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„Die Kirche muss die Welt lieben“

Liebe sollte das Merkmal einer authentischen Kirche sein. Das ist der Kern von Heinrich Bedford-Strohms Vision „für die Zukunft einer mutigen Kirche“, die er in seinem Buch „Radikal lieben“ entwickelt. Dabei versucht der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland auch, zwischen Evangelikalen und Modernisten zu vermitteln. Eine Rezension von Jonathan Steinert
Von Jörn Schumacher
Heinrich Bedford-Strohm, hier auf dem Kongress „Dynamissio“, ist Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Liebe ist für ihn der Wesenskern und der Auftrag der Kirche.

Foto: pro/Norbert Schäfer

Heinrich Bedford-Strohm, hier auf dem Kongress „Dynamissio“, ist Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Liebe ist für ihn der Wesenskern und der Auftrag der Kirche.

„Authentisch“ ist für Heinrich Bedford-Strohm die wichtigste Eigenschaft für eine Kirche, die heutzutage mit ihrer Botschaft überzeugen möchte. Wie authentisch Kirche ist, zeigt sich für ihn an ihrer Liebe – „an ihrer Liebe zur Welt und an der liebenden Zugewandtheit zu konkreten Menschen, unabhängig von ihren religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen“.

„Radikal lieben“ hat der bayerische Landesbischof und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) deshalb sein Buch genannt, in dem er „Anstöße für die Zukunft einer mutigen Kirche“ geben möchte. Er will es bewusst nicht als strategisches Programm oder fertiges Konzept verstanden wissen. Aber seine Thesen und Impulse sind mehr als bloße Ideen, wie sich die Kirche zukünftig aufstellen und dem Mitgliederschwund entgegentreten könnte. Bedford-Strohm fragt nach dem Wesenskern und dem Selbstverständnis der Kirche in einer modernen, pluralistischen Gesellschaft.

Jesus ist der Grund der Kirche

Dass das notwendig ist, zeigt Bedford-Strohm auf den ersten Seiten des Buches: Der Raum der Gesellschaft sei nicht mehr deckungsgleich mit dem Raum der Kirche, wie es vor einigen Jahrzehnten noch eher der Fall war, als es zumindest zum guten Ton gehörte, ihr formell anzugehören; Menschen seien zwar auf der Suche nach Sinn und religiösen Antworten, suchten diese aber nicht mehr im christlichen Glauben; viele junge Menschen würden durch ihre Familien nicht mehr religiös sozialisiert. Säkularisierung, Individualisierung – die Gesellschaft habe sich verändert und damit auch ihr Verhältnis zu Glaube und Kirche. Für Bedford-Strohm ist es da „bemerkenswert“, dass trotz hunderttausender Austritte immerhin noch 46 Millionen Menschen einer Volkskirche angehören.

„Es gibt also keinen Anlass zur Selbstberuhigung. Genauso müssen wir uns aber hüten vor einer Selbstzerknirschung, die lähmt und am Ende nur Resignation erzeugt“, resümiert der Bischof die aktuelle Lage. Und dass er sich mit dieser Situation nicht zufrieden geben will, weil er von der Bedeutung der christlichen Botschaft überzeugt ist, spricht aus jeder der 190 Seiten. Er will, dass die Kirche innerlich strahlt, um die Liebe Gottes in die Welt hinausstrahlen zu können. Dafür brauche sie einen festen Grund: Jesus Christus. Und sie müsse inhaltlich überzeugen, ihre Botschaft den Menschen plausibel machen – das heißt: in ihrem Reden und ihrem Handeln übereinstimmen, authentisch sein.

Die Gemeinschaft mit Jesus, dem Gekreuzigten, führt für Bedford-Strohm zu einer „hochaktuellen und entscheidenden Konsequenz“: Weil Gott Mensch wurde und in die Welt kam, gehe der Weg der Christen „immer in die Welt und ihre Konflikte hinein. Radikale Christusliebe heißt immer radikale Liebe zur Welt, radikale Nächstenliebe.“

Erweckungsbewegung der anderen Art

Auf dieser Basis entwickelt er das Modell einer „authentischen öffentlichen Kirche in der pluralistischen Gesellschaft“: einer Kirche, die die Vielfalt an Meinungen und Weltanschauungen einer pluralistischen Gesellschaft bejaht, aber gleichzeitig mit einem biblisch fundierten und an Jesus Christus orientierten Profil konstruktive Beiträge zur öffentlichen Diskussion bietet. „Von den Traditionen her, aus denen die Kirche lebt, inspirierende Kraft für die ganze Gesellschaft zu entfalten, das ist die Aufgabe einer öffentlichen Kirche.” Daraus folgt für Bedford-Strohm: Wer fromm ist, muss politisch sein. „Weltverantwortung“ nennt er das, als Folge der radikalen Liebe zu Jesus.

Er zeigt auch verschiedene Felder auf, bei denen die Kirche auch jenseits der sozialethischen Themen wie Flüchtlinge, Umweltschutz oder Rüstung ihre biblisch begründete Position einbringen kann. So könne sie in der öffentlichen Diskussion den Blick darauf lenken, dass alles Leben ein Geschenk Gottes ist, das man annehmen und für das man dankbar sein darf. Auch die Bedeutung des Feiertags für den Menschen könne die Kirche betonen, gerade wenn es um den Schutz des arbeitsfreien Sonntags geht. Sie könne von Schuld und der Kraft der Vergebung sprechen und helfen, eine „Kultur der Fehlerfreundlichkeit“ zu entwickeln. Auch zum Wert des Lebens, zu seiner Endlichkeit habe die Kirche etwas zu sagen.

