Der Film „Disclosure Day“ bietet spannende Unterhaltung, die dem Glauben an Aliens ein wenig Ernsthaftigkeit verleihen soll. Einerseits. Aus einer anderen Perspektive sind die unerträglich langen zweieinhalb Stunden ein Plädoyer für esoterischen, unwissenschaftlichen Quatsch sowie für mehr dämonische Mächte im Leben.
Mal ganz abgesehen davon, dass es dieser Spielberg-Film bei Action-Szenen mit der Logik wieder einmal nicht so genau nimmt. Uns begegnen altbekannte Elemente des Thrillers von „denen da oben“, die dem kleinen Mann von der Straße ans Leder wollen. Dabei will der kleine Mann doch nur die Welt retten. Da ist der obligatorische Rucksack, in dem wichtige Datensätze herumgeschleudert werden; da sind Hundertschaften von schwarzen SUV mit böse dreinblickenden Männern; da sind leider auch überraschend schlecht animierte Tiere, die der Filmtechnik des Jahres 2026, aber vor allem eines Star-Regisseurs wie Steven Spielberg nicht würdig sind.
In „Disclosure Day“, seit dem 11. Juni 2026 in den deutschen Kinos, geht es Spielberg offenbar irgendwie um mehr als um Unterhaltung. Schon immer hatte der Regisseur in seiner mittlerweile fast sieben Jahrzehnte und drei Oscars umfassenden Karriere Filme über Außerirdische gemacht. In „E.T.“, „Die unheimliche Begegnung der 3. Art“ und „Krieg der Welten“ ging es, mal ironisch, mal ernsthafter, um dieses Topos. Dabei liebte er es vor allem, die Grenze zur realen Welt verschwommen zu lassen: „Was wäre, wenn …?“
In einem Interview mit „Associated Press“ sagte Spielberg anlässlich des Starts von „Disclosure Day“, er sei ein „Gläubiger“ in Sachen Außerirdische. „Ich würde nicht von Science Fiction sprechen, sondern von Science Speculation“, so Spielberg. „Ich glaube an Leben irgendwo im All, aber ich habe immer gesagt: Solange ich kein Ufo mit meinen eigenen Augen sehe, habe ich keinen Beweis dafür. Das hat sich geändert. Heute halte ich die Fülle an Evidenz für überwältigend.“ Kurz: Spielberg ist das Thema ernst. Und dass er in seinem neuen Film den Humor so bewusst herauslässt, macht das umso klarer.
Bibel-Anleihen und dämonische Besessenheit
„Disclosure Day“ ist zusammengefasst eine esoterische Geschichte, die vor religiösem Kitsch nur so trieft. Die verwirrte, weil plötzlich mit übersinnlichen Fähigkeiten begabte Fernsehmoderatorin Margaret Fairchild gibt den Ton an, alle folgen ihr. Verkörpert wird sie von der britischen Mimin Emily Blunt, die hier kaum mehr schafft, als ihr hübsches, aber völlig kaltes Gesicht über zwei Stunden reglos in die Kamera zu halten. Margaret Fairchild ist die esoterische Protagonistin einer Alien-Religion, sie wird angebetet wie eine Mutter Gottes voll der Gnaden. Am Ende gibt es sogar eine Verballhornung der zwölf Apostel.
Dann ist da noch Jane, die vor allem dadurch interessant ist, dass sie früher Novizin in einem Kloster war. Wie ein Dämon stattet der böse „Wardex“-Chef (sehr glaubhaft: Colin Firth) der armen, tiefgläubigen Frau einen Besuch ab. Vielleicht hilft ihr ja das kleine Kruzifix? Sie presst es so fest in ihrer Hand, dass am Ende – wenig überraschend – so etwas wie ein Kreuzmal Christi erscheint. Dann werden nahezu wörtlich die letzten Worte Jesu am Kreuz rezitiert.
Es ist Janes Sorge, die Menschen könnten – sollten sie von Aliens erfahren – an diese „wie an Götter“ glauben. Jane und Daniel (ein Cybersicherheitsexperte) sind sich einig: „Erführe die Menschheit von Aliens, gäbe es Chaos und Panik. Dann helfe uns Gott.“ Am Ende sind es die Aliens selbst, die der Menschheit die Furcht nehmen wollen: „Habt keine Angst vor dem, was ihr nicht kennt!“
Janes Kloster ist nach der Heiligen Klara benannt – gemeint ist wohl Klara von Assisi (1193-1253) –, und Bösewicht Scanlon klärt auf: Klara war einmal schwer krank und bettlägerig. Der Legende nach gewährte Gott ihr eine Vision, bei der sie die gesamte Messe in der meilenweit entfernten Kirche live mitverfolgen konnte – so, als wäre sie selbst physisch anwesend. Spielbergs Film greift das auf und zeigt, wie Menschen mittels Alien-Technik Raum und Zeit rein geistig überbrücken können. Das erscheint im Film dann wie eine im Vorbeigehen gegebene Erklärung dessen, was man auch als dämonische Besessenheit bezeichnen könnte. Aber erklären nicht manche Christen so auch angebliche Alien-Begegnungen?
