Vor 25 Jahren verdunkelte ein grausamer Anschlag den Himmel über New York. Am 11. September 2001 flogen Terroristen mit entführten Flugzeugen in die Türme des World Trade Centers. Die Folge: Tod, Chaos und Trauma. Insgesamt verloren knapp 3.000 Menschen ihr Leben – durch den Anschlag selbst, oder bei den anschließenden Bergungsarbeiten.
Lyndon Harris stand neben den Türmen, als das zweite Flugzeug mit dem Südturm kollidierte. Der ehemalige anglikanische Priester der geschichtsträchtigen St. Paul’s Chapel erlebte den Angriff somit hautnah. Im Anschluss initiierte er die international bekannte „St. Paul’s Relief-Mission“. Eine gemeinnützige Hilfsinitiative, die den Arbeitern und Einsatzkräften über acht Monate hinweg kostenlos Essen, Seelsorge oder Physiotherapie zur Verfügung stellte. PRO hat 25 Jahre nach dem Schicksalstag mit Harris gesprochen.
PRO: Herr Harris, sind Sie es leid, immer wieder über den 11. September zu sprechen?
Harris: Seit dem Anschlag sind mehr als 9.000 Tage vergangen. Die Welt hat sich weitergedreht. Für die, die damals selbst vor Ort waren, vergeht jedoch kein Tag, an dem sie nicht in irgendeiner Weise daran erinnert werden, besonders an den Jahrestagen. Darüber zu sprechen bin ich somit nicht leid. Aber ich muss darauf achten, was es mit mir macht, wenn ich zu viel darüber spreche.
Was haben Sie gemacht, als der erste Turm getroffen wurde?
Ich habe in meinem Büro gearbeitet, das sich drei Blocks südlich des Südturms befand – zu diesem Zeitpunkt war ich leitender Priester für die St. Paul’s Chapel, die direkt neben dem World Trade Center lag – und schrieb gerade eine E‑Mail. Plötzlich hörte ich einen sehr lauten Knall. Instinktiv stand ich von meinem Schreibtisch auf und lief zum Fenster. Ich war verwirrt. Das Bild, das sich mir darbot, erinnerte mich im ersten Moment an die Konfettiparade der „New York Yankees“, weil so viele Papierschnipsel durch die Luft flogen. Doch anders als bei der Parade waren die Ränder der vorbeifliegenden Papiere angekohlt. Ich brauchte einen kurzen Moment, um mich zu orientieren, und dann habe ich sie gesehen: eine große dunkle Wolke in der Luft. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was vorgefallen war, doch von irgendwoher vernahm ich, dass ein Flugzeug mit dem Nordturm des World-Trade-Centers kollidiert sei.
„Ich wollte in diesem Moment einfach helfen.“
Hatten Sie Angst?
Vor allem war ich schockiert. Ich dachte erst, es sei ein Unfall gewesen. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf habe ich dann mein Büro verlassen und lief dem brennenden Turm entgegen. Ich wusste nicht, dass zeitgleich ein weiteres Flugzeug bereits den Südturm ansteuerte. Ich wollte in diesem Moment einfach helfen und zudem sehen, ob unsere Kirche auch davon betroffen war.
Das heißt, Sie liefen direkt auf das World Trade Center zu.
Genau. Ich lief die Straße hinauf in Richtung des World Trade Centers und der St. Paul‘’’s Trinity Church entgegen. Die Kirche habe ich an diesem Tag nie erreicht. Ich hatte kaum den Fuß des Südturms erreicht, als das zweite Flugzeug in den Turm, neben dem ich stand, einschlug. Ein apokalyptischer Feuerball verdunkelte den blauen Himmel. Trümmer fielen herab, Menschen schrien, Sirenen heulten. Ich nahm meine Beine in die Hand und rannte in das nächstbeste offene Gebäude, das ich finden konnte – die New York Stock Exchange – die US-Wertpapierbörse.
Konnten Sie dort dem ersten Trümmerregen entkommen?
Das Gebäude bot mir Schutz vor den herabfallenden Objekten. Als es nach einer Weile ruhiger wurde, bin ich in mein Büro zurückgelaufen.
