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Gott spricht viele Sprachen

Um die Bibel zu übersetzen, reicht es nicht, sie einfach Wort für Wort in der anderen Sprache wiederzugeben. Sie muss auch in die Lebenswelt einer Volksgruppe übertragen werden. Und manchmal müssen die Übersetzer erst einmal ein Alphabet entwickeln.
Von Jonathan Steinert
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Bibelübersetzug, Tschad, Martin Sauer, San-Gula Foto: Silke Sauer
Martin Sauer mit einem einheimischen Mitarbeiter bei der Übersetzung des Markusevangeliums in die San-Gula-Sprache im Tschad

Im Volk der San Gula im Tschad, am Rande der Sahelzone in Nordafrika, essen die Menschen so gut wie jeden Tag Hirsebrei. Brot ist selten – zumindest bei den einfachen Leuten in den Dörfern. Brot ist etwas für die Reichen. Für Silke und Martin Sauer war das eine Herausforderung. Allerdings keine ernährungstechnische, sondern eine sprachliche. Wie sollten sie das Vaterunser treffend in die Sprache dieses Volkes übersetzen? „Unser tägliches Brot gib uns heute“ würde dann so viel bedeuten wie „Mach uns reich“. Das ist wohl kaum mit dieser Bitte gemeint. Den Hirsebrei wollten sie aber auch nicht ins Vaterunser schreiben. Deshalb entschieden sie sich dafür, den Sinn wiederzugeben – die „tägliche Nahrung“.

Sauers arbeiten für Wycliff, eine internationale christliche Hilfsorganisation, die sich mit Sprachforschung, Alphabetisierung und dem Übersetzen der Bibel beschäftigt. Über zwölf Jahre waren sie im Tschad, dann acht in der deutschen Zentrale und nun in der Elfenbeinküste. Beide sind studierte Übersetzer. Bevor die Bibel in eine neue Sprache übersetzt werden kann, sind viele Vorbereitungen nötig. Zunächst müssen Soziolinguisten herausfinden, wie es um eine bestimmte Sprache bestellt ist. Sie fertigen Wortlisten an, befragen die Menschen, wie sie ihre Sprache nutzen, wie sie sie weitergeben; erforschen, wo die Grenzen zur nächsten Sprache und was Dialekte sind. Im Tschad etwa gibt es weit über 100 Volksgruppen, viele mit eigenen Sprachen und Dialekten. Daneben gibt es die offiziellen Amtssprachen – Arabisch, Französisch. In denen liegen auch Bibelübersetzungen vor.

Wenn Gefühle in den Organen stecken

Warum braucht es dann noch Bibeln in Sprachen, die nur einige tausend Menschen sprechen? „Die Menschen sollen erleben: Gott spricht mir ins Herz, Gott spricht in meiner Sprache“, erklärt Martin Sauer. Sprache ist Identität. Deshalb sieht Wycliff seinen Auftrag auch nicht allein im Übersetzen der Bibel, es geht um den Erhalt von Kulturen, um Bildung und damit auch um gesellschaftliche Teilhabe der Menschen. Daher arbeitet die Organisation auch mit den lokalen Behörden und dem Bildungsministerium zusammen. Die machen teilweise auch konkrete Vorgaben, etwa welche Schriftzeichen benutzt werden sollen, um eine Sprache aufzuschreiben.

Im Tschad mussten Silke und Martin Sauer erst einmal die San-Gula-Sprache lernen. Texte zum Lesen gab es nicht. Tonaufnahmen, unzählige Gespräche mit den Einheimischen, wenn nötig über den Umweg des Arabischen und Französischen, zuhören, beobachten, mitmachen – so lernten sie die Kultur der Menschen und ihre Sprache kennen. „Es ist wichtig, mit den Menschen zu leben, um zu verstehen, was sie mit bestimmten Formulierungen meinen und welches Weltbild sie haben.“

Bibel, Nyarofolo, Elfenbeinküste, Sprache, Afrika, Übersetzung Foto: Silke Sauer
Frisch eingetroffene Bibeln in Nyarafolo, einer Sprache der Elfenbeinküste.

Das ist für die spätere Übersetzung entscheidend. Sonst kann eine simple Bitte um das „tägliche Brot“ einen völlig anderen Sinn bekommen. Oder man muss verstehen, dass eine Sprache für Gefühle nicht einzelne Begriffe kennt, sondern sie mit verschiedenen Organen und Körperteilen verbindet. Und schließlich müssen die Menschen die Schrift und Schreibung auch annehmen. Deshalb sei es wichtig, die Anwender einer Sprache von Anfang an mit einzubeziehen, erklärt Silke Sauer. Da kann es sein, dass die Übersetzer schon mal ein sprachwissenschaftliches Auge zudrücken müssen. Auch Traditionen und Prägungen spielen dabei eine Rolle. Ihr Mann berichtet von einem Übersetzungsprojekt in der Elfenbeinküste. Zu der Sprachgruppe gehören Christen verschiedener Konfessionen. In langen Sitzungen diskutierten sie über die Schreibung und Aussprache einzelner Begriffe und Namen wie „Jesus Christus“: die katholischen Christen befürworteten aus ihrer Tradition heraus eine Schreibweise, die sich am Französischen orientierte, die Protestanten die englische.

