Rezension

Eine journalistische Ikone und seine Abkehr vom Glauben

Rudolf Augstein gilt als einer der einflussreichsten Journalisten Deutschlands. Als Gründer des „Spiegel“ wollte er „sagen, was ist“. Scharfe Kritik musste er nicht nur für seine Haltung zu Kirche und Glaube, sondern auch zu Israel einstecken.
Von Johannes Blöcher-Weil
Eine neue Biografie beschäftigt sich mit dem langjährigen Spiegel-Chefredakteur und Herausgeber, Rudolf Augstein

Rudolf Augstein machte das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ zu einem Flaggschiff des deutschen Journalismus. Gemeinsam mit Verlegern wie Axel Springer, Gerd Bucerius und Henri Nannen prägte er maßgeblich Deutschlands Nachkriegszeit. In der Biografie „Augstein. Ein deutsches Leben“ beleuchten die zwei „Spiegel“-Journalisten Martin Doerry und Hauke Janssen das facettenreiche Leben Augsteins: mit all seinen Affären und weltanschaulichen Konflikten.

Die zwei Autoren zeichnen ein durchaus kritisches Porträt des Spiegel-Herausgebers. Sie zeigen einen Journalisten, der gegen das konservative Nachkriegsdeutschland Adenauers und den Klerikalismus der katholischen Kirche anschrieb und immer wieder den immensen Wert der Pressefreiheit betonte. Prägend für Augsteins Weltbild war dabei sein religiöses Elternhaus.

Augstein, Jahrgang 1923, wuchs in einer katholischen Großbürgerfamilie in der niedersächsischen Diaspora auf. Seine Mutter sei die gläubigste Frau der Welt gewesen und der katholische Glaube im Elternhaus nie „infrage gestellt“ worden. Auch Augstein selbst ging gerne in die Kirche und war Messdiener. Aber schon früh regte sich in ihm der Widerstand gegen die Religiosität des Elternhauses.

Schon früh zu Höherem berufen

Als Schüler verteidigte Augstein in seinen Aufsätzen noch das Christentum und die Kirche. Vor allem die Lektüre von Friedrich Nietzsche entfremdete ihn aber von ihr. Das Christentum erschien ihm fortan als „niederdrückend“. Er hatte die Bibel intensiv studiert und vor allem mit dem rächenden Gott des Alten Testaments große Probleme. Aber auch mit den Dogmen der katholischen Kirche konnte er wenig anfangen.

Kaum ein anderer Journalist arbeitete sich in seinem Schreiben so hemmungslos an der Kirche, dem Klerus und religiöser Bevormundung ab wie Augstein. Bereits in der ersten Ausgabe des Spiegels setzte er sich kritisch mit dem Katholizismus auseinander, als es um die Diskussion des Abtreibungsparagraphen 218 ging.

Dass er sich selbst zu Höherem berufen sah, zeigt ein Brief an seine Eltern als 18‑Jähriger. Darin schrieb er: „Ich werde die Welt aufhorchen machen und der erste Augstein im Lexikon sein.“ Dass er ohne große Berufserfahrung, unterstützt von englischen Presseoffizieren, ein Magazin gründen konnte, wie es das in Deutschland bis dahin nicht gegeben hatte, erwies sich für ihn als Glücksfall.

Augstein füllte das Machtvakuum

In den Anfängen des „Spiegels“ fehlte es an den nötigsten Dingen, wie der Ausstattung der Redakteure. Augstein wusste auch das Machtvakuum innerhalb der Redaktion zu nutzen und machte aus der Entwicklung des Blatts eine Erfolgsgeschichte. Die Autoren kritisieren, dass er dabei auch früheren Nazis einen Wiedereinstieg in den Journalismus ermöglichte und dies kein gutes Licht auf seine Haltung wirft. Er selbst war zu spät an die Front gekommen, um noch selbst Zeuge der Massenmorde zu werden.

Publizistisch prangerte er immer wieder die Allianz von Adenauer und der katholischen Kirche und das aus seiner Sicht zu enge Geflecht von Kirche und Politik an. Augstein musste im Gegensatz zu den Politikern keine Rücksicht nehmen und ging dabei oft an die Grenzen des Sagbaren. Je mehr Bundeskanzler Konrad Adenauer sich dem Westen annäherte, desto entschiedener argumentierte Augstein für das Gegenteil und setzte damit eine politische Agenda.

So kam es nach einer kurzen Phase gegenseitiger Wertschätzung und Sympathie auch zum Bruch zwischen den beiden. Augstein distanzierte sich immer mehr von dem Milieu, in dem er groß geworden war. Mit der rigiden katholischen Moral und dem Wertekanon von bedingungslosem Glauben und Gehorsam konnte er nichts mehr anfangen.

