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Chemnitz ist überall

Die Zeit nennt das, was uns angesichts der Vorfälle in Chemnitz fassungslos macht, eine „pogromartige“ Stimmung. Ist ein solcher Vergleich angemessen, ist er zulässig? Der Begriff Pogrom steht für ein gewaltsames Vorgehen gegenüber Menschen, die ethnisch, politisch oder religiös bedingt zu einer Minderheit gehören. Eine Kolumne von Jürgen Mette
Von Jürgen Mette
Jürgen Mette schildert seine Sicht der Dinge zu den Ausschreitungen in Chemnitz

Foto: pro, Jürgen Mette

Jürgen Mette schildert seine Sicht der Dinge zu den Ausschreitungen in Chemnitz

Die Juden konnten gut mit Geld umgehen. So erzählte mir mein Vorkriegs-Opa. Die jüdischen Viehhändler galten als gewitzte Geldvermehrer. So wurde aus Neid schließlich Unmut und Missgunst. Damit war der Boden für eine rassistisch motivierte Gewalt derart nationalsozialistisch kontaminiert, dass bis heute darauf kein Frieden, keine Gesprächsbereitschaft und kein Erkenntnisgewinn gedeihen können.

Wenn diese Minderheiten in der öffentlichen Wahrnehmung als wachsende und drohende Gefahr, als nicht mehr aufzuhaltende Übermacht empfunden werden, dann wird marschiert, skandiert und marodiert. Wenn ein Deutscher einen Deutschen ersticht, oder ein Syrer einen Syrer, ist das eine Meldung für die lokale Berichterstattung.

Neue Qualität der hemmungslosen Wut

Ersticht ein Deutscher einen Syrer, blasen die Linken zum medialen Angriff auf die Rechten. Ersticht ein Syrer einen Deutschen, schlägt die geradezu ersehnte Stunde der Rechtsradikalen. Nicht nur bei den Neonazis, den gestiefelten Schlägern, den apokalyptischen Endzeitbeschwörern, sondern auch bei den zornigen Pegida-Sympathisanten und AfD-affinen Wutbürgern. Chemnitz steht für eine neue Qualität der hemmungslosen Wut gegen alles, was nicht deutsch ist.

Was früher Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda hieß, heißt heute Chemnitz und vielleicht irgendwann Duisburg, München oder Berlin. Wir leben in einem Rechtsstaat. Diese Einsicht beruhigt – bis zur Eskalation von Chemnitz jedenfalls. Seit Chemnitz verliert dieses Schlafmittel seine Wirkung. Die Polizei schien völlig überfordert, ohne intelligente Strategien standen sie den hasstrunkenen Enkeln Hitlers gegenüber.

Die Industrie entwickelt vernetzte Systeme, die mir ermöglichen, von unterwegs via Smartphone zuhause die Küchenmaschine mit dem Auftrag „Gulaschsuppe“ in Gang zu setzen. Demnächst wird es Kaffeefahrten auf den Mars geben. Heizdecken und eine Dose Hausmacher-Sauerstoff inklusive, aber es scheint keine intelligente Kommunikationssysteme zu geben, mit der die Polizei die Zusammenrottung von gestiefelten Gewalttätern im Ansatz bereits verhindern könnte.

Brisanz großzügiger Einwanderung unterschätzt

Gewalt gegen Gewalt. Wie zu Beginn der Menschheitsgeschichte. Faustrecht. Mann gegen Mann. Die Eroberung des gelobten Landes Kanaan war kein betuliches Kaffeekränzchen. Die neue Heimat war kein ideologisch religiös bereinigtes Land. Da residierten schon längst Naturreligionen, jede Menge Götter, Minderheiten, Mehrheiten, Götterstatuen, Kulte, Glaube und Aberglaube. Dahin schickt der Gott Abrahams sein Volk, das in der Zwangsarbeit im Gulag Gosen in Ägypten in einer religiösen Isolation gelebt hat und sich nun zum ersten Mal in einer pluralistischen Gesellschaft bewähren sollte, ohne sich auf die anderen Weltanschauungen einzulassen. Was daraus geworden ist, kann man im 5. Buch Mose und im Buch Josua nachlesen. Ein Pogrom, nur anders rum.

Chemnitz ist überall. Die Bundesregierung hat mit ihrem weltweit bestaunten, aber im eigenen Land nicht vermittelbaren „Wir schaffen das!“ die Brisanz der großzügigen Einwanderung völlig unterschätzt. Die Polizei ist überfordert, die Verwaltung und die Justiz kommen nicht hinterher, die Motive der Flüchtlinge zu prüfen. So haben die beiden letzten, einst mächtigen Volksparteien massiv an Vertrauen verloren und Platz geschaffen für eine unheimlich wachsende Partei braunschwarzer Tönung, die jetzt ihre Rolle in Sachsen und überall klären muss. Ich bin gespannt, wie sich Christen in Sachsen zu den erschütternden Ereignissen stellen werden.

Von: Jürgen Mette

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