Sind Sie anschließend nach Hause gefahren?
Nein. Im Büro angekommen, habe ich gesehen, dass freiwillige Helfer Vorschulkinder aus dem dritten Stock unseres Gebäudes evakuierten. Ungefähr 60 Kinder wurden dort unterrichtet. Ich half mit. Vorschriftsgemäß brachten wir alle in den Keller. Aus dem Nichts haben wir dann plötzlich ein Beben unter uns gespürt. Der Boden begann sich zu bewegen. In unseren Gesichtern war die Angst buchstäblich zu lesen. Der erste Turm war gerade dabei, einzustürzen.
„Wir waren umgeben von einer zähen, fast sirupartigen Wolke“
Ich erinnere mich, wie wir hören konnten, wie die Stockwerke beim Einsturz nacheinander aufeinanderprallten. Und dann plötzlich war alles still. Für einen kurzen Moment hatten wir Hoffnung, bis eine dicke schwarze Wolke schlagartig in den Keller eindrang – wir waren umgeben von einer zähen, fast sirupartigen schwer definierbaren Substanz. Wir konnten nichts sehen und kaum atmen. In diesem Moment hat jeder von uns ein Kind genommen und ist mit ihm durch den Hinterausgang unseres Bürogebäudes nach Süden gerannt, weg von den Türmen, um unser Leben.
Der zweite Turm stürzte wenig später ein.
Als der Nordturm einstürzte, rannte ich. Ich trug ein vierjähriges Mädchen namens Jasmine in meinen Armen. Erneut waren wir umgeben von einer dicken, grauen, melasseartigen Wolke. Asche und Trümmer bedeckten unsere Haut. Im Nachhinein erfuhren wir, dass darin neben pulverisiertem Beton und Asbest höchstwahrscheinlich auch sterbliche Überreste der Getöteten waren. Als sich die Luft etwas klärte, ging ich wieder auf die Straße und rannte in Richtung Staten-Island-Fährterminal. Wir waren nicht die einzigen, die diese Idee hatten. Im Inneren der Gebäude fühlten wir uns das erste Mal wieder sicher.
Sie haben bereits am nächsten Tag begonnen, kostenloses Essen für die Hilfskräfte zu verteilen. Wie ist es dazu gekommen?
Als ich zu Hause ankam – ich sah aus wie ein Zombie, bedeckt mit Asche und Trümmerstückchen –, verfolgte ich permanent die Nachrichten. Ich wollte wissen, was mit unserer Kirche passiert war, ob sie noch stand. Da die Nachrichten nichts über unsere Kapelle berichteten, habe ich beschlossen, am Folgetag selbst nachzusehen.
Das heißt, Sie haben sich erneut in Gefahr begeben?
Ich zog meine Stiefel, Jeans und mein Priesterhemd an und lief in Richtung des Trümmerfelds. Jeder einzelne Schritt machte mir Angst. Ich musste unzählige Kontrollpunkte passieren: Polizei und Militär mit schweren Waffen und Gewehren im Anschlag, Hubschrauber in der Luft und Sirenen. Es war entsetzlich. Als ich das Rathaus erreichte, konnte ich in der Ferne bereits die Spitzen der St. Paul’s Chapel sehen. Mir stiegen die Tränen in die Augen und ich begann zu weinen.
Hat die Kirche den Anschlag unversehrt überstanden?
Nahezu, nur ein Fenster hatte einen Riss. Es war ein surrealer Moment, als ich die Kirche betrat. Zentimeterhohe Asche und Ruß bedeckten den Boden.
Als ich das Gebäude wieder verließ, hatte ich bereits den Gedanken, dass ein Statiker die Kirche begutachten sollte, um abzuklären, ob sie einsturzgefährdet ist. Ich wusste instinktiv, dass die Kapelle eine bedeutende Rolle bei den Rettungsaktionen spielen könnte, wenn sie sicher war. In diesem Moment kam ein Feuerwehrmann auf mich zu, der seit den Anschlägen am Vortag 24 Stunden lang gearbeitet hatte. Er sah völlig erschöpft aus, war mit Asche und Trümmerstücken bedeckt, Blut klebte auf seiner Haut, und sein Gesicht wirkte, als wäre er eine Million Jahre alt. Mit flehenden Augen hat er mich angesehen und gefragt: „Kann ich hineingehen, mich in eine Kirchenbank legen und mich ausruhen?“ Ich sagte nein. Weil ich nicht wusste, ob das Gebäude sicher war.
