Helmut Matthies: Westdeutscher Journalist und Theologe mit einem Herz für „Ossis“

Helmut Matthies: Westdeutscher Journalist und Theologe mit einem Herz für „Ossis“

„Geteiltes Deutschland war für mich das Unnormalste überhaupt“

Fünf Wochen vor dem Mauerfall hat der Theologe und Journalist Helmut Matthies in ideaSpektrum einen Kommentar veröffentlicht: „Wiedervereinigung, was sonst?“ Von der Kirche bekam er dafür Ärger. Im pro-Interview erklärt er, warum er an die Wiedervereinigung geglaubt hat und warum sein Herz für Ossis schlägt.

pro: In ideaSpektrum haben Sie in den Siebziger- und Achtzigerjahren für die Wiedervereinigung geschrieben. Was hat Sie daran glauben lassen, dass es eine Wiedervereinigung geben wird?

Helmut Matthies: Damals herrschte in der Theologie und in der Evangelischen Kirche vielfach die Ansicht, die Teilung Deutschlands sei nach der nationalsozialistischen Barbarei ein Gericht Gottes, das man hinzunehmen hätte. Das habe ich immer abgelehnt, denn dann wäre Gott ungerecht. Warum hätte Gott die beiden übrig gebliebenen Teile Deutschlands so unterschiedlich behandeln sollen? Deshalb habe ich geschrieben: Das muss ein Ende haben. Auch bei meinen vielen Besuchen und Gesprächen in der DDR habe ich immer erlebt, dass die Menschen das Bewusstsein hatten: Wir sind ein Volk. Wir haben 1989 dramatische Briefe bekommen bei idea. Beispielsweise schrieben uns Zahnärzte aus dem Erzgebirge: Wir bekommen kein Anästhesiemittel mehr, sodass wir ohne Betäubung Zähne ziehen. Nach dem, was ich alles erlebt habe, schien es mir sehr realistisch zu sein, dass das System zusammenbrechen musste. Und wenn es zusammenbricht, war doch logisch, dass Deutschland sich wieder vereint.

Sie haben ein Jahr vor der Wiedervereinigung, fünf Wochen vor dem Mauerfall einen Kommentar geschrieben: „Wiedervereinigung, was sonst?“ Daraufhin bestellte der Kirchenpräsident Sie ein. Ging es da allein um diese theologische Argumentation?

Der Grund für diese Zurückhaltung der Kirche war politisch. Der Kirchenpräsident rief mich an und sagte, es sei friedensgefährdend, wenn man die Wiedervereinigung fordere. Ein Pfarrer der hessen-nassauischen Kirche, wie ich einer bin, dürfe so etwas nicht schreiben. Ich wurde dann in die Kirchenverwaltung einbestellt. Da wurde mir gesagt, was ich geschrieben hatte, sei rechtsradikal. Bei der EKD-Synode Anfang November 1989 fuhr mich der damalige EKD-Ratsvorsitzende an: „Bruder Matthies, hören Sie endlich auf, von der Wiedervereinigung zu schreiben. Die gibt es nicht.“ Fünf Tage später fiel die Mauer.

Konnten Sie das Argument, dass die Einheit friedensgefährdend sei, nachvollziehen?

Warum sollte sie das sein? In der Sowjetunion regierte zu der Zeit schon Gorbatschow. Unter Breschnew und Chruschtschow hätte man damit rechnen können, dass jede Forderung nach Wiedervereinigung im Osten dazu führen würde, dass Panzer aufmarschieren, dass möglicherweise ein Dritter Weltkrieg bevorstehen könnte. Aber Gorbatschow selbst hat das Ende von Honecker geradezu provozierend herbeigeführt. Zu der Zeit wurden DDR-Bürger mit Zügen aus der Prager Botschaft über Plauen in die Bundesrepublik gebracht. In vielen Städten begannen Massendemonstrationen. Dass mein Kommentar den Frieden gefährden sollte, habe ich überhaupt nicht verstanden.

Die Versöhnungskirche an der Bernauer Straße stand im Todesstreifen der befestigten Grenze zwischen Ost- und Westberlin. 1985 ließ die DDR-Regierung sie sprengen.

Die Versöhnungskirche an der Bernauer Straße stand im Todesstreifen der befestigten Grenze zwischen Ost- und Westberlin. 1985 ließ die DDR-Regierung sie sprengen.

In Ihrem neuen Buch „Gott kann auch anders“ schreiben Sie, dass Sie in Interviews fast mit allen Kirchenleitern über die Frage der Wiedervereinigung gesprochen haben. Warum?

