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China strebt nach internationalem Einfluss

China steht immer mehr im Fokus der internationalen Politik. Was bedeutet das für die Christen vor Ort? Eine China-Expertin zeigt sich im Interview besorgt.
Von Johannes Blöcher-Weil
Chinesische Christen feiern einen Gottesdienst

Foto: Isabel Friemann

Die Lage für die Christen in China wird nicht leichter unter dem Herrscher Xi Jinping

Mit welchen Gefühlen blicken Sie gerade nach China?

Friemann: Im Blick auf die Gesellschaft ist die Situation wenig erfreulich und beunruhigend. Der Staatspräsident Xi Jinping bemüht sich gerade, die Macht in seiner Person zu bündeln. Die Seidenstraßen-Initiative zeigt, dass China nach internationalem Einfluss strebt. Das Land möchte seine Präsenz in der Welt stärken und das Narrativ bestimmen. Das bereitet mir Sorge.

Xi Jinping hat sich gerade zum dritten Mal zum Generalsekretär wählen lassen. Sicher ein Zeichen, um seine Macht zu demonstrieren?

Ja. Er hat als absoluter Alleinherrscher mehr Medienpräsenz als Mao Zedong früher. Sein Gedankengut bestimmt die Partei. In manchen Provinzen soll es wieder kleine rote Büchlein geben, die man auf dem Herzen tragen kann und die seine Zitate enthalten. Der Personenkult ist extrem. Der Herrscher ist humorlos. Witze über ihn werden nicht toleriert, sondern hart bestraft.

Welche Konsequenzen hat das Machtgebaren für die Einhaltung der Menschenrechte?

Es wird immer behauptet, Asien und der Westen hätten andere Menschenrechte. Die chinesische Definition lautet „Wohlstand und genug zu essen für alle“. Jinping vereinnahmt für sich, dass er 800 Millionen Chinesen aus der Armut befreit hat. Diesen Fortschritt möchte er jetzt in die Welt exportieren. Alle sollen an dem Wachstum teilhaben. Ich teile diese Ansicht nicht. Individuelle Rechte sind richtig und wichtig. Jinping definiert sie um und rechtfertigt damit sein hartes Durchgreifen.

Was wirft China dem Westen vor?

China verweist auf die vielen politischen Probleme dort: etwa die Stürmung des Kapitols in den USA oder des Reichstages in Berlin. China bemängelt, dass die politische Entscheidungsfindung sehr lange dauert. Die Menschenrechtspolitik des Westens wird extrem negativ dargestellt. Wir können lange darüber diskutieren. Aber ich glaube, dass unser Verständnis der Menschenrechte richtig ist.

Die chinesische Verfassung garantiert Glaubensfreiheit. Wie geht es den Christen vor Ort?

Das ist richtig. Es herrscht Glaubensfreiheit, aber keine Religionsfreiheit. Im Februar 2018 wurde ein Gesetz verabschiedet, das sehr viel schärfere Grenzen im religiösen Bereich setzt. Bis dahin gab es relativ viele Freiheiten oder zumindest einen Graubereich, den die Religionen für sich genutzt haben. Das ist jetzt nicht mehr so leicht möglich.

Wie sind die Christen in China organisiert?

Es gibt eine offizielle Vertretung chinesischer Christen: den Chinesischen Christenrat.(Chinese Christian Council CCC) Als die Volksrepublik China gegründet wurde, mussten erst einmal alle Ausländer und Missionare das Land verlassen. Danach entwickelte sich die „Drei-Selbst-Bewegung“. Sie forderte die verbliebenen Christen auf, sich am Aufbau des neuen Landes zu beteiligen. Die Menschen sollten ihren Glauben als nationale Christen leben, finanziell selbstständig und organisatorisch unabhängig vom Ausland sein und mit ihren theologischen Gedanken ausgestalten. Nach der Kulturrevolution fand man das zu politisch. Als kirchliche Vertretung wurde der Christen-Rat gegründet. De facto bilden beide Bewegungen eine Einheit, die für 38 Millionen offiziell registrierter chinesischer Christen steht.

Foto: Isabel Friemann
Christen feiern in China einen Gottesdienst mit Lobpreis

Was bedeutet das in der Praxis?

Alle großen Städte haben Kirchen. Shanghai verfügt etwa über 100 evangelische Kirchen. In manchen ländlichen Regionen ist das ganz anders. Christen sind nach wie vor eine kleine Minderheit, die unter den Gesetzen der Politik leiden. Viele ziehen sich deswegen ins Private zurück oder distanzieren sich. Von außen ist schwer einzuschätzen, was wirklich passiert. Während der Kulturrevolution wurde Christen verfolgt, aber ihre Zahl ist gewachsen. Das hat sogar die Christen selbst überrascht. Vielleicht gibt es jetzt einen ähnlichen Effekt.