Unvergessen bleibt die Spiegel-Affäre 1962, in der Augstein wegen des angeblichen Verrats von Staatsgeheimnissen festgenommen wurde und fast drei Monate im Gefängnis saß. Für die Anhänger der Pressefreiheit war das ein Fanal und machte Augstein endgültig zu einer herausragenden Figur im Journalismus. Die damit einhergehenden Auseinandersetzungen nutzten dem Magazin und seiner Auflage.

Monografie über Jesus von Nazareth

Sein Gastspiel für die FDP im Bundestag war nur von kurzer Dauer. Augstein wurde bewusst, dass er journalistisch wohl mehr bewegen konnte als das politisch der Fall war. Er blieb ein kritischer Begleiter aller künftigen Regierungen und arbeitete sich vor allem an Helmut Kohl und seiner Kanzlerschaft journalistisch ab.

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Der Ausflug in die Bundespolitik blieb nur eine kurze Episode (Foto: Bundesarchiv)

Besonders kompromisslos und kontrovers zeigt die Biografie Augsteins Haltung zum Staat Israel und dem Judentum. Augstein bezog im „Spiegel“ immer wieder dezidiert Stellung gegen die Politik Israels. Seine Berichterstattung und Kommentare – etwa im Kontext des Eichmann-Prozesses oder der Nahost-Politik – lösten regelmäßig Empörung aus. Viele warfen ihm vor, antisemitische Ressentiments zu bedienen oder den Holocaust zu relativieren. Dass Augstein die Israelis moralisch belehrte, stieß bei den Betroffenen auf Unverständnis.

Dass ausgerechnet ein Mann mit seiner Geschichte eine Monografie über Jesus von Nazareth schrieb, in der er den „Weg seiner eigenen Entfremdung vom Glauben“ noch ein letztes Mal nachgehen wollte, ging den kirchlichen Würdenträgern und vielen Christen zu weit. Darin verspottete er nicht nur das katholische Dogma der unbefleckten Empfängnis Marias, sondern löste auch ein wütendes Echo bei katholischen Theologen für seinen „Frontalangriff“ aus.

Sein Renommee verblasste immer mehr. Je älter Augstein wurde, desto seltener war er in der Redaktion anzutreffen. Redaktion und Herausgeber entfremdeten sich zusehends, was auch im Umgang mit den Mitarbeitern begründet war. Allenthalben war die Rede von einem „schwierigen Chef“. Auch sein Alkohol- und Tablettenkonsum hinterließen Spuren: Zur Leberzirrhose kam später noch eine Krebsdiagnose.

„Umgang mit der Wahrheit von taktischer Natur geprägt“

Das Buch zeichnet Augstein als begnadeten Schreiber, der oft unberechenbar agierte und im Privaten nicht willens und fähig war, stabile Beziehungen einzugehen. Sein politisches Handeln maß er daran, ob es Deutschland dienen und nützen konnte. Bis zu seinem Tod war es ihm wichtig, publizistisch und öffentlich präsent zu sein. Als Leser der Biografie leidet man nicht nur an Augsteins publizistischem, sondern auch an seinem körperlichen Niedergang.

Foto: mib 18 | gemeinfrei
Das Grab von Rudolf Augstein befindet sich in Keitum auf Sylt (Foto: mib18)

2002 starb Augstein im Alter von 79 Jahren. Seine Biografen attestieren ihm einen Umgang mit der Wahrheit, der eher von taktischer Natur und erfolgsorientiert geprägt war. Dass er mit seinem Credo „Sagen, was ist“ auch viele seiner Mitmenschen verletzte, zeigt das Buch nur zu gut: sei es im Umgang mit Redakteuren im eigenen Haus oder mit Politikern. Der streitbare Journalist faszinierte und polarisierte.

Seine Positionen zur Kirche, zum Glauben und zu Israel provozierten viele Christen. Trotzdem ist das Buch ein Muss für alle Menschen, die sich für Medien und die politischen Geschehnisse der Nachkriegszeit interessieren. Augstein ging – journalistisch gesehen – kompromisslos dahin, wo es wehtat. Eine Einschränkung der Meinungsfreiheit wollte er nicht zulassen. Vielleicht ist das sein wichtigstes Vermächtnis.

Doerry, Martin / Janssen, Hauke, Augstein – Ein deutsches Leben, C. H. Beck, ISBN: 9783406853098, 533 Seiten mit 57 Abbildungen, 34 Euro.

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