Es war für mich das Unnormalste überhaupt, dass Deutschland geteilt war. Daher habe ich immer erwartet, dass Bischöfe als die Hirten der Gemeinde ein Interesse daran haben, dass Menschen, die – wie es Joachim Gauck formulierte – wie in einem Gefängnis leben, daraus befreit werden und wir wieder ein Land werden. Deshalb habe ich jeden Kirchenleiter danach gefragt und bin ihnen damit auf die Nerven gegangen. Manche schnappten geradezu nach Luft: „Muss das sein?“ Oder sie haben es mir rausgestrichen. Nur Landesbischof Hans von Keler hat geradezu prophetisch gesagt: „Die Wiedervereinigung könnte schneller kommen als wir ahnen. Und die Frage ist, ob wir darauf vorbereitet sind.“

Sie kritisieren in Ihrem Buch, dass die Kirche die bedrängten Christen der DDR bis heute nicht genug würdigt. Was erwarten Sie von der Kirche?

Ich erwarte, dass zum Beispiel die EKD-Synode, die in diesem Jahr kurz nach dem Mauerfall-Jubiläum stattfindet, einen ganzen Tag den Christen widmet, die in Haft waren, die an der Spitze des Widerstandes standen, die dafür gesorgt haben, dass keine Gewalt ausgeübt wird. Dass die Kirche Zeitzeugen zu Wort kommen lässt: Wie war es? Was haben sie erlebt? Was können wir daraus lernen? Dass im kirchlichen Rahmen insgesamt wenig dergleichen passiert, halte ich für eine Missachtung vieler Christen in der DDR. Bis dahin, dass von 15 Mitgliedern im Rat EKD, keiner eine Ost-Biografie hat.

In seinem Buch „Gott kann auch anders“ beschreibt Helmut Matthies unter anderem, wie er bei der Frage nach der Wiedervereinigung mit der Landeskirche über Kreuz lag

In seinem Buch „Gott kann auch anders“ beschreibt Helmut Matthies unter anderem, wie er bei der Frage nach der Wiedervereinigung mit der Landeskirche über Kreuz lag

Seit ich Sie kenne, habe ich den Eindruck, dass sie ein Herz für Ossis haben. Woher kommt das?

Meine Großmutter und ihre Schwester lebten im Havelland, bei Rathenow, westlich von Berlin. Die habe ich bis zu meinem 13. Lebensjahr 1963 regelmäßig besucht. Die Erlebnisse, die ich da hatte, haben mich mehr geprägt als die ganze West-Zeit.

Was zum Beispiel?

Das erste Erlebnis in meinem Leben überhaupt, an das ich mich erinnere, hatte mit der DDR zu tun. Ich war etwa fünf Jahre alt und besuchte mit einer Tante aus meinem Heimatdorf unsere Verwandten im Havelland. Am Grenzübergang Marienborn mussten wir alle den Zug verlassen und uns am Bahnsteig aufstellen. Und dann passierte das Drama für ein Kind: Meine Tante musste zur Leibesvisitation. Das ging alles wahnsinnig schnell. Sie konnte mir nicht sagen, dass sie gleich wiederkäme. Ich stand da plötzlich allein und sie war weg. Deshalb schrieb ich wie am Spieß, weil ich meinte, sie hätte mich verlassen. Dann hielt mir ein Grenzpolizist seine Waffe ins Gesicht und blaffte: „Hör endlich auf zu schreien.“ Als ich nach den Ferien wieder zu Hause im Westen war, sagte mein Vater nur zu mir: „Junge, das ist eben Kommunismus.“

Das hat mein Weltbild sehr stark geprägt. Ich war dann später als Reisekorrespondent oft in der DDR und schon als Student auch in der Sowjetunion. Besonders geprägt haben mich Besuche bei Familien von inhaftierten Baptisten in Leningrad, aber auch Treffen im sowjetisch besetzten Baltikum. So habe ich das ganze Elend des Kommunismus immer wieder neu erfahren. Das führte bei mir zu einer großen Liebe für den Osten, weil ich dort erlebt habe, dass Gott auch seinen leidenden Nachfolgern beisteht.

Welche Begegnungen hatten Sie mit der Stasi?

