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Annette von Droste-Hülshoff: Vorbild für viele

„Die Droste“ fasziniert durch ihre abgründige Naturlyrik. Vielen gilt Annette von Droste-Hülshoff als größte deutsche Dichterin, für etliche Autoren und vor allem Autorinnen der Gegenwart ist sie ein Vorbild.

Foto: gemeinfrei

Die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff lebte von 1797 bis 1848

Geboren wurde sie vor 225 Jahren, doch Dichterinnen von heute ist sie nahe: Annette von Droste-Hülshoff, die
durch ihre Novelle „Die Judenbuche“ und Gedichte wie „Der Knabe im Moor“ berühmt wurde. Sie fasziniert viele wegen ihrer Naturlyrik, aber auch als eigensinnige und selbstbewusste Künstlerin. In der biedermeierlich engen westfälischen Adelswelt des frühen 19. Jahrhunderts eckte sie an, brach aber letztlich doch nicht mit den Konventionen ihrer Zeit. Vielen gilt sie als größte deutsche Dichterin.

Im Wasserschloss Hülshoff bei Münster kam Annette am 10. Januar oder – nach einer anderen Quelle – am 12. Januar 1797 auf die Welt. Auf dem Land wuchs sie behütet auf, durchstreifte als naturbegeisterte junge Frau Wiesen und Wälder, oft mit einem Mineralienhämmerchen auf der Suche nach Gesteinsschätzen. Sie schrieb lieber Verse, als dass sie stickte, und mischte sich offenbar gern in die Gespräche der Männer ein.

Wie sehr „die Droste“ die deutsche Literaturszene der Gegenwart beeinflusst hat, davon zeugt seit dem Sommer ein Wanderweg, der die Burg mit dem sieben Kilometer entfernten Witwensitz der Hülshoffs verbindet. Im „Rüschhaus“ lebte Annette zusammen mit ihrer Mutter und Schwester Jenny, nachdem ihr Vater 1826 gestorben war. Nun können Natur- und Lyrikfreunde dort auf ihren Spuren wandeln. Auf 20 Stationen entlang des „Lyrikwegs“ haben Autoren wie Cornelia Funke, Marcel Beyer, John Burnside und Marion Poschmann der Dichterin Textdenkmäler gesetzt.

Von einer regelrechten „Welle“ der literarischen Beschäftigung mit Annette von Droste-Hülshoff spricht der Germanist Jochen Grywatsch. Besonders in der aktuellen Gegenwartslyrik finde eine Auseinandersetzung statt, sagte er 2019 im Berliner Literaturhaus. Der damalige Leiter der Droste-Forschungsstelle in Münster verwies aber auch auf eine Reihe von teils eben erschienen Romanen: In Zsuzsa Banks „Schlafen werden wir später“ schreibt eine der Hauptfiguren eine Doktorarbeit über die Droste, in Karen Duves „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ spielt diese selbst die Hauptrolle.

Sammlung geistlicher Lieder

Duve schildert eine Episode aus dem Leben der 20- bis 24-jährigen Droste, die jene gedemütigt und sogar traumatisiert haben muss: ihre in den Augen der Familie nicht standesgemäße Begegnung mit dem gleichfalls dichtenden Jura-Studenten Heinrich Straube. Das Freifräulein verliebt sich in ihn. Die Annäherung beider wird durch eine Intrige verraten, die Familie reagiert entsetzt, Annette steht kompromittiert da. Heiraten wird sie nie.

In dieser Zeit begann Annette einen Zyklus geistlicher Lieder. Sie enthalten persönliche Bekenntnisse, die Schuldgefühle und existenzielle Erschütterung andeuten, und reflektieren eine Glaubenskrise. Erst 20 Jahr später sollte sie das „Geistliche Jahr“ vollenden. Im „Rüschhaus“ widmete sie sich eine Zeitlang stärker ihrer zweiten Leidenschaft, der Musik, und komponierte. In der 1830er Jahren unternahm sie mehrere Reisen. Aber sie schrieb auch Versepen und veröffentlichte 1838 einen Gedichtband, der allerdings weitgehend unbeachtet blieb.

Auch die Novelle „Die Judenbuche“, die 1842 erschien, fand zunächst wenig Zuspruch. Die Geschichte des Friedrich Mergel, der sich viele Jahre nach dem Mord an einem Juden am Tatort erhängt, kann als „Sittengemälde“ westfälischen Lebens gelesen werden. Doch geht es um mehr als eine naturalistische Milieustudie oder ein Psychogramm. In der Kriminalgeschichte wird durch viele Ambivalenzen und Mehrdeutigkeiten die Wahrnehmung der Wirklichkeit letzthin infrage gestellt.

Annette verfolgte die Veröffentlichung als Fortsetzungsreihe im „Morgenblatt für gebildete Leser“ von Schloss Meersburg am Bodensee aus, wo sie ihre verheiratete Schwester besuchte. Besonders durch ihre unkonventionelle Freundschaft zu dem bedeutend jüngeren Levin Schücking wurden die Meersburger Jahre 1841/42 zu einer Zeit großer poetischer Inspiration. Fast täglich entstanden neue „weltliche“ Gedichte, darunter „Am Thurme“ und die „Haidebilder“ mit ihrem idyllisch-schaurigen Naturbild. Mit ihrem „Seelenfreund“ tauschte sie sich darüber aus, bis Schücking die Meersburg 1842 verließ und es zum Bruch kam, als er sich der liberal gesonnenen jungdeutschen Bewegung anschloss. In den Folgejahren schrieb Annette weniger. 1846 reiste sie von Westfalen aus erneut nach Meersburg, wo sie am 24. Mai 1848 starb.

„Der Droste würde ich gern Wasser reichen“, schrieb Sarah Kirsch (1935-2013), die sich als „Schwester“ von Annette von Droste-Hülshoff verstand. Im eigenen Gedicht tritt die naturverbundene Lyrikerin ihrer Vorgängerin selbstbewusst zur Seite, „glucksend“ gehen beide übers Moor, von „Skandalen“ ist die Rede. Die Droste hatte nicht nach Ruhm gestrebt, aber sie hoffte „nach hundert Jahren noch gelesen“ zu werden. Soweit ist die Sache aufgegangen.

epd
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Eine Antwort

  1. Noch ein weiteres Erinnerungsdatum, heute, am 9.1.2022:
    Vor 500 Jahren konnten wir auch schon sagen “Wir sind Papst!”.
    Man hätte Hadrian VI gewünscht, dass er mit seinen Reformideen sich mehr hätte durchsetzen können.

    Bleibt als Erkenntnis für uns, – und das hat uns schon Paulus ans Herz gelegt, (und dieses Verhalten gegenüber Verantwortungsträgern würde unserer Gesellschaft insgesamt gut tun):
    “Brüder, wir bitten euch aber: Achtet, die sich unter euch mühen und euch vorstehen im Herrn und euch ermahnen;
    ehrt sie in Liebe umso höher um ihres Werkes willen.
    Haltet Frieden untereinander.”

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