Eigentlich mag ich die „Republica“. Ich komme hier jedes Jahr gerne hin, weil sie ziemlich perfekt organisiert ist, weil alles unkompliziert und easy ist, weil man mit jedem schnell ins Gespräch kommt, die Menschen meistens nett zueinander sind und nicht nur die Kulisse, sondern auch die Besucher selbst wunderbar bunt sind. Jeder soll sich hier wohlfühlen können, das ist das Versprechen der Macher an Menschen aller Hautfarben, an Frauen, Queere, Nerds, Eltern mit Kindern, Leuten, die keine Ahnung von Computern haben, man kann die Liste ewig fortführen. Und das finde ich schön. Vor allem in Zeiten wie diesen, wo hinter jeder Ecke der nächste aufgeladene Konflikt lauert.
In diesem Jahr aber habe ich das erste Mal auf der „Republica“ das Gefühl gehabt, dass ich dort nicht hingehöre. Durch die beiden Tage, die ich vor Ort war, zog sich dieser Eindruck wie ein neonroter Faden. Er hat mir die Konferenz, das muss ich zugeben, ziemlich versaut.
Ich verorte mich selbst ziemlich mittig, weiter links als viele tiefgläubige Christen, zu denen ich mich aber auch zähle. Und konservativer als die meisten „Republica“-Besucher, aber das hat mich in den vergangenen Jahren nie gestört. Ich habe auf meinen Wahlzetteln schon alles mögliche angekreuzt in meinen 24 Jahren Wahlmündigkeit, von grün über rot bis zu schwarz. Ich glaube, ich bin eine ziemlich durchschnittliche deutsche Wählerin mit etwas überdurchschnittlichem politischem Wissen, arbeitsbedingt. Wieso aber, komme ich mir dann in diesem Jahr auf der „Republica“ vor wie eine Abtrünnige, wenn ich es zum Beispiel gut finde, dass Philipp Amthor (CDU) auf einem Panel heiter mit Ricarda Lang (Grüne) diskutiert?
CDU „hat hier nichts verloren“
Als das am Dienstagnachmittag geschah, zum Thema, ob die Jugend Deutschlands ihre politische Zukunft in den extremen Rändern sucht, da bekam Lang erheblich viel Applaus, Amthor erheblich wenig. Geschenkt, das ist der „Republica“-Standard schon immer, links kommt hier besser an als konservativ. Passt für mich. Doch dabei blieb es nicht. Neben mir auf einem Stuhl in der ersten Reihe zerriss es eine Frau fast. Jedes Mal, wenn Amthor auch nur den Mund aufmachte, krümmte sie sich, als habe sie Schmerzen.
Die Frau auf meiner anderen Seite regte sich ebenfalls auf und ließ sich, als ich nachfragte, was denn los sei, zu dem Satz verleiten: „Die Merzes und die Amthors, die haben hier nichts verloren!“ „Ach wirklich, keine CDU erlaubt?“, fragte ich zurück. Daraus entspann sich ein längeres Gespräch, es ging um die Kürzungen für NGOs und Organisationen wie etwa die „Bildungsstätte Anne Frank“ in Frankfurt, die die Union jüngst veranlasst hat. Nichts, was ich begrüße. Aber doch kein Grund, jemanden aus dieser Partei nicht anzuhören.

Es ging um mutmaßlich rechten Wählerfang der Union, dass man den Rechten etwas entgegensetzen müsse und dann sei da ja noch das gewesen mit dieser Richterin und der Abtreibungsdebatte, wo sich die CDU habe von rechten Lobbyisten kapern lassen. Manche mögen sich erinnern, damit meinte meine Sitznachbarin den Fall Brosius-Gersdorf. Am Ende stand die Erkenntnis: Für diese Frau ist die Union wirklich um keinen Deut besser als die AfD selbst.
Sie ist nicht die einzige. Auch wenn Friedrich Merz selbst nicht zur „Republica“ kam (war er überhaupt eingeladen?), so zog sich doch durch, dass es CDU-Vertreter auf Podien ziemlich schwer hatten. Von Johannes Volkmann über Amthor bis hin zu Karin Prien. Eine Ausnahme war Angela Merkel, aber das mag man schlicht darauf zurückführen, dass sie raus ist aus dem aktiven Geschäft, dass sie allgemein nicht als das konservative Gesicht der Union gilt. Und sie postkanzlerisch ziemlich an Charme und Witz gewonnen hat.