War das der Moment, in dem Sie sich entschieden, im großen Stil zu helfen?
Zunächst war es ein bescheidener Anfang. Wir Kirchenmitarbeiter waren in alle Himmelsrichtungen verstreut und ich war der einzige Priester vor Ort. Ich hatte das Gefühl, wir müssten etwas tun. Mit meinen Vorgesetzten konnte ich es zu diesem Zeitpunkt nicht abstimmen und so habe ich einfach getan, was ich für richtig hielt.
Den allerersten Grill, den wir bei St. Paul’s aufstellten, um Essen auszugeben, betrieben wir zusammen mit dem Leiter der Obdachlosenunterkunft für Männer. Er schlug vor, dass wir ihren Grill benutzen könnten, um Essen für die Helfer zuzubereiten. So nahmen wir die tiefgefrorenen Hamburger aus dem Gefrierschrank der Obdachlosenunterkunft und grillten sie für die Einsatzkräfte.
Wie ging es weiter?
Stahlbauarbeiter haben vom Gehsteig aus gesehen, was wir dort machten, und haben begonnen, aus allem, was sie finden konnten, Grills für uns zu bauen – großartige Konstruktionen. Schon bald hatten wir neun Grills gleichzeitig in Betrieb. Wir machten Burger und Hotdogs, erhielten alle möglichen Lebensmittel von Restaurants und hilfsbereiten Privatspendern, und koordinierten die Verteilung.
„Sobald die Behördenmitarbeiter weg waren, warfen wir die Grills wieder an.“
Gab es dabei Probleme?
Wir hatten große Probleme mit dem Gesundheitsamt. Nach wie vor waren Giftstoffe in der Luft und wir arbeiteten mit allem, was wir bekommen konnten. Auch war nicht bei allen Lebensmitteln klar, woher sie kamen. Also kam das Gesundheitsamt und verbot uns, weiterzuarbeiten.
Blieben die Grills dann kalt?
Sobald die Behördenmitarbeiter weg waren, warfen wir die Grills wieder an. Am nächsten Tag kamen sie wieder. Das Spiel wiederholte sich einige Male. Wir waren trotzig. Ich hielt es für lächerlich, dass sie uns stoppen wollten, während wir versuchten, die Rettungsarbeiten zu unterstützen. Ich ging davon aus, dass dort noch Menschen um ihr Leben kämpften, und ich wollte alles tun, was möglich war, um zu helfen. Natürlich hatten sie einen Punkt, aber ich stimmte ihnen nicht zu. Schließlich mussten wir unsere Grills erneut kaltstellen und ich war völlig entnervt und wütend.
Konnten Sie Ihren Frust loswerden?
Ich bin zum Polizeikommandanten in der mobilen Einsatzzentrale in der Nähe gegangen und fing an zu schreien – die Schimpfwörter werde ich Ihnen ersparen. Ich sagte: „Wir versuchen, Ihren Männern und Frauen, die dort arbeiten, Essen zu geben. Können Sie uns nicht irgendwie helfen?“ Der Polizeibeamte erwiderte: „Sagen Sie mir Bescheid, wenn sie wiederkommen.“ Nun, am nächsten Tag sind sie wiedergekommen. Wir informierten ihn. Er holte ein Dutzend seiner größten und kräftigsten Leute. Sie gingen hinüber, umringten die Gruppe vom Gesundheitsamt – etwa fünf Personen –, hakten sich unter und eskortierten sie vom Gelände. Als sie dann aber mit einem Brief des damaligen Bürgermeisters Rudy Giuliani (Republikaner) erneut wiederkamen, wusste ich, dass es so nicht weitergehen konnte.
Wie sah die Lösung aus?