Mit welchen Konsequenzen müssen Christen rechnen, die ihren Glauben leben?

Solange es das öffentliche Leben nicht beeinträchtigt, sind die Konsequenzen überschaubar. Im öffentlichen Raum gibt es aber keine religiösen Aktivitäten. In Buchläden sucht man vergeblich nach Bibeln, buddhistischen Schriften oder dem Koran. Diese gibt es nur auf dem Gelände religiöser Stätten. Gottesdienste werden öffentlich nicht beworben und es wird auch nicht für sie geläutet. Wer sich für Veranstaltungen interessiert, muss sich selbst informieren. Es ist verboten, Minderjährige religiös zu beeinflussen. Deswegen gibt es auch keine Kindergottesdienste und Kindertaufen. Das liegt in der Erziehungshoheit des Staates. Das ist aber alles nicht neu. Es wird jetzt nur strenger kontrolliert.

Seitdem der letzte Missionar China verlassen hat, soll es keine Mission mehr geben. Stimmt das?

Es ist unerwünscht, passiert aber trotzdem. Es gibt Menschen, die China gerne missionieren möchten. Vor allem koreanische Missionare fallen kaum auf, weil es auch eine nationale koreanische Minderheit gibt. In Peking gibt es einen Stadtteil mit sehr vielen koreanischen Gemeinden, in die auch sehr viele Chinesen gehen. Missionare kommen häufig als Sprachlehrer ins Land. Das kann natürlich keine Regierung zu 100 Prozent kontrollieren. Ob das etwas nutzt, ist eine ganz andere Frage. Die Kulturrevolution hat aus meiner Sicht gezeigt, dass Chinesen hier keine externe Hilfe brauchen.

Eine wichtige Rolle in China spielen die Hauskirchen.

Ja, es gibt im Untergrund Gemeinden und Kirchen, die erst seit 2018 wirklich illegal sind. Sie existieren aber natürlich weiter, wenn sie nicht gewaltsam geschlossen wurden. Manche von ihnen äußern sich sehr politisch oder lassen sich von politischen Autoritäten nichts sagen. Die meisten sind unpolitisch, beten im privaten Rahmen füreinander und helfen sich. Wer sich nicht zu stark organisiert, wird in Ruhe gelassen. Wo die Regierung politisches Potenzial sieht, greift sie hart durch und schaut genau hin.

Um weitere Unruhen zu vermeiden?

China vertritt die Ansicht, dass alle Religionen gute Anteile haben, die man nutzen kann. Christen haben stabile Familienverhältnisse, kümmern sich gut um ihre Kinder und helfen sich gegenseitig. Diese Nächstenliebe sehen die Politiker als wertvollen Beitrag für die Gesellschaft. Kritisiert werden illegale Aktivitäten, systemkritische Aktionen und zu starke Kontakte mit dem Ausland. Viele Prediger würden sich auch ohne Ausbildung mit ihren religiösen Fantasien als Heilsbringer gerieren.

Haben Sie eigene Erfahrungen mit Hauskirchen gemacht?

Ich kenne etliche Leute, die von der offiziellen Kirche in eine Hauskirche gewechselt sind. Von ihnen ist niemand verhaftet oder bedrängt worden, weil sie nicht öffentlich provoziert haben. Große Hauskirchen werden dagegen immer wieder geschlossen oder ihr Material konfisziert. Wenn das mehrfach vorkommt, werden die Anhänger in Gewahrsam genommen oder verhaftet. In den offiziellen Kirchen wird mehr kontrolliert als früher. Wer in die Gottesdienste geht, muss sich über sein Handy registrieren. Die Eingänge werden mit Kameras überwacht. Das wollen viele Leute nicht. Die Zahl der Gottesdienstbesucher ist rapide gesunken und mit ihnen die Einnahmen. Diese Kirchen finanzieren sich ausschließlich durch Kollekten.

Stichwort Pressefreiheit: Wie ist es um die Medienlandschaft in China bestellt?

