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Bindungskraft der Kirchen geht weiter zurück

Das Interesse an der Kirche geht laut einer neuen Studie deutlich zurück. Dennoch greife die Diagnose einer säkularisierten Gesellschaft zu kurz.
Von Johannes Schwarz
Die Kirchen werden leerer und die Mitglieder älter

Jedes vierte Kirchenmitglied hat im vergangenen Jahr an einen Kirchenaustritt gedacht. Jedes fünfte Mitglied will in Kürze aus der Katholischen Kirche oder der Evangelischen Kirche austreten. Dies ist das Ergebnis des Religionsmonitors der Bertelsmann-Stiftung. Die Studie wurde am Donnerstag vorgestellt.

Die repräsentative Umfrage zeigt eines deutlich: Die Bindung der Menschen in Deutschland an die Kirchen nimmt ab. Rund 80 Prozent der Befragten gaben an, dass sie aufgrund von kirchlichen Skandalen ein geringeres Vertrauen in die Kirchen haben. Eine hohe Skepsis gebe es vor allem bei den Katholiken. „Hier schlagen sich vermutlich die Missbrauchsskandale und die geringe Reformbereitschaft der römischen Kurie nieder“, erklärte der Experte für gesellschaftlichen Zusammenhalt der Bertelsmann-Stiftung, Stephan Vopel.

Junge Generation mit wenig Bindung

Besonders unter jungen Kirchenmitgliedern ist die Bindungskraft gering. Demnach gaben 41 Prozent der 16- bis 24-Jährigen an, die Kirche verlassen zu wollen. Bei den 25- bis 39-Jährigen ist es etwa jeder dritte. Bei Senioren ab 70 Jahren liegt der Wille, die Kirche zu verlassen, bei 5 Prozent.

Auffällig bei der jungen Generation ist zudem, dass sie weniger religiös aufgewachsen ist. Der Anteil derer, die nach eigenen Angaben religiös erzogen wurden, sank in den vergangenen zehn Jahren von 45 Prozent auf 38 Prozent.

Die Umfrage fand ebenso heraus, dass lediglich 17 Prozent der Mitglieder mindestens einmal im Monat einen Gottesdienst besuchen. Ein ebenso hoher Anteil geht gar nicht in die Kirche. Die Bertelsmann-Stiftung untersucht seit 2008 die Rolle von Religion für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Bei der Datenerhebung beteiligten sich deutschlandweit 4.363 Menschen.

Private Spiritualität statt kirchliche Tradition

Die Religionsexpertin der Stiftung, Yasemin El-Menouar, sieht einen Grund für die nachlassende Bindungskraft in der Individualisierung. Traditionelle kirchliche Formen und Religiosität würden zunehmend durch private Formen der Spiritualität ersetzt. Außerdem verändere sich die Gesellschaft durch Einwanderung und werde vielfältiger.

Die Studienmacher sind jedoch der Ansicht, dass die Diagnose einer säkularisierten Gesellschaft zu kurz greife. Auch wenn viele Kirchenmitglieder über einen Austritt nachdenken, sei der Glaube an Gott nicht verloren. Nur jeder vierte Befragte erklärte, dass er nicht an Gott glaubt. Mehr als 90 Prozent der Austrittswilligen stimmten der Aussage zu, dass man auch ohne Kirche glauben könne.

Im Sommer waren erstmals weniger als die Hälfte der Deutschen Mitglied in der Katholischen und Evangelischen Kirche. Gegenüber dem Evangelischen Pressedienst (epd) erklärte der Religionssoziologe, Detlef Pollack, dass er kaum Chancen für die Kirchen sehe, den Abwärtstrend zu stoppen. Angesichts der Entfremdung der Mehrheit der Bevölkerung sieht er den Handlungsspielraum der Kirchen „äußerst gering“.

Der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD), sagte im Zeit-Interview: „Ich warne davor, sich schwache Kirchen zu wünschen.“ Es sei „dumm, Kirchen für verzichtbar zu halten“, sagte der Sozialdemokrat und bekennende Katholik zur Studie. Thierse macht das Überleben der Demokratie auch vom Überleben der Kirche abhängig.

