PRO: Herr Pahl, Herr Kruse, als das erste Christival 1976 stattfand, waren Sie beide noch nicht geboren. Wissen Sie dennoch, wie die erste Veranstaltung ablief?
Chris Pahl: Ja, wir kennen Bilder, Videos und Augenzeugenberichte. Vieles war anders als heute. 12.500 Dauerbesucher waren da, Tausende haben einfach draußen im Park übernachtet. Ohne Zelt. Alles war ein bisschen wild, es gab weniger Strukturen und die Organisation war vermutlich einfacher. Jenseits dessen hat sich das Altersprofil des Festivals im Vergleich zu den Anfängen sehr verändert. Damals war es ab 18 Jahren und eher für Jugendmitarbeiter gedacht. Heute laden wir alle Jugendlichen ab 14 Jahren dazu ein, einen Zugang zu Jesus beim Christival zu finden oder ihn zu vertiefen.
Initiator Parzany
PRO: Initiator war damals Ulrich Parzany, ein durchaus auch in der christlichen Welt streitbarer Mann und konservativer Christ. Inwiefern trägt die Veranstaltung bis heute seine Handschrift?
Philipp Kruse: Er ist bis heute jemand, der mit einem großen Herzen für Jesus und die Bibel jungen Menschen den Glauben nahebringen will. Das zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Christivals.
Chris Pahl: Dass Jugendliche zu wenig über den Glauben sprechen, war damals der Grund, warum das Christival gegründet wurde. Man wollte eine missionarischere und evangelistischere junge Generation. Seitdem haben sich die Methoden und Herangehensweisen verändert. Aber der Grundherzschlag ist sehr ähnlich geblieben. Und auch Ulrich Parzany hat sich verändert. Wir freuen uns, dass er jetzt dabei ist und mit uns den 50. Geburtstag feiert. Aber nicht alle im Netzwerk teilen alle seine Meinungen. Das müssen wir ja auch nicht, so lange die Basis Jesus Christus klar ist.
„Wir sagen klar: Wer Jesus oder Mission nicht gut findet, der kann nicht mitmachen. Aber bei allem anderen stellen wir die Jesus-Begeisterung, die Bibel und die Strahlkraft in die Welt als verbindende Elemente in den Vordergrund und nicht Frömmigkeitsstile oder theologische Meinungen.“
Chris Pahl
PRO: Parzany warnt immer wieder vor einer Verwässerung des Christentums, viele Bewegungen und Entwicklungen sind ihm nicht bibeltreu genug. Wie passt das zusammen mit dem Wunsch, junge Menschen zu erreichen?
Chris Pahl: Wir sind ein Netzwerk aus 80 Organisationen, es gibt konservative Gruppen, aber auch weniger konservative. Das ist ein Spannungsfeld, in dem wir uns als Christen heute bewegen. Wir sagen klar: Wer Jesus oder Mission nicht gut findet, der kann nicht mitmachen. Aber bei allem anderen stellen wir die Jesus-Begeisterung, die Bibel und die Strahlkraft in die Welt als verbindende Elemente in den Vordergrund und nicht Frömmigkeitsstile oder theologische Meinungen. Wir dürfen uns aneinander reiben und dennoch gemeinsam unterwegs sein.
Ulrich Parzany hat 1976 übrigens auch Ärger aus manchen Ecken bekommen, weil er christliche Popmusiker aus Amerika hat auftreten lassen. Mancher hielt das für Musik vom Teufel. Alle, die auf Parzany folgten, können ähnliche Geschichten erzählen, Roland Werner ebenso wie Karsten Hüttmann. Manchen ist manches zu fromm, anderen anderes zu liberal. Das ist nichts Neues.
PRO: Wie erreicht man heute noch junge Menschen mit christlichen Ideen?
Philipp Kruse: Ich erlebe nach wie vor eine große Offenheit bei jungen Menschen für spirituelle Themen und auch für Glaube, Bibel und Jesus. Das Christival steht für Innovation. Wir haben immer schon neue Dinge aus der Jugendkultur in christliche Kreise getragen. Und dann ist es natürlich auch etwas Besonderes, wenn junge Menschen merken, sie stehen dort gemeinsam mit 10.000 anderen Jugendlichen und sind nicht allein.
Foto: Hannes Neumann/ChristivalPRO: Was am Christival ist besonders innovativ?
Philipp Kruse: 2016 und 2022 hatten wir zum Beispiel das Dialogmodell entwickelt, bei dem Jugendliche den Verkündigern ihre Fragen stellen konnten, die live beantwortet wurden. Außerdem haben wir mit großen Bildschirmen gearbeitet, LED-Wände, auf denen schauspielerisch Bibeltexte nachgestellt wurden, in 2D- und mit 3D-Elementen. Das war ein Highlight.
Besucherzahlen stagnieren
PRO: Die Besucherzahlen des Christivals haben sich von 12.500 im Jahr 1976 gesteigert auf 30.000 unter der Leitung von Roland Werner. 2016 kamen nur noch 13.500 Dauerteilnehmer. Warum sind die Zahlen rückläufig?
Chris Pahl: Das Christival im Jahr 1996 mit den hohen Besucherzahlen war außergewöhnlich. Es war das erste nach der Wende und von einem starken Aufbruchsgeist geprägt. Es kamen auch sehr viele Besucher aus Osteuropa. Wir hoffen 2028 in Magdeburg auf 13.000 Menschen. Den Grund für den Rückgang sehen wir in der kleiner werdenden Jugendarbeit. Gerade im landeskirchlichen Kontext schrumpfen die Jugendgruppen. Wenn wir unsere Zahlen also halten, dann ist das eigentlich ein Gewinn, auch hinsichtlich des demografischen Wandels.
