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Auf den Stein gekommen

„Ein Moslem, ein Katholik und ein Protestant …“. Keine Angst, so beginnt kein Witz, sondern die Zusammensetzung eines Projekts in Ulm: Drei Lego-Freaks bauen die Orgel des Klosters Wiblingen originalgetreu nach. Ihre religiösen Unterschiede spielen dabei keine Rolle.
Von Johannes Blöcher-Weil
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Die drei Tüftler vor ihrem Projekt

Foto: PRO/Johannes Schwarz

Stephan Schumann, Burkhard Siemoneit und Saher Elsheikh bauen gemeinsam eine Kirchenorgel im Lego-Format nach

Das Licht in dem kleinen Kellerraum flackert. Der pensionierte Polizeibeamte Burkhard Siemoneit hat Besuch: Stephan Schumann und Saher Elsheikh sind zu Gast. Die drei bauen gemeinsam Lego. Dafür haben sie sich ein besonderes Motiv ausgesucht. Sie möchten die Orgel der Klosterkirche St. Martin in Wiblingen im Maßstab 1:10 nachbauen: 1,80 Meter breit, 1,20 Meter hoch und etwa 90 Zentimeter tief.

Gefunden haben sich die drei über die Ulmer Interessengemeinschaft „Klötzlebauer“. Der Stammtisch für Lego-Fans trifft sich einmal im Monat. Dort tauschen sich die Besucher fachlich aus und schauen, welche Projekte sie umsetzen wollen und können. Und so kamen der Protestant Siemoneit, der Katholik Schumann und der Moslem Elsheik zusammen.

Siemoneits eigene Begeisterung für die kleinen Bausteine verstärkte sich durch seine zwei Kinder. Die räumliche Nähe zum Dorado der Lego-Bauer im Legoland Günzburg tat ihr Übriges. Als der heute 64-Jährige 2011 Vorsitzender des Kirchengemeinderats war, hatte er zum ersten Mal die Idee und den Ehrgeiz, anlässlich eines Jubiläums die eigene Kirche nachzubauen. Dabei stieß er an seine Grenzen.

Zehn Jahre später und zu dritt funktioniert das besser. Seine Mitbauer sind beide Konstrukteure. Der Ägypter Saher Elsheikh kam vor fünf Jahren aus beruflichen Gründen nach Deutschland und zog vor zwei Jahren nach Ulm. Weil Siemoneit und Schumann schon andere Projekte durchgeführt hatten, war das Trio perfekt.

Die Rollen sind klar verteilt. Schumann ist der Architekt, El­sheikh für die Logistik und den künstlerischen Bereich zuständig und Siemoneit Ideen- und häufig auch Geldgeber. Normalerweise treffen sie sich zwei Mal pro Woche zwischen vier und acht Stunden in Siemoneits Keller. Sie besprechen dann die nächsten Baumaßnahmen an der Orgel und informieren sich darüber, wie sie technische Details umsetzen wollen und was sie dafür herausgefunden haben. Am Ende jeder Baueinheit besprechen sie die nächsten Schritte.

Noch steht die Orgel in den Einzelteilen im Keller. Das erleichtert auch nachträgliche Korrekturen. Aus statischen Gründen haben sich die drei gegen ein Modell auf Säulen entschieden: „Wenn wir es regelmäßig bewegen, muss es stabil genug sein. Jedes Modul der Orgel lässt sich einzeln tragen. Dadurch wird es nicht zu schwer“, erklärt Schumann.

Orgelpfeifen aus Auspuffrohren

Für das Prunkstück jeder Orgel, den Spieltisch, ist Elsheikh zuständig. Natürlich soll dort später wie bei echten Orgeln eine Lampe brennen. Die LED-Leuchten sind nur wenige Millimeter groß und Teile des Materials wurden extra in China bestellt. „Die Konstruktion hat mir zweieinhalb Wochen wenig Schlaf beschert“, erklärt er. Alle drei sind ehrgeizig genug, in solchen Situationen die beste Lösung zu finden. Welche das ist, entscheiden sie demokratisch. Jeder bringt dafür seine Expertise ein.

Wenn sie Fragen zur Orgel haben, können sie sich auch an die Mitglieder des Orgelfördervereins wenden. Deren Wissen half beim Tüfteln an den Orgelpfeifen und dem leichten Neigungswinkel, den diese auch im Original aufweisen: „Der Vorstand steht mit Rat und Tat zur Seite“, erklärt Simoneit. Die Baumeister träumen davon, ihre Orgel zum Schluss so zu programmieren, dass aus ihr auch Töne kommen können. Aber das wäre dann die Krönung für die „Königin der Instrumente“.

Da es natürlich keinen fertigen Bausatz für die Orgel gibt, müssen sie häufig Tricks und Kniffe anwenden und sich dabei mit Konstruktionen aus verschiedenen Bausätzen behelfen. Die Orgelpfeifen etwa sind bei einem anderen Bausatz eigentlich Auspuffe von Autos. Den Heiligenschein haben sie aus einem goldenen Rad hergestellt. Genau das macht für sie den Reiz von Lego aus: die individuelle Nutzung der Steine.

Außerdem können die Betrachter hinterher um das Modell herumgehen und sich alle Details anschauen. Dabei haben die Lego-Steine aus ihrer Sicht einen großen Vorteil: „Sie können nicht brechen. Und Schäden können so immer, wenn auch manchmal zeitaufwendig, repariert werden“, sagt Siemoneit. So wird der Nachbau des Instruments nach und nach zur stimmigen Angelegenheit. Am Ende werden sich die Baukosten auf vermutlich 8.000 Euro belaufen. Die Preise für die Steine liegen zwischen einem Cent und 2 Euro: „Es kann vorkommen, dass zwei Hände voller Lego-Steine 187 Euro kosten“, verdeutlicht Siemoneit.