Lieber hören als lesen

Bei Übersetzungsprojekten, vor allem in Sprachen, die bisher nicht verschriftlicht sind, geht es nicht allein um die Bibel. Auch Volkserzählungen werden verschriftlicht oder Informationen für den Lebensalltag, gesundheitiche Aufklärung etwa. Die Bibel kommt dann meist auch nicht am Stück, sondern in Abschnitten. „Einem Menschen, der noch nie ein Buch gelesen hat, kannst du keine 1.000 Seiten vorlegen“, erklärt Silke Sauer. Im Tschad haben sie mit Einheimischen neben dem Markus-Evangelium einzelne Geschichten übersetzt, die von der Schöpfung bis zur Offenbarung die Heilsgeschichte verdeutlichen. Allerdings mündlich. Der Muttersprachler lernte sie auswendig und erzählte sie in den Dörfern weiter.

Saba, mündliche Übersetzung, Bibel Foto: Martin Sauer
Drei Männer aus dem Volk der Saba bei der Aufnahme von mündlich übersetzten biblischen Geschichten in ihrer Sprache

Denn viele Volksgruppen, die eine Bibelübersetzung erhalten, sind in einer oralen Kultur verwurzelt. Das Gedächtnis ist für sie der Wissensspeicher Nummer eins, nicht das geschriebene Wort. Das gewinne in der heutigen Bibelübersetzungsarbeit an Bedeutung, erklären Sauers. Auch Audio-Bibeln per App stehen hoch im Kurs. Statt Bibellese-Gruppen gibt es dann etwa Bibelhör-Gruppen in den Gemeinden. Außerdem besteht die Arbeit von Wycliff heute vor allem darin, Einheimische zum Übersetzen in ihre Sprache anzuleiten. Dafür bildet Martin Sauer sich gerade weiter.

Um ein Neues Testament so zu übersetzen, braucht es acht bis zwölf Jahre, schätzt er. Die ganze Bibel dauert 25 bis 30 Jahre. Das hängt von vielen Faktoren ab. Stehen geeignete und ausreichend gebildete einheimische Übersetzer bereit? Auch Stromausfälle oder instabile politische Situationen können Projekte verzögern. Oder eine Pandemie: Im März vorigen Jahres konnten Sauers gerade noch so das Land verlassen, um nach Deutschland zu kommen. In diesem Frühjahr kehrten sie nach Westafrika zurück.

Die Bibel in der eigenen Lebenswelt verstehen

Martin Sauer betreut dort Übersetzungsteams, unterrichtet sie in der Anwendung von Software und hilft bei der Exegese von biblischen Büchern, damit die Übersetzer deren Sinngehalt besser erschließen können. „Capacity-Building“ nennt sich das. Regelmäßig trifft er sich mit den Teams, um Textentwürfe zu überprüfen. Dafür lässt er sie sich in die Landessprache zurück übersetzen – in der Elfenbeinküste ist das Französisch. Daran kann er erkennen, ob sie zum einen inhaltlich korrekt sind, aber auch ob sie sprachlich natürlich gestaltet sind und so, dass die Leser den Text in ihrer Kultur gut verstehen.

Dazu gehört es etwa auch, Dinge, die im Grundtext zwischen den Zeilen stehen, hier und da explizit hin zu schreiben: Wenn ein Volk vor allem in Häusern mit spitzem Strohdach lebt, ist es nicht einleuchtend, dass die Bibel berichtet, wie Männer auf das Dach eines Hauses stiegen, es abdeckten und einen Gelähmten auf der Trage ins Innere hinunterließen. Wie soll das gehen? Also wurde in der Übersetzung präzisiert, dass es sich um ein flaches Dach handelte. Das eigene Weltbild, das eigene theologische Verständnis müssen die Übersetzer zurückstellen.

Foto: Martin Sauer
Ein Übersetzungsentwurf für das Markusevangelium, Kapitel 1,45 – 2,7 in der San-Gula-Sprache

Stülpt man den Menschen nicht trotzdem etwas Fremdes über, wenn sie ein Buch erhalten, in dem es um den Glauben, aber auch um Lebensführung geht? „Nicht wir sagen den Menschen, wie sie zu leben und zu glauben haben. Sie interagieren selbst mit der Bibel und entwickeln auch eine eigenständige Theologie, die Antworten findet auf ihre Fragen.“ Es gehe darum, dass sie beim Lesen oder Hören der Bibel Antworten auf ihre Lebensfragen bekommen.

In vielen afrikanischen Kulturen sei das etwa der Umgang mit den Ahnen, die von den Nachkommen verehrt werden. Ebenso die Frage nach geistlicher Macht. Oder die Frage, was die Aussagen der Bibel für den Umgang miteinander, mit Frauen, mit Krankheiten oder mit inneren und äußeren Verletzungen durch Gewalterfahrungen bedeuten. Deshalb ist es den „Wycliff“-Mitarbeitern wichtig, den Menschen nicht nur die Bibel in die Hand zu drücken und dann wieder zu verschwinden. Sie geben auch Anleitung dazu, die Bibel zu lesen und Antworten zu finden. Zum Beispiel ganz praktisch in einer Gesprächsgruppe zum Umgang mit Aids. „Die Bibel soll zu einer positiven Veränderung beitragen. Letztendlich greift sie als Gottes Wort in jedes Wertesystem ein – auch in unser westliches.“

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