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18 Antworten

  1. “Thierse macht das Überleben der Demokratie auch vom Überleben der Kirche abhängig. ”

    Ich wüsste nicht, warum der irrationale Glaube an unsichtbare, übernatürliche Wesen notwendig für das Überleben der Demokratie sein sollte.

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  2. “Nur jeder vierte Befragte erklärte, dass er nicht an Gott glaubt. ”
    Und die anderen glauben an Gott, aber wird ihr Glaube zur Tat?
    “Du gedankenloser Mensch! Willst du nicht einsehen, dass ein Glaube, der nicht zu Taten führt, wirkungslos ist?” Jakobus 2,20
    Aber auch die Intensität der Taten ist entscheidend, Jesus Christus wird laue Christen aus seinem Mund ausspucken, so Offenbarung 3, 14-22.

    Viele Menschen lassen sich von einem Wohlfühlevangelium z.B. durch Fernsehprediger bequem unterhalten, das entspricht aber nicht der Bibel (Galater 1,8; 2.Timotheus 4,2-4; 2.Korinther 2,17und 11,13.14; Römer 16,18; 2.Thessalonicher 2,10.11 und 3,2; 1. Petrus 5,8).
    Daher die Aufforderung in Psalm 1 täglich die Schriften zu lesen, werden Sie mündig und bleiben Sie nicht länger Opfer!!!
    Es gibt nicht nur den Begriff Lügenpresse, sondern auch Lügenprediger in Form eines Wohlstandsevangelium um bequem Spenden zu kassieren.

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  3. “Thierse macht das Überleben der Demokratie auch vom Überleben der Kirche abhängig.” Für mich hat das nichts miteinander zu tun. In den Ländern, wo es am meisten verfolgte Christen gibt, Beispiele: Pakistan, China, Nordkorea, wo die Christen unsäglich leiden für das Evangelium, gibt es keine Demokratien. Nun ist aber für mich Amtskirche nicht gleich Gemeinde Jesu. Die verfolgte Christenheit ist Gemeinde Jesu. Das nebenbei. Trotzdem halte ich Thierses Ansicht für falsch.

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  4. Wobei die Zahl der Christen, trotz schlimmster Verfolgung, am stärksten wächst. Im Gegensatz zur Zahl der Christen -oder soll ich besser sagen: der Mitglieder?- der Amtskirchen. Das sei noch angemerkt.

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  5. “Thierse macht das Überleben der Demokratie auch vom Überleben der Kirche abhängig.” Zunächst einmal müsste klargestellt werden, was Thierse eigentlich unter “Kirche” versteht. Ist “Kirche” das, was die Reformatoren unter “Kirche” verstanden, wenn sie sagten “ecclesia semper reformandum”? Die Kirche ist immer zu reformieren (die Kirche: ja, die Heilige Schrift: nein!), oder ist “Kirche”, die Amtskirche, das “Institut für humanitäres, soziales Handeln”? Ich vermute Letzteres, denn so sieht sich (vor Allem die evangelische) Kirche ja selbst. Wo ist denn in der Bibel von “der Kirche” überhaupt die Rede? Findet sich nicht vielmehr der Begriff “Leib Christi” oder “Christi Leib” oder “das Haupt des Leibes ist Jesus Christus”? Für die Katholische Kirche ist Heilsgewissheit nur über die Kirche, ihre Kirche, möglich. Im Katechismus der Katholischen Kirche heißt es: Wer sich seines (persönlichen) Heils gewiss ist, der sei VERFLUCHT. Die Heilige Schrift sagt genau das Gegenteil. Römerbrief, Kapitel 8: “Denn ich bin gewiss, das weder Hohes noch Tiefes, weder Fürstentümer noch Gewalten.. mich scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.” Und das ist persönliche Heilsgewissheit!

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  6. @Redaktion: Was hindert Sie denn nun schon wieder daran, meine Beiträge zu veröffentlichen???