Doch ohne geistliche Kraft können Christen nicht nach außen wirken, betont Bedford-Strohm. Deshalb wirbt er für eine intensivere Frömmigkeit im Glaubensleben – Bibellesen, Gebet, Gemeinschaft, Eintauchen in die christlichen Traditionen. Dies sei der beste Nährboden für ein dankbares und zuversichtliches Leben. Er spricht in dem Zusammenhang von einer „Erweckungsbewegung der ganz anderen Art“. Damit meint er allerdings nicht mannigfaltige Bekehrungen im ganzen Land; er versteht darunter, dass Christen sich dem Schatz ihrer spirituellen Traditionen bewusst werden und dadurch zu einer authentischen Kirche beitragen können.

Vielleicht sitzt niemand in der Hölle

Es ist bemerkenswert, dass der EKD-Ratsvorsitzende mit seinen Begrifflichkeiten, aber auch mit seinem Modell von Kirche zwischen den entgegengesetzten Polen und Frömmigkeitsrichtungen innerhalb des Protestantismus zu vermitteln versucht. So spricht er sich explizit gegen eine Vorstellung von Kirche aus, die sich nur als ein Angebot von vielen in einer pluralistischen Gesellschaft versteht, aber dabei ohne Profil bleibt. Genauso lehnt er eine Kirche ab, die sich vorwiegend um eigene Belange kümmert und sich als Gegenpol zur pluralistischen, weltlichen Gesellschaft positioniert, wie er es in manchen evangelikalen Gemeinschaften beobachtet. „Die Welt ist kein gottverlassener Raum. Gott wirkt in ihr. Für die Kirche geht es darum, Gottes Wirken in der Gesellschaft wahrzunehmen und auch zu bezeugen. Das geht nur, wenn sie sich ganz auf die Welt einlässt.“

Entsprechend zurückhaltend äußert sich Bedford-Strohm beim Thema Mission. Er kritisiert, dass es dabei zu oft um Strategien gehe, die dann als erfolgreich gelten, wenn ein Mensch sich neu zu Jesus bekennt. Ein Mensch dürfe nicht zum „Objekt potentieller Bekehrung“ werden. „Mission ist zuerst Gottes Mission. Sie kommt zum Ziel, wenn in dieser Welt das Reich Gottes zeichenhaft sichtbar wird.” Mission im Sinne Jesu bedeutet für ihn damit: den Nächsten lieben. Von Drohungen mit der Hölle hält er nichts. Zwar gebe es sie, aber „ob am Ende jemand drin ist, wird Gott selbst entscheiden. Ob Gott auch jenseits der Grenze zwischen Leben und Tod Wege findet, selbst die größte Gottesferne noch zu überwinden, dürfen wir getrost ihm überlassen.”

Mut zu geistlichen Antworten

Dass es bei den Fragen nach Sinn und Frieden im Leben auch um das Seelenheil, um Erlösung von Schuld geht, kommt bei Bedford-Strohm eher am Rande vor, dabei ist das wesentlich und sollte es für eine authentische Kirche auch sein. Zwar ist es völlig unzweifelhaft, dass Bedford-Strohm Gott als Liebe ins Zentrum des Evangeliums stellt. Aber der Tod von Jesus bedeutet mehr, als dass dieser die tiefsten Punkte des Seins durchlitten hat. Sein Sterben hat unmittelbar mit der Erlösung von Schuld zu tun, die von Gott trennt. Das ist der geistliche Kern der Antworten, die das Evangelium auf Sinnfragen gibt.

Es bleibt der Eindruck zurück, Bedford-Strohm gibt einer öffentlichen Kirche den Auftrag, sich vor allem ethisch zu äußern – abgeleitet aus der biblischen Botschaft und befähigt durch die geistliche Kraft der Frömmigkeit. Er tut das mit großer Begeisterung, klaren Worten und ist damit in Sachen Authentizität ein lebhaftes Vorbild. Aber so wichtig und notwendig politische und gesellschaftliche Beiträge der Kirche sind: Sie darf nicht auf geistliche Antworten in der Öffentlichkeit verzichten – aus Liebe zur Welt. Denn das ist etwas, was nur sie liefern kann und worin sie ihr inhaltliches Alleinstellungsmerkmal hat. Auch das gehört zu ihrer Authentizität. Dafür muss Kirche mutig sein. (pro)

Heinrich Bedford-Strohm: „Radikal lieben. Anstöße für die Zukunft einer mutigen Kirche“, Gütersloher Verlagshaus, 192 Seiten, 17,99 Euro, ISBN 9783579085296 Foto: Gütersloher Verlagshaus
Heinrich Bedford-Strohm: „Radikal lieben. Anstöße für die Zukunft einer mutigen Kirche“, Gütersloher Verlagshaus, 192 Seiten, 17,99 Euro, ISBN 9783579085296

Von: jst

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Eine Antwort

  1. Im christlichen Abendland ist das Kreuz kein Zeichen der Unterwerfung, sondern ein Zeichen der überwältigenden Liebe Gottes zu uns Menschen.

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