Die Kirche war zu diesem Zeitpunkt schon statisch geprüft und so haben wir die Essensausgabe in die Räume und auf den Vorhof der St. Paul’s-Kapelle verlegt. Fortan deklarierten wir es als gemeinsames Gemeindemahl, die Behörden hatten keine Befugnisse, und wir konnten weiterhin die Helfer versorgen.
Wie lange haben Sie das gemacht?
Die nächsten acht Monate. Aus dieser zusammengewürfelten kleinen Gruppe von Freiwilligen – angefangen mit dem Leiter der Obdachlosenunterkunft und ein paar weiteren Leuten – wurden im Laufe von achteinhalb Monaten 15.000 Freiwillige, die dort den Helfern und Einsatzkräften dienten. Am Ende hatten wir mehr als eine halbe Million Mahlzeiten ausgegeben. Wir boten Massagen an, chiropraktische Behandlungen, Trauerberatung, Seelsorge. Drei- oder viermal am Tag kamen sogar Musiker. Außerdem hatten wir Podologen, die sich um die Füße kümmerten. Durch das anhaltende Feuer bei Ground Zero schmolzen den Leuten die Stiefel buchstäblich unter den Füßen weg.
Es war sehr besonders. Im Neuen Testament gibt es die Aufforderung, dass wir einander mit überfließender Liebe lieben sollen. Genau das geschah in St. Paul’s. Es war religionsübergreifend, aber das war der Geist dahinter. Vorstandsvorsitzende großer Unternehmen servierten Polizisten, Feuerwehrleuten und Bauarbeitern mit großer Begeisterung Kaffee.
Die „New York Times“ hat dann überraschend berichtet, dass Sie nach dem Hilfsprojekt als Priester zurücktraten. Was war passiert?
St. Paul’s war kein Garten Eden. Ich hatte ernsthafte, anhaltende Konflikte mit meinen Vorgesetzten. Sie hatten während der Zeit unseres Hilfseinsatzes berechtigte Sorgen wegen Haftungsfragen, möglicher Schäden an dem historischen Gebäude und der Sicherheit der beteiligten Menschen. Es fühlte sich für mich so an, als ob sie meine Arbeit nicht wertschätzten, sondern sie als Anstoß wahrnahmen.
„Noch Jahre später hustete ich schwarzes Sekret und konnte ohne ständigen Gebrauch eines Inhalators kaum atmen.“
Ich hingegen nahm die Situation grundlegend anders wahr. Ich war nahezu jeden Tag vor Ort. Auf meinem Weg zur Kirche musste ich oft an Leichensäcken vorbeigehen. Ich habe gesehen, wie die Einsatzkräfte die leblosen Körper der Männer und Frauen bargen. Dadurch war ich stärker darauf ausgerichtet, auf die akuten menschlichen Bedürfnisse der Ersthelfer und der Arbeiter am Ground Zero zu reagieren. Dieser Konflikt entzweite uns. Die Kirche gewährte uns, die Kapelle für unsere Arbeit offen zu halten, bis die Arbeiten am Ground Zero am 9. Juni 2002 beendet wurden. Danach verband uns jedoch nichts mehr und so kündigte ich. Für die Öffentlichkeit kam es sehr überraschend. Ich hatte all das während der acht Monate für mich behalten und nicht darüber gesprochen. Ich bin sehr verbittert geworden.
Wie entstand diese Bitterkeit?
In mir schwelte eine große Wut. Ich habe ernsthaft geglaubt, dass ich das tat, was Jesus von mir wollte. Wenn jemand hungrig ist, gibst du ihm zu essen; wenn jemand krank ist, kümmerst du dich um ihn. Genau das, habe ich gedacht, taten wir. Ich war wütend, verbittert und voller Groll.
Sie sprechen von giftigen Stoffen in der Luft und Asbest. Welche Folgen hat der 11. September bei Ihnen hinterlassen?
Ärzte diagnostizierten bei mir eine posttraumatische Belastungsstörung und eine klinische Depression. Außerdem bekam ich Probleme mit meiner Lunge und den Nasennebenhöhlen. Noch Jahre später hustete ich schwarzes Sekret und konnte ohne ständigen Gebrauch eines Inhalators kaum atmen.
„Jesus Christus ist weiterhin mein Herr und Erlöser“
Wie erlebten Sie diese Zeit?