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    1. Mit Verlaub. a) PRO-Redakteure sind nicht Ihr persönliches Service-Personal. b) Beim Angeln lernt man, geduldig zu sein.

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      1. Sie sind aber auch nicht dazu da, ständig meine Beiträge zu zensieren, sodass nur das rüberkommt, was den Ansichten der PRO-Redakteure entspricht. Ich habe schon guten Grund für meine Bemerkung. Im übrigen wurde das früher schon von anderen Kommentatoren bemängelt. Die Begriffe “Service-Personal” und “Angeln” sind doch an dieser Stelle perfekter Quatsch. Liefern Sie Sachbeiträge, dazu sind die Foren da. Danke.

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      2. Im übrigen wurden justament nach meiner Anfrage (komisch, oder?) meine Beiträge freigeschaltet. Hatte sich somit erledigt.

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      3. Wenn das ein Redaktionseinwurf war bzw. ist, dann kennzeichnen Sie das bitte sauber als solche. Ich kenne die Namen der Redaktionsmitarbeiter nicht, muss ich auch nicht. Dann antwortet man als @redaktion oder als Norbert Schäfer, Redaktion. Das wäre SAUBERE Arbeitsweise, die sich (besonders) für ein christliches Magazin gehört.

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  7. An Hrn. Weber: Es ist ja schon – manchmal -interessant, Ihre Meinung zu lesen. Nicht weil ich dem inhaltlich zustimmen kann, sondern weil ich es für wichtig halte, so ganz andere Sichtweisen auch wahrzunehmen. Zu sehen, wie groß die christliche Bandbreite ist. Aber 7 Beiträge ? Viele Leser / Leserinnen werden sich ihren Teil dabei denken. Welche Wirkung möchten Sie erreichen? Liegt Ihnen so viel an dieser Öffentlichkeit? Ihre letzten 4 Beträge wirken auf mich nur noch wie ein „Dampf-ablassen“. Die Anonymität solcher Kommunikation macht vieles möglich, aber ist es auch sinnvoll? Übrigens ist es ganz bestimmt reines Entgegenkommen vom PRO, diese Kommentarsparten überhaupt noch zu führen. Manch andere hatten es vor Jahren schon eingestampft, weil die Kommentare immer krasser wurden. Wäre das nicht schade?

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    1. “Aber 7 Beiträge ? Viele Leser / Leserinnen werden sich ihren Teil dabei denken. Welche Wirkung möchten Sie erreichen? Liegt Ihnen so viel an dieser Öffentlichkeit?” Wenn Sie meinen, die Zahl sei exorbitant hoch, dann zählen Sie mal die Beiträge von @Carvalho! Und beurteilen Sie es dann fair gegenüber mir, danke! Mir geht es in den Diskussionen immer nur um die Aussagen der Heiligen Schrift, bitte nehmen Sie es mir ab. Sie fragen: Welche Wirkung möchten Sie erreichen? Meine Antwort: Dass die Aussagen des jeweiligen Ursprungsartikels an der Heiligen Schrift gemessen, mit ihr verglichen werden. Ich lasse Ihnen Ihre und der Anderen Empfindungen zu meinen Beiträgen, die mögen unterschiedlich sein. Ich heische auch nicht nach Zustimmung, die habe ich allerdings (auch), wenn Sie hinschauen. Und an “der Öffentlichkeit” liegt mir genausoviel wie Ihnen und/oder @Carvalho. Bin mir sicher, dass ich “aus bestimmter Ecke” gerne mundtot gemacht würde, den Gefallen tue ich Ihnen und Anderen aber nicht. Darüber möge die Redaktion entscheiden. Aber zu Ihrer Beruhigung: Es wird jetzt weniger, viel weniger, versprochen! Sie sehen es doch schon, oder nicht?

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    2. Danke, Seltsam, Sie sprechen mir aus dem Herzen. Und: Ich bin der Pro_Redaktion sehr dankbar, dass sie die Kommentarfunktion offen hält.

