Mit einem neuen Format will der „Spiegel“ seine Marke stärken. Das Zauberwort des Verlags heißt „Spiegel Solutions“. Statt auf Krisen und Konflikte zu schauen, gehe es auch darum, künftig mehr gelingende Dinge vorzustellen. Laut Chefredakteur Dirk Kurbjuweit soll das geschehen, ohne das Credo des Magazin-Gründers Rudolf Augstein aufzugeben: „Sagen, was ist!“
„Der beste Streit ist der, der am Ende zu einer Lösung führt“, findet Kurbjuweit. Das Konzept des konstruktiven Journalismus ist nicht wirklich neu. Im aktuellen Heft sind Klimaaktivistin Luisa Neubauer und der CDU-Politiker Sepp Müller „stets bemüht“, die positiven Seiten des Gegenübers zu sehen und das „Spiegel“-Format nicht ad absurdum zu führen.
Federführend entwickelt hat dies Autorin Susanne Beyer. Wie sie in einem Essay schreibt, gehe es ihr darum, mit journalistischen Formaten auf die zunehmende gesellschaftliche Polarisierung und das sinkende Vertrauen in die Medien zu reagieren. Das Blatt möchte weiter kritisch sein, aber die konstruktiven Perspektiven stärken.
Format nötiger denn je
Natürlich war nicht zu erwarten, dass Müller und Neubauer einen gemeinsamen Weg für die deutsche Klimapolitik finden. Dafür sind ihre Positionen zu konträr. Müller sieht staatliche Vorgaben beim Klimaschutz skeptisch und möchte niemanden mit Verboten umerziehen. Neubauer hat Angst, die jungen Menschen durch politischen Hickhack zu verlieren, und bemängelt, dass die Regierung in der Klimapolitik den Ernst der Lage nicht erkannt hat.
Im argumentativen Säbelrasseln schenken sich die beiden nichts. Allerdings empfindet Müller den Vorwurf „übergriffig“, dass die CDU keine ernsthafte Klimapolitik betreibe. Er gesteht auch ein, dass energiepolitisch einiges unter CDU-Regierungsbeteiligung richtig gelaufen sei.
Das Ansinnen des Spiegels ist trotzdem wertvoll und vielleicht nötiger denn je. Das Gespräch mit „Streit, Annäherung und Lösung“ ist so bebildert, dass beide mit offenen Armen und einander zugewandt gegenüberstehen. Ein schönes Zeichen. Und zum Schluss denken beide darüber nach, wie ein konstruktiver Ansatz aussehen kann und was an den Argumenten des anderen wertvoll ist.
Positive Sichtweisen und gute Botschaften
Sicher steckt hinter dem Format des Verlags auch ein gut durchdachtes Marketing. Während der Medienjournalist Stefan Niggemeier befürchtet, auf der Therapie-Couch des „Spiegel“ zu landen, hat das Format aus meiner Sicht Charme. Denn durchgängig negative Sichtweisen trüben die Stimmung in einem Land, das genau das nicht braucht.
Da tut es doch gut, zu hören, dass auch etwas funktioniert, dass wir die Perspektiven der Gegenseite hören und uns damit auseinandersetzen. Auch wenn der Gedanke des konstruktivem Journalismus nicht neu ist: Er und der Spiegel-Ansatz bieten Chancen. Sagen, was ist, aber trotzdem aufzeigen, wie es besser gelingen kann. Quasi: eine gute Botschaft weitersagen. Das sollte doch gerade christlichen Medienmachern gefallen.