Die Medien werden sehr stark kontrolliert. Im Fernsehen wird nur noch gesendet, was der Partei und dem Ansehen des Präsidenten dient. Pressefreiheit gibt es nicht. Auch die Freiräume von Bloggern im Internet sind massiv eingeschränkt. Das ist frustrierend. Seit September gibt es ein Gesetz für Gemeinden und religiöse Einrichtungen. Sie dürfen nur noch mit einer Lizenz, die die Religionsbehörde ausstellt, Dinge im Internet veröffentlichen. Gemeinden dürfen ihre Online-Gottesdienste nur noch eigenen Mitgliedern zur Verfügung stellen. So wird ganz viel ausgebremst.

Welche Rolle wird China in Zukunft in der Weltpolitik einnehmen?

China denkt langfristig und strategisch. Das Land hat unglaubliche Geldreserven. Seine Rolle wird wachsen, aber es wird auch an seine Grenzen stoßen. Eine wichtige Rolle spielt die Bevölkerungsentwicklung. Nach 30 Jahren „Ein-Kind-Politik“ gehen die starken Jahrgänge bald in Rente und immer weniger Menschen arbeiten. In der Politik wird aber mehr darauf geachtet, dass die Menschen „politisch stramm stehen“ als auf den wirtschaftlichen Erfolg.

Könnten Sie Beispiele nennen?

Die gesamte Corona-Politik hat ja zum Einbruch der wirtschaftlichen Beziehungen geführt, auch, was die Präsenz von ausländischen Firmen in China betrifft. Es gibt deutliche Anzeichen, dass China sich wirtschaftlich nicht so weiterentwickelt wie bisher. Die Arbeitslosenzahlen steigen gerade bei jungen Menschen. Ein ungelöstes Problem ist die Spaltung zwischen Land- und Stadtbevölkerung. China hat sich nicht bemüht, die Wanderarbeiter in die Städte zu integrieren. Die Wanderarbeiter und ihre besser ausgebildeten Nachkommen fangen an, sich dagegen zu wehren. Dadurch entsteht ein Zwei-Klassen-System, und es gärt enorm in der Gesellschaft. Das hat die Staatsführung zu wenig im Blick.

Welche Rolle kann und soll Deutschland spielen?

Deutschland ist im Westen vielleicht der wichtigste Partner. Die USA sind das chinesische Feindbild. Ich denke, dass Deutschland diesen Einfluss stärker nutzen und selbstbewusster eigene Vorstellungen umsetzen kann. Die Chinesen schätzen Deutschland als verlässlichen Partner. Das hat mir auch die chinesische Delegation bei der Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen bestätigt.

Das war die Binnensicht der chinesischen Delegation?

Ja, aber ich weiß es auch aus meiner eigenen Zeit in Peking. Natürlich gibt es inzwischen viele Menschen, die Richtung Pazifik, Afrika und Russland blicken. Aber von den westlichen Ländern ist Deutschland der zuverlässigste Partner und wird auch politisch positiver gesehen als die USA.

Was müssen wir also im Umgang mit China für die Zukunft beachten?

Es wird ganz wichtig sein, wie wir mit Medien umgehen und Informationen konsumieren. In vielen Ecken der Erde kommunizieren Menschen ganz viele Informationen ungefiltert über die sozialen Netzwerke. Es ist unsere Aufgabe, demokratische Werte zu verteidigen, damit Menschen nachdenken oder besser Informationen aufnehmen. Die Kontrolle und die Einflussnahme über die Medien ist extrem gefährlich, weil Menschen kontrolliert und manipuliert werden können.

Vielen Dank für das Gespräch.

Foto: Privat
Isabel Friemann beschäftigt sich seit etlichen Jahren wissenschaftlich mit China und den dortigen Kirchen

Isabel Friemann hat Theologie (Master) und Sinologie studiert. 1990 war sie das erste Mal in China. Seitdem interessiert sie sich für das Christentum in dem Land. Durch ein Stipendium des Ökumenischen Rates der Kirchen war sie Mitte der 90er Jahre in China. Von 2004 bis 2012 hat sie mit ihrer Familie in Peking gelebt. Aktuell arbeitet sie für das Ostasienreferat der Nordkirche und die China InfoStelle, in Hamburg.

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3 Antworten

  1. “Es herrscht Glaubensfreiheit, aber keine Religionsfreiheit.” Wie soll man DAS denn verstehen? Für mich gehört das zusammen.

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    1. Vermutlich hat das dieselbe Bedeutung wie “Die Gedanken sind frei, man darf sie nur nicht äußern …”

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  2. „Wohlstand und genug zu essen für alle“
    Ein hehres Ziel.

    Aber Menschsein erschöpft sich gerade nicht nur im “sattsein”:
    »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein,
    sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.«

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Kommentare sind geschlossen.

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