Insgesamt sollen über zehn IMs (Inoffizielle Mitarbeiter; Anm. d. Red.) auf idea und auf mich angesetzt gewesen sein. Das weiß ich aus meiner Akte. Von einem weiß ich den richtigen Namen. Er war der Schlimmste. Er hat auch bei anderen Organisationen viel Schaden angerichtet. Gegen mich hatte er einen Haftbefehl erwirkt, der aber wegen des Mauerfalls nicht vollstreckt werden konnte. Er war ein Doppelagent für den KGB und für die Stasi – offiziell war er Pfarrer einer Ost-Berliner Kirchengemeinde. Angesetzt war er auf die Organisation „Licht im Osten“, auf das Diakonische Werk und auf idea. Er hat angeboten, idea bekannt zu machen und in die DDR zu bringen. Er kam dann zu mir und machte auf unglaublich fromm. Das war eine Beterei, die mir furchtbar auf die Nerven ging. Er war charismatisch hoch zehn, Mitglied der Evangelistenkonferenz in der DDR, früher ein Methodist. Ich bin auf ihn reingefallen.

Nachdem ich später die Akten gelesen hatte, habe ich ihn besucht und ihn gefragt: Warum hast du das gemacht? Seine Antwort: „Ich brauchte Geld.“ Ich konnte nur erwidern: „Das nehme ich dir nicht ab.“ Denn er bekam Geld von der Kirche, von den Geheimdiensten, für die er arbeitete, und Reisekosten von den Organisationen, die er bespitzelte. Dann kam die nächste Ausrede: Er sei schwul und deswegen sei er erpresst worden. Da konnte ich auch nur lachen, weil in der DDR auf sexuellem Gebiet wesentlich größere Freizügigkeit herrschte als im damaligen Westen. Und dann sagte er schließlich als dritten Grund, der möglicherweise der wahre war: Er sei überzeugt gewesen, dass der Sozialismus das bessere System sei.

Eine aktuelle Umfrage von Infratest dimap zeigt, dass ein Viertel der Ostdeutschen findet, die Meinungsfreiheit habe sich seit dem Mauerfall verschlechtert. Sie leben seit ein paar Jahren in Brandenburg an der Havel. Wie nehmen Sie das Lebensgefühl wahr?

Dieses Gefühl ist hier sehr stark. Die Leute haben den Eindruck, sie können nicht sagen, was Sie empfinden. Wenn in einzelnen Städten tausende Asylbewerber untergebracht werden, haben die Einheimischen das Gefühl: Unsere Heimat geht uns verloren. Dass man das nicht ausdrücken kann, ohne dass sofort die Nazikeule geschwungen wird, ist ein Grund für den Wahlerfolg der AfD. In der Hauptstraße in Brandenburg an der Havel hing wochenlang an jedem Mast ein Plakat: „AfD wählen ist ein Verbrechen“. So etwas führt dazu, dass man schweigt. Aber aus Protest wählt man die Partei erst recht. Viele Leute haben einfach die Nase voll. Sie mussten sich alles neu aneignen ab 1990. Es blieb ja kein Stein auf dem anderen – im Versicherungswesen, in der Verwaltung, im Geldverkehr wurde alles anders. Das ist eine unvorstellbare Leistung, die die Menschen in den neuen Bundesländern vollbracht haben. Und jetzt fürchten sie: Es kommt schon wieder was Neues. Das ist einfach eine Überforderung.

Eine Straßenszene in Görlitz: Helmut Matthies ist begeistert von der Stadt

Eine Straßenszene in Görlitz: Helmut Matthies ist begeistert von der Stadt

In dem Buch „Mauer.frei“, für das Sie auch ein Kapitel beigesteuert haben, heißt es im Vorwort, dass noch ein Weg vor uns liegt, was die Wiedervereinigung angeht. Wie können die Menschen in Deutschland die Wiedervereinigung weiterführen?

Das Wichtigste ist, dass wir aufeinander hören. Wir wissen zu wenig voneinander. Um es mal provokativ zu sagen: Im Westen kennen viele jeden Baum auf Mallorca, aber wissen nicht, dass die schönste Stadt Deutschlands Görlitz ist.

Die östlichste Stadt Deutschlands ist tatsächlich die schönste?

So hat sie der Chef der Stiftung Denkmalschutz, Gottfried Kiesow, einmal bezeichnet. Ich bin selbst schon über 30 Mal in dieser schlesischen Stadt gewesen und muss sagen: Sie ist nicht schön, sie ist wunderschön.

Vielen Dank für das Gespräch.

Helmut Matthies, Jahrgang 1950, ist Pfarrer der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Von 1978 bis 2017 war er Leiter der Evangelischen Nachrichtenagentur idea, seitdem ist er Vorstandsvorsitzender. Er lebt in Brandenburg an der Havel.

Die Fragen stellte Jonathan Steinert

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