„Die wahre Gefahr ist nicht unter uns, sie ist da draußen“, sagte Gewinner-Regisseur İlker Çatak bei der Berlinale-Preisverleihung am Samstagabend. „Lasst uns nicht gegeneinander kämpfen, lasst uns gegen sie kämpfen“, führte er mit Blick auf Autokraten und Rechtspopulisten auf der ganzen Welt fort.
Es ist schon etwas Besonderes, dass ein Gewinner der Filmkunst-Gemeinschaft derart ins Gewissen sprechen muss, aber in der Tat war die Berlinale in diesem Jahr eine Art Polit-Drama. Sie war überschattet von einer Debatte darüber, ob und in welcher Weise Filme politisch sein sollten. Wim Wenders hatte das zu Beginn des Festivals verneint und erklärt: „Wir müssen uns aus der Politik raushalten, denn wenn wir Filme machen, die ausdrücklich politisch sind, dann betreten wir das Feld der Politik, aber wir sind das Gegengewicht der Politik. Wir sind das Gegenteil der Politik. Wir müssen die Arbeit der Menschen machen und nicht die der Politiker.“ Zudem wurde der Berlinale vorgeworfen, israelkritische Stimmen zum Schweigen zu bringen. Hollywoodgrößen wie Tilda Swinton oder Javier Bardem richteten deshalb sogar einen offenen Brief an die Berlinale, der für Schlagzeilen sorgte.
Ausgerechnet ein Polit-Drama gewinnt
Da passt es besonders gut, dass ausgerechnet der wohl ausgesprochen politischste Film des Wettberwerbs „Gelbe Briefe“ aus Deutschland, ein Plädoyer gegen Autokratie und für Kunstfreiheit, als Sieger aus dem Festival hervorgeht. Ein Ehepaar inszeniert darin gemeinsam ein regierungskritisches Theaterstück. Vom Publikum und der Presse gefeiert, sonnen sie sich aber nur einen kurzen Moment in ihrem Ruhm. Denn der Staatsführung gefällt das, was sie tun keineswegs. Beide verlieren ihre Jobs und stehen binnen weniger Monate vor den Trümmern ihrer Existenz. Sie können ihre Miete nicht mehr bezahlen, sind gezwungen, umzuziehen, und kämpfen vor Gericht um ihr Recht und die künstlerische Freiheit. Am Ende müssen sie entscheiden, was ihnen wichtiger ist: Für die Wahrheit zu kämpfen oder ein halbwegs normales Leben zu führen.
Silberne Bären für Filme gab es außerdem für „Kurtulus“ von Emin Alper und „Queen at Sea“ von Lance Hammer, einem bewegenden Demenz-Drama. Ein Bär für die beste Regie ging an „Everybody digs Bill Evans“ von Grant Gee über den berühmten Jazz-Pianisten und dessen Drogensucht. Sandra Hüller nahm den Preis für die beste Hauptdarstellerin mit dem Film „Rose“ entgegen, zu den besten Nebendarstellern kührte die Jury Anna Calder-Marshall und Tom Courtenay in „Queen at Sea“.
Die ökumenische Jury bei der Berlinale zeichnete den Wettbewerbsfilm „Moscas“ von Fernando Eimbcke aus, sowie den Film auf der Kategorie Panorama „Bucks Harbor“ von Pete Muller und „River Dreams“ von Kristina Mikhailova aus dem Panorama. „Moscas“ aus Mexiko erzählt die Geschichte von Olga, die ein streng geregeltes Leben ohne Freundschaften und Beziehungen in einem riesigen Wohnblock führt. Als sie ein Zimmer untervermieten muss, zieht ein Mann mit seinem neunjährigen Sohn ein, zu dem sie eine unerwartet enge Verbindung aufbaut.
Palästinaflagge und Genozid-Vorwurf
Auch bei der Preisverleihung am Samstagabend blieb die Debatte um Äußerungen zu Gaza ein Thema der Berlinale. Die Gewinnerin des Kurzfilmpreises für „Someday, a Child“, Marie-Rose Osta, eine Libanesin, kritisierte auf der Bühne einen „Genozid“ Israels und zeigte sich bewegt vom Tod vieler Kinder in Gaza und auch im Libanon „durch israelische Bomben“. Der Gewinner in der Kategorie Forum mit dem Film „Chronicles of the Siege“, Abdallah Al-Khatib, trat mit Palästinaflagge und Palästinensertuch auf die Bühne und erklärte: „Free Palestine“. Daraufhin kam es zu lauten Zwischenrufen aber auch Applaus aus dem Publikum.
Andere wie etwa der Jurychef für diese Kategorie, Ameer Fakher Eldin aus Syrien, wiederholten, was schon Filmemacher Wim Wenders bei einer der ersten Pressekonferenzen der Berlinale sagte: Film und Kunst arbeite nicht wie ein politisches Parlament, auch wenn Künstler sich natürlich auch politisch äußern dürften. Er aber sehe es vor allem als ihre Aufgabe, Gefühle sichtbar zu machen.
Auch Wenders selbst erklärte sich nochmals auf der Bühne: „Die Sprache des Kinos ist empathisch. Die Sprache von Social Media ist affektiv“, sagte er mit Blick auf die besonders in Sozialen Medien erhitzt geführte Berlinale-Debatte. Es sei auch das Ziel der Künstler auf der Berlinale, Menschenrechte und Leben zu schützen. „Aber müssen unsere Sprachen dabei kollidieren?“ Und weiter: „Wir brauchen einander.“ Wenders rief zu einem Miteinander von Aktivisten und Künstlern auf, ebenso wie zu gegenseitigem Respekt. „Das sollte kein Wettbewerb sein, sondern eine Partnerschaft.“