So sieht das Original der Orgel aus, die an Pfingsten 2020 eingeweiht wurde und etwa 1,3 Millionen Euro gekostet hat

Zunächst soll das Modell in einem Spielwarenladen in der Innenstadt für die breite Öffentlichkeit zu sehen sein. Wie viel Zeit sie in das Projekt investiert haben, ist nicht dokumentiert. Für die drei ist es auch nebensächlich: Neben der reinen Bauzeit stecken sie mindestens noch einmal genauso viel Zeit in Planungen. Schumann tobt sich – als Mann für die Details – gerade noch bei den beiden biblischen Figuren auf der Balustrade vor der Orgel aus. Ein großer Teil der Brüstung mit den goldenen Zierelementen ist bereits fertig. Dafür macht er sich regelmäßig auf den Weg ins Kloster, fotografiert und prüft, wie er das Gesehene möglichst originalgetreu umsetzen kann. Ein großer Teil der Brüstung mit den goldenen Zierelementen ist bereits fertig. Er probiert viel aus, bevor sich der optimale Entwurf durchsetzt. So geht es Schritt für Schritt und Bauabschnitt für Bauabschnitt weiter. Wenn die drei in Teamarbeit die Fassade der Orgel hochheben, kann man auch einen Blick in das verwinkelte Innenleben der Orgel werfen.

Deutschlandweit einzigartig

Begonnen haben sie im November vor zwei Jahren. Während der Pandemie konnten sie sich kaum treffen. Das Projekt kam nur stockend voran: „Wenn wir es mit einer Marathon-Strecke vergleichen, sind wir bei Kilometer 25“, erklären die drei. Alle Sportler wissen, dass die härtesten Kilometer dann noch folgen.

Knifflig wird das Projekt für die drei Tüftler noch einmal bei den Fenstern: „Die Fenster haben mal einen konvexen und mal einen konkaven Verlauf“, erklärt Schumann, was ihn gerade beschäftigt. Weil die Fenster zudem bautechnisch verstärkt werden müssen, ist das komplizierter als gedacht. In Deutschland gehören sie mit ihren Faible für sakrale Lego-Nachbauten zu den Exoten: „Vielleicht sind wir sogar die einzigen, die solche Motive nachbauen“, sagt Siemoneit. Für ihn sind die kulturellen Werte solcher Objekte wichtiger als die Nachbauten irgendwelcher Star-Wars-Figuren.

Wenn sie im Keller tüfteln, spielen die unterschiedlichen Konfessionen und Religionen keine Rolle. „Uns drei verbindet das Medium Lego“, erzählt Siemoneit. Für mögliche Kontroversen sind die drei viel zu ausgeglichen. Über private Dinge und ihre Glaubensansichten reden sie häufiger in den Pausen in Siemoneits Küche. So hat sich Schumann von seinem muslimischen Mitbauer einen Link für den Koran schicken lassen, um darin zu lesen und sich über die Religion des anderen zu informieren.

Einzigartig ist das Trio nicht nur wegen seiner konfessionellen Zusammensetzung, sondern weil sie sonst von niemandem wissen, der sakrale Bauprojekte umsetzt. Wenn die Orgel irgendwann fertig ist, haben sie etwa 200.000 Teile verbaut. Diese in ausreichender Menge zu bekommen, war nicht immer ganz einfach. Manchmal bereitet ein einzelnes Teil Probleme. Alle drei fasziniert, wie die Lego-Steine ihre Modelle immer mehr perfektionieren. „Da kann dann ein Orgel-Spieltisch auch schon mal für schlaflose Nächte sorgen“, berichtet Safeh.

Wenn sie zusammen tüfteln, entspannt das alle drei: ungestört, abgeschottet von der Außenwelt und mit lautlosem Mobiltelefon. Manchmal helfen sie anderen Lego-Begeisterten auch bei deren Projekten oder basteln an eigenen Ideen. Priorität hat aber ganz klar das Orgel-Projekt. Ende des Jahres soll das Ganze fertig sein. Und wenn das nicht klappt, wäre Pfingsten 2022 ein geeigneter Anlass. An diesem Datum wurde das 1,3 Millionen Euro teure Original eingeweiht: „Da würde es passen, wenn wir dann unsere Miniatur übergeben könnten“, erklärt Siemoneit.
Im Klostermuseum selbst haben sich Siemoneit und Schumann schon einen Traum erfüllt. Als dessen Südflügel 2017 fertiggestellt wurde, haben die beiden die Klosteranlage, als weiteres sakrales Objekt, einschließlich Open-Air-Bühne mit über 800.000 Lego-Steinen nachgebaut. In der dortigen Basilika soll dann auch der Orgel-Nachbau, nach seiner Zwischenstation in einem Spielwarengeschäft, sein endgültiges Zuhause finden. Dann ist auch im engen Keller von Burkhard Siemoneit Raum und Platz für neue Ideen. Denn davon haben die drei noch jede Menge.

Lesen Sie den Beitrag auch in der Ausgabe 6/2021 des Christlichen Medienmagazins PRO. Sie können das Heft kostenlos online bestellen oder unter 0 64 41 / 5 66 77 00.

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