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      1. “Ich bin der Pro_Redaktion sehr dankbar, dass sie die Kommentarfunktion offen hält.” Ich auch!
        Um es ABSCHLIESSEND zu sagen… Dem Weber werden garantiert schon wieder die Zahlen vorgerechnet….Ihr könnt zumachen, ich bin fertig.

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    3. “Die Anonymität solcher Kommunikation macht vieles möglich..” Wer ist denn hier anonym, Sie oder ich? Meinen Namen kennt jeder hier, Herr/Frau @SELTSAM (nebst vielen Anderen “Maskierten”)!

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  8. Neben hausgemachten Problemen leiden die Kirchen – wie andere große Oranisationen auch – unter einer zunehmenden Skepsis gegenüber großen Organisationen. Man schaue sich da z.B. den sinkenden Organisationsgrad von Abeitnehmern in Gewerkschaften an.
    Das ist Folge einer milieuabhängigen Diversifizierung und Individualisierung in der Gesellschaft.
    Wenn die Kirchen weiter an Bindekraft verlieren und weiter marginalisiert werden, führt das m.E. zu noch mehr Aufsplitterung und Vereinzelung in der Gesellschaft. Diese macht eben auch anfällig für politisch extreme Positionen (das lässt sich vermutlich überall beobachten, besonders prägnant aber im Osten Deutschlands, wo die mangelnde Bindekraft großer Oragnisationen ganz auffällig ist, seien es Gewerkschaften, Parteien oder die Kirchen und die Neigung zum politisch rechtensextremen Rand ist leider ebenfalls eklatant).
    Viel wird davon abhängen, dass die Kirchen sprachfähig werden im Hinblick auf milieudifferenzierte Bevölkerungsgruppen. Heinzpeter Hempelmann hat hier auf Basis der Heidelberger Sinusstudien wichtige Einsichten formuliert.
    (Vgl. Hempelmann, Heinzpeter: Gott im Milieu. Wie Sinusstudien helfen können, Menschen zu erreichen. Brunnen 2013.)
    In diesem Zusammenhang erscheint der Vorwurf von U. Parzany an die Adresse von Thorsten Dietz und Tobias Faix, auf den hier im Forum ja bereits rekuriert wurde, dass diese einem Trend der Bevormundung der Theologie durch die Soziologie nachgeben würden, einigermaßen sinnfrei. Denn erstens begründet Parzany den Vorwurf der Bevormung nicht….

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  9. … und zweitens ist Milieusensibilität eine Gebot der Stunde für die Kirchen.
    Ich hoffe inständig, dass der Strukturprozess, der in den evangelischen Landeskirchen nun auf vielen Ebenen angestoßen wird, nicht nur zu einem Sparprogramm aufgrund ökonomischer Imperative wird.
    Wir brauchen eine Kirche, die offen ist für Menschen ganz unterschiedlicher Prägungen und Ausrichtungen. Und wir brauchen eine Kirche, die öffentlich die Stimme erheben kann und sich Gehör verschafft, auch und gerade im Interesse derjenigen, die gesellschaftlich leicht in Vergessenheit geraten. Freilich ist die öffentliche Wahrnehmung auch stark personenabhängig, und öffentliche Intellektuelle wie Kardinal Karl Lehmann oder Bischof Wolfgang Huber gibt es leider aktuell nicht im Bereich der Kirchen.
    Aber ernsthaft wünschen kann man sich als Christ doch nicht, dass wir eine reine Freikirchenlandschaft bekommen mögen in Deutschland. Denn wenn man sich anschaut, wieviel hanebüchener Unfug gerade in der Coronazeit in manchen Nischen des freikirchlichen Milieus hochgekocht wurde – ich erinnere nur an “Christen im Widerstand” oder die ACCH -, dann zeigt sich doch, dass größere Kirchentümer, die gerade auch im Hinblick auf ihre Ausbildungsgänge universitär verankert sind, ein Forum des vernünftigen öffentlichen Diskurses und der Moderation sind.
    Ich stimme Wolfgang Thierse vollauf zu: schwache Kirchen kann man sich im Interesse eines demokratischen Gemeinwesens nicht wünschen.

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