Woher die tiefe, man mag schon sagen: Verachtung, für Unionspolitiker, fragte ich mich und fand die Antwort dann im Programm. Neben zahlreichen Veranstaltungen, die sich kritisch mit konservativen Anliegen auseinandersetzen – klar, die „Republica“ ist ausgesprochen feministisch und inklusiv und von Linken erfunden worden – hörte ich zum Beispiel die Essayistin Anne Rabe auf der größten Bühne der Konferenz über Moral sprechen. Für sie bedeutet Moral das Streben nach der Gleichwertigkeit aller Menschen. Doch es gebe Versuche, diese Moral zu unterwandern. Beispiele gefällig? Sie nannte einige: Geplante Abschiebungen nach Syrien, Thomas de Maizières einstige Aussage, man müsse sich angesichts zunehmender Kriege an härtere Bilder gewöhnen, die Migrationsdebatte des vergangenen Jahres im Deutschen Bundestag. Rabe setzte Moral der Unionspolitik gegenüber. Als wäre das eine Antithese und alle Unionspolitiker Menschenfeinde.
Wer ist hier reaktionär?
Manche fand Moderatorin Yasmine M’Barek dann auch besonders schlimm, etwa die „sehr reaktionäre Jens-Spahn-Julia-Klöckner-Blase“. Julia Klöckner ist sehr reaktionär? Das dachte ich bei mir. Die Bundestagspräsidentin, die das Hissen der Regenbogenflagge auf dem Deutschen Bundestag als festes Ritual zu jedem „Internationalen Tag gegen Homophobie“ eingeführt hat? Die Frau, die mehr als viele andere gegen frauenfeindliche Vorurteile kämpfen muss (sie wurde unter anderem als „Shitstorm auf Pömps“ bezeichnet)? Jene Frau, die eine Zeit lang als Ziehkind Angela Merkels galt? Daran schloss M´Barek dann den weisen Satz in Richtung ihrer Journalistenkollegen an: Dauerempörung sei kontraproduktiv.

Ja, ist sie. Sie ist wahnsinnig kontraproduktiv. Auch die gegenüber der Union übrigens. Ein großes Thema der „Republica“ in diesem Jahr war die im September anstehende Wahl in Sachsen-Anhalt. Die AfD liegt dort bei 42 Prozent, doppelt so viel wie die CDU, alle anderen politischen Kräfte gelten als unter ferner liefen. Kein Wunder, dass sich nicht nur die „Republica“-Gäste und – Referenten darüber sorgen, was nach dem 6. September passieren soll. Umso verwunderlicher aber, dass die Union von den meisten Besuchern hier ganz offensichtlich überhaupt nicht in die Lösungsfindung einbezogen wird. Wie, das fragte ich übrigens auch meine Sitznachbarin bei Amthor, will man denn eine AfD-Regierung verhindern, wenn man die Union gar nicht bereit ist, einzubeziehen?
Als ich einem Kollegen, der noch nicht auf der Netzkonferenz war, von dem Erlebten berichtete, antwortete der: „Auf welchem Planeten leben die denn?“. Nicht auf einem anderen Planeten, wäre meine Antwort. Aber in einer Bubble mit sehr dicken Wänden. Das ist wohlgemerkt kein Plädoyer dafür, die Union zu loben oder ihre Verfehlungen unter den Tisch zu kehren. Aber wie wäre es gewesen etwa mit einem Panel zu Antisemitismus bei der Linken? Mit einem zu Lehren für die Resilienz mit den ehemaligen Ampel-Parteien? Mit Jens Spahn zu Queerpolitik und Julia Klöckner zu Frauenrechten? Es fiele einem doch einiges ein.
Nicht die Zeit für Polarisierung
Liebe „Republica“, liebe linke Netzgemeinde, liebe einst so liebgewonnene Netzkonferenz in Berlin: Es ist nicht die Zeit für noch mehr Polarisierung. Es ist nicht die Zeit, vor allem Krawallmacher und deren Themen auf die Bühne zu heben wie etwa den Journalisten Tilo Jung, der zuletzt die ganze Berlinale aufmischte und nun selbsternannter Völkerrechtsexperte geworden ist. Oder Linken-Fraktionschefin Heidi Reichinnek, deren Erfolg sich in ähnlicher Weise aus der Empörung speist wie der von Alice Weidel. Auf Konferenzen ist es wie im Journalismus: Debatte ist gut, aber konstruktiv soll sie sein. Demokratische Kräfte der Mitte verbal auszugrenzen hilft der AfD, so wie jeder ungelöste Dissenz und so wie jede unterkomplex geführte Debatte.
Ich weiß nicht, was nächstes Jahr ist. Vielleicht hat Deutschland dann das erste AfD-regierte Bundesland. Ich hoffe nicht. Aber egal, wie es kommt, diese Konferenz hat wenig dazu beigetragen, die Mitte zu stärken. Sie hat sogar mir aus der mittigen Mitte, das Gefühl gegeben, zu konservativ zu sein. Mir gegenüber hat sie ihr Versprechen von bunter Diversität und dem Wohlfühlraum für jeden gebrochen.