Kontroverse um Spielberg-Interview
Ein anderes Interview mit Spielberg löste eine Kontroverse aus, besonders unter Kirchenvertretern und Christen. In einem auf dem amerikanischen Sender CBS Sunday Morning ausgestrahlten Interview sagte der Regisseur: „Wenn diese Wahrheit von heute auf morgen bekannt würde – wenn die Regierung verkündete: ‚Ja, wir haben euch das seit 1947 verschwiegen‘ –, dann würde das viele Menschen völlig aus der Bahn werfen. Der Film beleuchtet auch die Sichtweise der Kirche. Was macht das mit den grundlegenden Überzeugungen, die viele von uns haben? Ist Gott – unser Gott – nur für diesen Planeten zuständig, oder ist er ein Gott für jedes System, in dem es Zivilisation, intelligentes Leben oder auch sich entwickelndes Leben gibt?“
Interessanterweise sagte Spielberg „Kirche“, womit er offenbar das Christentum meinte. Spielberg selbst ist Jude. Die Passage sorgte in den USA für Diskussionen. Mission erfüllt, könnte man sagen, denn in jedem Fall sind solche Aussagen gute PR-Zünder. Leider verspricht Spielberg mit seiner Aussage übrigens mehr, als sein Film einlöst. Denn die Frage, was mit unserem Weltbild passieren würde, wenn Außerirdische gesichtet würden, kommt in diesem esoterischen Kitsch gar nicht zum Atmen.
„I want to believe“
Manche haben sich geradezu darauf verbissen: Aliens versuchten eigentlich permanent und regelmäßig, uns Menschen zu kontaktieren. Meistens in ländlichen Gegenden der USA bei eher intellektuell unwilligen Farmern. Nie mit klarer Botschaft, nie gibt es etwa ein Interview mit einer ordentlich auf einem Stativ aufgestellten Kamera. Immer geht es hektisch zu, die Kamera darf nicht scharf gestellt sein, der Alien-Besuch muss kurz und knapp vonstatten gehen. Doch so unbeholfen die Kontaktaufnahme dieser eigentlich überintelligenten Lebewesen auch ist – die Regierung habe nur ein Ziel, und das seit Jahrzehnten: diese verhuschten Kontaktaufnahmeversuche geheim zu halten!
So lächerlich dieses Weltbild bei nüchterner Betrachtung ist – es hat unglaublich viele Anhänger. Der Glaube allein muss reichen. Diese Verschwörungstheorie übt eine unbändige Anziehungskraft aus, sogar auf solche, die sich selbst als skeptisch gegenüber Religion, gar als Atheisten, zumindest aber als wissenschaftsfreundlich bezeichnen würden. In Sachen Alien hat alle Glaubensskepsis ein Ende. „I want to believe“ heißt es auf dem bekannten Akte-X-Plakat mit (verwackeltem) Ufo.
Wird die Alien-Verschwörungstheorie mit einer solchen Ernsthaftigkeit wie im neuen gänzlich humorfreien Spielberg-Film präsentiert, tut es weh. In den USA wird gerne mit der Behauptung gespielt, die Berichte von Alien-Begegnungen seien echt, und „die Regierung“ und „die Mächtigen da oben“ wollten alles nur vertuschen. Dieser Mythos hat eine lange Tradition, die bis in die 50er Jahre tief in der Popkultur verankert ist.
Nie konnte bewiesen werden, dass tatsächlich Außerirdische beobachtet wurden. Es lief immer auf Spekulationen hinaus. Der Höhepunkt von „Disclosure Day“ ist jedoch die Veröffentlichung genau dieser angeblichen „Beweise“, Filme, Fotos, Interviews mit angeblichen Zeugen. Darunter US-Präsident Nixon, der einem Filmstar lebende Aliens in einer Art Lager präsentiert, um damit anzugeben, und dabei ungünstigerweise von einer Überwachungskamera aufgenommen wurde.
Warum diese Verbindung von Außerirdischen mit Spiritualität?
„Die Menschen haben ein Recht auf die Wahrheit“, sind die Protagonisten überzeugt. Ein fast religiöses Credo, das gebetsmühlenhaft in diesem Film wiederholt wird. Doch es ist eben der Glaube an das Unwissenschaftliche, die Esoterik, die nie bewiesenen Alien-Encounters, all die verwackelten Fast-Beweise, die sich hier den Weg ans Licht bahnt. Der große „Tag der Wahrheit“ wird bei Spielberg zum großen Tag der Lüge. Das Kreuz als Symbol, das manch ein Christ in der Hand hält zum Trost, wird hier abgelöst durch ein ähnlich großes Alien-„Device“, was auch immer das eigentlich sein mag.
Warum nur wird das Thema Außerirdische fast immer mit einer Sehnsucht nach etwas Spirituellem verbunden? Warum scheint ein wissenschaftlicher Blick auf das Thema so langweilig, dass es im Spielfilm kaum einen Platz findet? So wimmelt es auch in „Disclosure Day“ von unerklärten übersinnlichen Kräften, die mit den Außerirdischen zusammenhängen.
Gegen Ende steigert sich die Alien-Religiosität bis zur Ekstase. Eine göttliche Alien-Figur blickt gütig auf alle Menschen herab. Sie vergibt wahrscheinlich allen, die sie einst in Labors unter Messer gelegt haben. Beim Versuch, den Alien-Kontakt irgendwie biblisch einzuordnen, kommt man in „Disclosure Day“ auf eine Bibelstelle im Buch Genesis. „Der Mensch ist die höchste Schöpfung auf Erden“, heißt es da, mit Betonung auf „Erde“. Heißt: Im oder am Himmel kann es durchaus noch andere Geschöpfe mit ähnlichem Status geben.
Nur gibt keinen solchen Vers in der Bibel. Alles in diesem Film hat den Anschein, alles Christliche solle ersetzt werden durch eine Hoffnung auf Aliens, die Heilsbringer.