Die Schau „Contemporary Muslim Fashion“ im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst macht Spannungsverhältnisse in der muslimischen Frauenmode deutlich

Die Schau „Contemporary Muslim Fashion“ im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst macht Spannungsverhältnisse in der muslimischen Frauenmode deutlich

Mehrdeutige muslimische Mode

Eine Ausstellung zeitgenössischer muslimischer Mode in Frankfurt sorgte schon im Vorfeld für Aufruhr. Ein Besuch lohnt sich, meint Jonathan Steinert. Denn die Schau verdeutlicht, wie vielschichtig Kleidung kommuniziert.

Am Anfang steht die Kontrolle: Rucksack öffnen, Handy und Schlüssel aus den Taschen nehmen, durch einen Detektor gehen, Flüssigkeiten und Taschenmesser abgeben. Es ist nicht etwa der bekannte und nachvollziehbare Sicherheitscheck auf dem Flughafen, im Reichstag oder in einer Synagoge. Es ist der Eingang ins Museum Angewandte Kunst in Frankfurt/Main, wo seit einer Woche eine Ausstellung zu zeitgenössischer muslimischer Frauenmode zu sehen ist.

Schon bevor sie eröffnet wurde, sorgte sie für Aufregung, wie schon an ihrer ersten Station in San Francisco. Die Gruppe „Migrantinnen für Säkularität und Selbstbestimmung“ veröffentlichte in der Frauenzeitschrift Emma einen offenen Brief an den Direktor des Museums. Darin wirft sie ihm vor, sich durch die Ausstellung mit der Religionspolizei in islamischen Ländern gemein zu machen. Viele Medien berichteten schon im Vorfeld über den Streit.

Mode sagt etwas über Zugehörigkeit und Identität aus

Mode sagt etwas über Zugehörigkeit und Identität aus

Verharmlost oder unterstützt die Ausstellung gar, dass Frauen durch religiöse Kleidungsvorschriften unterdrückt und in ihrer Freiheit eingeschränkt werden? Oder zeigt sie, wie moderne Muslimas sich gleichzeitig traditionell und modisch kleiden können? Diese Frage lässt sich nicht objektiv und abschließend beantworten. Dafür ist das Thema zu vielschichtig und hängt zu sehr von eigenen Einstellungen und Erfahrungen ab.

Unterdrückung oder Statement?

Was ist überhaupt zu sehen? Es sind vor allem Modelle und Fotos von Modeschöpfungen für Frauen, designt nach unterschiedlichen regionalen muslimischen Traditionen, etwa aus dem Nahen Osten, aus Afrika oder aus Indonesien. Gebetskleidung, Alltagskleidung, Sportkleidung, Hochzeitskleider, mal eher traditionell, mal hip und stylisch. Verhüllende Kleider, die nur den Augen einen Sehschlitz lassen, ebenso wie jugendliche Kapuzenpullis und Basecaps. Die Ausstellung thematisiert das Burkaverbot in Frankreich ebenso wie Proteste gegen Kleiderordnungen im Iran oder junge muslimische Modebloggerinnen, die auf Instagram über ethische und nachhaltige Produktion diskutieren. An einigen Stellen setzt sie sich kritisch mit dem traditionellen Rollenbild der Frau in muslimischen Gesellschaften auseinander, aber es ist nicht ihr Schwerpunkt.

In der Ausstellung wird deutlich, dass im Kopftuch, in der verhüllenden Kleidung, die möglichst wenig Haut zeigt, verschiedene Aspekte zusammenfließen. Religiöse ebenso wie soziale, politische oder kulturelle und auch persönliche. In der Kleidung spiegeln sich die Fragen der Zugehörigkeit und Identität wider, vor allem bei muslimischen Migranten in westlichen Ländern. Das Kopftuch als Zeichen, dass man Teil einer Community ist, das stylische Outfit hingegen, um zu zeigen, dass man nicht in einer anderen Welt und Zeit lebt. Das Kopftuch als Mittel oder Hindernis zur Integration? Eine Fotografin, die Muslime in London porträtierte, wird folgendermaßen zitiert: „Ich begann mich zu fragen, warum meine Wahrnehmung sich so sehr vom Mainstream-Narrativ der Unterdrückung im Zusammenhang mit islamischer Verschleierung unterschied.“ Muslimische Mode also auch als gezieltes religiöses Statement?

In manchen Ländern dürfen Frauen nur mit religionskonformer Kleidung Sport treiben

In manchen Ländern dürfen Frauen nur mit religionskonformer Kleidung Sport treiben

Die ausgestellte Mode zeigt etwas davon, dass Frauen trotz kultureller, politischer oder religiöser Einschränkungen Freiheiten erkämpft haben – zum Beispiel, indem besondere Sportkleidung es ihnen ermöglicht, überhaupt Sport zu treiben, was in manchen Ländern als unsittlich gilt. Oder dass Mädchen am Schwimmunterricht teilnehmen können, ohne religiöse Regeln zu verletzen, statt aufgrund der Religion nicht teilhaben zu können und ausgegrenzt zu sein. Viele der Kreationen unterstreichen Selbstbewusstsein und Würde ihrer Trägerinnen – vielleicht gerade trotz der religiös und kulturell bedingten Beschränkung, die diese Kleidung auch zum Ausdruck bringt.

Gegen den männlichen Blick

Und noch einen Gedanken wirft die Schau auf: „Modest Fashion“, also dezente, eher weite denn körperbetonte Mode, gewinnt demzufolge auch außerhalb der muslimischen Community an Anhängerinnen. Eine Selbstermächtigung von Frauen gegen den Druck der westlichen Gesellschaften, mit ihrer Kleidung Körper und Sexualität zu betonen. Insofern also auch eine Mode, die sich – zumindest im Westen – von einem männlichen Blick auf Frauen befreit?

In diesem Sinne bewegt sich die Ausstellung in einem Spannungsverhältnis. Es ist die Spannung zwischen den verschiedenen Dimensionen, die diese Mode in sich vereint, wie Unterdrückung und Freiheit, Statement, Zugehörigkeit und Identität. Mode ist auch immer ein Kommunikationsmedium – ihre Aussage jedoch in den wenigsten Fällen eindeutig. Das macht die Schau spannend und lohnend.

„Contemporary Muslim Fashion“ im Museum Angewandte Kunst Frankfurt/Main, bis 15. September 2019

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