PRO: Gehen junge Menschen in der Post-Coronazeit weniger gerne auf Großveranstaltungen?
Chris Pahl: Ich sehe da einen Gegentrend. Was die Menschen auf dem Christival erleben, das ist echt. Klar, gibt es auch Bühnen-Shows, aber sie erleben eben auch Gemeinschaft, Seminare und reale Menschen, die ihnen etwas erzählen und bei denen sie Rückfragen stellen können. Sie lesen selbst die Bibel. Die Generation Alpha ist in meinen Augen sehr bemüht, aus dem rein Digitalen rauszukommen, und hat eine große Sehnsucht nach dem Wahren und Echten.
„Der Vorstand von 2016 hat sich dazu entschieden, sexualethische Seminare nicht ins Programm zu nehmen.“
Chris Pahl
PRO: Im Jahr 2008 war das Christival deutschlandweit groß, auch in säkularen Medien. Der Grund: Volker Beck, damals noch Grünen-Abgeordneter im Bundestag, kritisierte die Veranstaltung etwa für ein Seminar, das Homosexualität zum Thema hatte Es stand der Vorwurf im Raum, man wolle Schwule und Lesben heilen. Was ist damals schiefgelaufen?
Chris Pahl: Es ist immer schwierig, so eine Frage zu beantworten, wenn man selbst nicht verantwortlich dabei war. Wichtig ist, dass sich das Christival seitdem verändert hat. Der Vorstand von 2016 hat sich dazu entschieden, sexualethische Seminare nicht ins Programm zu nehmen. Nur wenn die Jugendlichen selbst das in offenen Runden angesprochen haben, wurde es thematisiert. Auch, weil wir gemerkt haben, dass es für junge Menschen bei so einem öffentlichen Festival eigentlich überhaupt keinen Schutzraum gibt. Da sind Kamerateams und Pressevertreter, es ist nicht der Ort, um über Sexualität zu reden. Außerdem sind durch die öffentliche Fokussierung auf Sexualität die eigentlichen Themen des Christivals in den Hintergrund gerückt. Dass sich etwas verändert hat, zeigen übrigens die überwiegend positiven Reaktionen der Medien auf die Christivals 2016 und von 2022.
Philipp Kruse: Ich glaube, heute beschäftigen uns auch ganz andere Spannungsfelder. Die Fragen nach Macht und Politik etwa. Manche Tendenzen, die wir in den USA ja schon sehen, schwappen nach Deutschland. Glaube, Politik, Macht und Religion vermischen sich, manchmal zu etwas Ungutem. Da sind wir neu herausgefordert.
PRO: Sie sind in Magdeburg und damit dem Bundesland Sachsen-Anhalt, das im September einen neuen Landtag wählt. Die AfD könnte erstmals einen Ministerpräsidenten stellen. Wie fließen solche möglichen politischen Entwicklungen in die Planung eines christlichen Events ein?
Philipp Kruse: Wir setzen uns damit auseinander. Gleichsam arbeiten wir natürlich eng mit der Stadt Magdeburg zusammen, in der wir übrigens sehr willkommen sind, mit einer parteilosen Oberbürgermeisterin. Wir werden auch 2028 über politische Themen mit den jungen Menschen sprechen, denken Sie etwa an den Wehrdienst oder Ähnliches Aber es wird keine Parteipolitik geben.
Nächstes Christival in Sachsen-Anhalt – unter AfD-Regierung?
PRO: Sprechen Sie mit den jungen Menschen über die Gefahren von Rechtsextremismus? Oder thematisieren Sie Migration?
Philipp Kruse: Wir werden uns von diesen Themen nicht als Erstes leiten lassen. Zugleich sind wir grundsätzlich der vollsten Überzeugung, dass der christliche Glaube dem Menschen Würde zuspricht. Wir arbeiten auf Basis der freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland. Das ist uns ein hohes Gut, das sich teilweise aus dem christlichen Glauben und dessen Überzeugungen speist. Daher wird das Christival, völlig unabhängig davon, in welchem Bundesland wir sind, immer diese Themen mit sich tragen. Wir sind als Christinnen und Christen in diese Welt gesetzt als Fürsprecher für Gerechtigkeit und Frieden.
Chris Pahl: Wir wissen heute noch nicht, was 2028 in Magdeburg los ist. Sicher können wir sagen, dass für die Durchführung des Christivals auf logistischer und organisatorischer Seite die Stadt Magdeburg wichtiger ist als das Land Sachsen-Anhalt.
PRO: Worauf freuen Sie sich im Jahr 2028 in Magdeburg besonders?
Chris Pahl: Wir haben seit 2008 das erste Mal wieder eine Open-Air-Veranstaltung für alle. Wir werden mit 13.000 Menschen auf offener Fläche stehen. Darauf freue ich mich schon sehr. Wir starten morgens nicht mehr mit den klassischen Bibelarbeiten, sondern mit Bibellesegruppen für die Jugendlichen. Sie sollen Lust bekommen, wieder mehr Bibel zu lesen.
Philipp Kruse: Ich freue mich auf den Moment, wenn ich vor dieser Riesenbühne stehe, in der letzten Reihe ganz hinten auf der Wiese, und es genieße, wie vor mir tausende junge Menschen gemeinsam Jesus feiern und gemeinsam unterwegs sind. Chris Pahl und ich werden dann einen Moment haben, wo wir uns angucken, vermutlich mit feuchten Augen, und sagen: Es hat sich gelohnt.
PRO: Herzlichen Dank für das Gespräch!