digitalgottesdienst organisieren und lernen, wie er Meetings über Zoom und Skype anbietet. Der Arbeitsaufwand des überlasteten Kirchenpersonals ist dramatisch gestiegen.


Die Pandemie war in der Tat eine große Kraftanstrengung für viele Gemeinden, für Pfarrerinnen und Pfarrer. Es gab Kolleginnen und Kollegen, die waren wirklich erschöpft. Und manche sind es bis heute. Die allermeisten haben aber nach meiner Wahrnehmung versucht, das Beste aus der Situation zu machen und sind dabei in neue Horizonte vorgestoßen. Eine Kollegin hat mir erzählt, wie sie kurz davor war, keinen Weihnachtsgottesdienst anzubieten, weil der Kirchenvorstand gegenüber digitalen Formaten sehr skeptisch war. Dann haben sie es aber gemeinsam doch digital auf die Beine gestellt, und die Gemeinde war froh, dass sie nicht im Fernsehen irgendeinen Pfarrer gesehen hat, sondern ihre Pfarrerin live. Ja, das hat Kraft gekostet. Und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen auf sich achten. Aber jede Gemeinde kann sich mit der Frage beschäftigen, wie solche Angebote gemeinsam mit anderen in der Region zu organisieren sind. Es muss doch nicht jeder jeden Gottesdienst per Livestream machen. Das entscheidende Thema der Zukunft ist Kooperation. Wir denken noch viel zu sehr von der eigenen Gemeinde aus. Es wird künftig auch selbstverständlich sein, dass ich eine App in die Hand nehme, dort mein Alter eingebe und so nach kirchlichen Angeboten in meinem Umfeld für mich suche.


Prophezeien Sie gerade das Ende der örtlichen Gemeinde?


Nein, die Gemeinden werden weiter eine zentrale Rolle spielen. Aber sie werden sich viel besser vernetzen. Stellen Sie sich ein Dekanat vor, das die Gottesdienste so organisiert, dass alle Pfarrerinnen und Pfarrer ein freies Wochenende im Monat haben und es trotzdem überall ein gutes Gottesdienst-Angebot gibt. Das machen viele in den Regionen schon und es schafft Synergien. Auch Predigten können durchaus mehrfach gehalten werden, jeweils in den unterschiedlichen Gemeinden. Wir haben unsere Möglichkeiten noch längst nicht ausgeschöpft. Niemand soll ausbrennen. Und das gelingt durch Kooperation.


Digitalisierung ist für Sie ja nicht erst seit der Denkschrift ein Thema. Sie sind schon lange fasziniert von und engagiert in sozialen Netzwerken.


Das Wort fasziniert trifft es nicht. Soziale Netzwerke bergen massive, demokratiegefährdende Risiken. Ich habe sehr kritische Anfragen an die Art, wie soziale Netzwerke heute funktionieren. Das hindert mich aber nicht daran, mich auf Face­book zu äußern.


Sie bewegen sich in der Welt der Querdenker, der alternativen Wahrheiten, der Wutbürger. Wie weit kommen Sie da mit frommen Botschaften?


Wenn ich ein Morgenvideo aufnehme, dann will ich damit Menschen ermutigen, unabhängig davon, ob ich physisch in ihrer Nähe sein kann. Aber es gibt Schattenseiten. Veröffentlichungen im Netz sind oft nur Verstärker für die jeweils eigenen starken Gefühle oder gar Hassgefühle gegen andere. Ich habe allerdings auch immer wieder erlebt, dass bei kontroversen Themen wie der Flüchtlingspolitik Dialoge entstanden sind. Eines dürfen wir indessen nicht vergessen: Algorithmen funktionieren derzeit auf kommerzieller Basis. Facebook und andere versuchen, damit Geld zu verdienen. Das hat die fatale Konsequenz, dass die Klickzahlen das einzige Auswahlkriterium für die Frage ist, welche Inhalte auf meinen Bildschirm gespült werden. Studien sagen, Hassbotschaften und extreme Inhalte finden mehr Klicks. Es entsteht also eine Dynamik, die unserem Grundgesetz entgegensteht, weil sie nicht dem Grundsatz der Menschenwürde folgt.


Oft geht es dabei gar nicht um die Frage wahr oder falsch, sondern um die Meinung, die transportiert wird … wollen Sie Meinungen aussortieren?


Die extremen Inhalte kommen über die algorithmische Programmierung hoch und deswegen müssen Hass und Kriminalität im Netz bekämpft werden, wie es etwa mit dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz geschieht. Die Unternehmen müssen dazu verpflichtet werden, gegen Gefährdungen der Menschenwürde vorzugehen, indem sie entsprechende Inhalte löschen. Ich frage mich aber, ob es nicht sinnvoll wäre, darüber hinaus ein europäisches Netzwerk aufzubauen, das den Monopol-Konzernen in den USA Paroli bietet und auf dem Prinzip der Menschenwürde basiert. Ich wäre jedenfalls der allererste, der so etwas unterstützen und sein Facebook-Konto dann löschen würde.


Vielen Dank für das Gespräch!

Dieses Interview und mehr lesen Sie in der Ausgabe 5/2021 von PRO. Das Heft können Sie kostenlos hier bestellen oder auch online durchblättern.

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Eine Antwort

  1. Vielen Dank für diesen interessanten, anregenden Artikel ! Er passt zu den Fragen, die ich gerade mit meinen Studierenden an der Uni diskutiere!

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