Nach den Anschlägen auf das World Trade Center ging ich in den darauffolgenden Jahren durch mein persönliches Ground Zero. Ich wurde stark depressiv, sodass ich kaum aus dem Bett aufstehen konnte. Meine Atmung war massiv beeinträchtigt. Ich ließ mich scheiden, verlor mein Haus durch Zwangsvollstreckung und musste schließlich Insolvenz anmelden. Mir ist es nicht so schlimm ergangen wie Hiob, aber ich entwicklte so etwas wie einen Hiob-Komplex. Ich hatte alles verloren, was mir lieb und wertvoll war.
Hiob zweifelt während seiner Leidenszeit stark an Gott. Können Sie heute noch Ihr Vertrauen in Gott setzen?
Jesus Christus ist weiterhin mein Herr und Erlöser; das hat sich nie geändert. Das war er sowohl am 11. September als auch danach. Wenn, dann ist mein Glaube noch tiefer geworden, weil ich erlebt habe, dass Gott im Leid an meiner Seite stand. Am 11. September hatte ich das Gefühl, dass das erste Herz, das zerbrach, Gottes Herz war. Menschen mit freiem Willen hatten sich entschieden, Böses zu tun. Und ich gab Gott nicht die Schuld für das, was mir danach passierte. Ich hatte Probleme mit der Kirchenleitung. Ihnen gab ich die Schuld.
„Ich konnte sehen, dass Gott mich selbst in meiner dunkelsten Nacht nicht verlassen hat“
Sie sprechen von Verbitterung. Haben Sie die Bitterkeit überwunden?
Es gab einen entscheidenden Wendepunkt. Jahrelang bin ich vor meinem Schmerz und meinen Leiden davongelaufen und habe mich mit allem Möglichen abgelenkt. Doch während ich in einem Retreat-Zentrum in North Carolina mitarbeitete, holte mich das alles schlagartig ein. Ich konnte nicht mehr davor weglaufen. Die Last war zu schwer geworden. Eines Tages bin ich im Garten zusammengebrochen, ich fiel zu Boden und weinte wie ein Kind. Das war ein Wendepunkt. Endlich konnte ich meine Gefühle zulassen und das Gewicht dessen spüren, was ich erlebt hatte – die Schwere des Traumas. Endlich fühlte ich mich sicher genug, um diese Gefühle zu empfinden. Doch das war erst der Anfang. Ich habe daraufhin erneut Traumatherapien besucht und durfte viel lernen. Unter anderem habe ich gelernt, dass meine Vorgesetzten nicht ausschließlich böse waren und ich auch nicht vollkommen rein. Es war eine Mischung. Am Ende hatten wir alle versucht, unser Bestes zu geben.
Haben Sie noch Groll gegen die Kirchenleitung?
Nein. Frederic Luskin, Professor an der Stanford University, hat einmal zu mir gesagt: „Lyndon, ich glaube, wenn du nur die Hälfte deiner Zeit darüber nachdenken würdest, wie schrecklich dein Leben ist, und die andere Hälfte darüber, welche Segnungen du hast, wärst du möglicherweise ein glücklicherer Mensch. Er hatte recht. Mit der Zeit habe ich begonnen, über die Segnungen in meinem Leben nachzudenken. Dann konnte ich mein Leben nicht mehr nur als diese eine Wunde sehen, sondern ich konnte die Wunde innerhalb der Weite von Gottes Gnade sehen, die so viel größer ist als unser schlimmster Tag oder unsere schlimmsten Fehler. Ich konnte das Ganze in einem größeren Zusammenhang sehen.
Am Ende geht es nicht um „vergeben und vergessen“. Das ist ein Missverständnis. Es geht darum, zu vergeben und sich anders zu erinnern. Anders erinnern, weil nicht nur das zählt, was geschehen ist. Das Bild ist viel größer. Und ich konnte sehen, dass Gott mich selbst in meiner dunkelsten Nacht, in meinen schlimmsten Fehlern und in meinem stärksten Schmerz nie verlassen hat. Auch die Menschen, die mich lieben, waren immer bei mir. Endlich konnte ich das annehmen.
Vielen Dank für das Gespräch!