Herr Menger, Sie haben die Lebensgeschichte eines Pfarrers im Nationalsozialismus vertont. Jetzt wagen Sie sich an die Offenbarung. Gab es kein leichteres Thema?
Peter Menger: Die gibt es definitiv. Ein weiteres Projekt, mit dem ich mich gerne mal beschäftigen möchte, wäre das Buch Daniel. Das ist ja auch keine leichte Kost, aber sehr spannend.
Was war der Anlass, sich der Offenbarung zu widmen?
Ich hatte immer großen Respekt und ein bisschen Angst vor dem Buch, weil es schwer verständlich ist. Als mich ein Freund gefragt hat, ob ich viel in der Offenbarung lese, habe ich das verneint. Weil aber am Anfang und Ende des Buches der Satz steht ‚Gesegnet ist, der das liest‘, hat mich das angespornt, mich mit dem Buch zu beschäftigen, damit mir der Segen nicht entgeht (lacht).
Und wie viel haben Sie verstanden?
Mir wurde bewusst, dass ich nicht alles verstehen muss. Maria hat auch nicht alles verstanden, was Jesus ihr gesagt hat. Aber sie hat es in ihrem Herzen bewegt. Das deckt sich mit dem, was in der Offenbarung steht. Die Leser sollen die Weissagungen in ihrem Herzen behalten. Für mich bedeutet das, dass ich sie lernen und begreifen muss. Und ich bekomme eben leichter einen Zugang, wenn ich Sachen vertone oder ihnen einen Rhythmus und eine emotionale Komponente gebe.
Wie nähert man sich so einem Thema und strukturiert es?
Ich habe zunächst versucht, die großen Linien aufzuschreiben und die emotionale Färbung zu ergründen. Die Verheißung auf das himmlische Jerusalem habe ich als positive Nachricht mit der Farbe Hellblau belegt. Bezeichnungen wie „Krieg am Himmel“ und „Kampf des Satans“ haben die Farbe Rot erhalten. Und die Stadt Babylon, die erst sehr positiv beschrieben und dann zu einem Synonym für Gottlosigkeit wird, hat die gemischte Farbe Rosa erhalten. Sie sieht gut aus, ist aber eigentlich böse. Für mich ist das eine Parallele zu den Versuchungen im Alltag, die gut aussehen, aber hintergründig böse sind und eine Versuchung darstellen.
Aber wie kommen solche Deutungen aufs Notenpapier?
Ich habe die biblischen Texte immer und immer wieder gelesen und nach einer gewissen Rhythmik gesucht. Hat ein Text bestimmte Bewegungen, die ich aufnehmen kann? Zudem habe ich viel Fachliteratur studiert und mit Theologen um eine Struktur gerungen, die dem Buch gerecht wird, aber auch musikalisch umsetzbar ist. Daraus ist die Idee entstanden, dass das Stück eine Reise durch die sieben Gemeinden wird und die Themen der Sendschreiben aufgreift. Darüber hinaus sollen natürlich auch die anderen Themenfelder der Offenbarung wie der Kampf „Gut gegen Böse“, die Wiederkunft Jesu oder das Gericht vorkommen.
Können Sie das mal an einem Beispiel festmachen?
Ich hatte mich mit dem Text des sechsten Siegels beschäftigt. Daraus habe ich den Text entwickelt. ‚Es fallen die Sterne wie Feigen vom Baum, der Himmel verliert seine Form, seinen Raum.‘ Diesen Reim konnte ich musikalisch am besten in einem 6/8-Takt darstellen. Das Fallen als Bewegung nach unten, hat Naemi Wünch dann im Arrangement des Chorsatzes aufgegriffen, indem der Text alle Stimmen von hoch bis tief durchläuft. So bekomme ich immer wieder Ideen, was musikalisch möglich ist. Von daher ist es eine große Gemeinschaftsleistung. Im Stück selbst wird das Ganze dann auch noch durch das Bühnenbild visualisiert, wenn die Sterne auch bildlich herunterfallen. Das ist vielleicht noch eindrücklicher, als wenn man nur den Text liest.
Was war die wertvollste Erkenntnis im Austausch mit den Theologen?
Am meisten habe ich von den Gesprächen und Treffen mit Joel White von der Freien Theologischen Hochschule profitiert. Seine Übersicht über die großen Themenfelder hat mich so beeindruckt. Ich wusste ja ungefähr, was in der Offenbarung passiert, aber er hat mir noch einmal den größeren Blickwinkel auf diese apokalyptische Literatur gezeigt. Mir war nicht klar, dass es sich ja um eine ganz eigene Literaturgattung handelt. Dass die Leuchter für die Gemeinden stehen und dass Jesus mitten unter ihnen steht – diese Bilder einfach mal auf sich wirken zu lassen. Da habe ich seine Expertise als sehr hilfreich erlebt.
Was hat Sie inhaltlich am meisten herausgefordert?
Am schwierigsten fand ich das Kapitel mit den zwei Zeugen, weil es sehr wenige Querverweise in die Bibel hat und es nicht so gut einzuordnen war. Ich habe einen Teil des Textes in einer Art Rezitativ zusammengefasst, zu dem ein Streichquartett spielt, und so versucht, die Geschichte in Kurzform zu erzählen: Die zwei Zeugen reden die Wahrheit, müssen sterben, werden auferweckt und fahren zu Gott in den Himmel – als Kurzversion. Das Ganze ist dann natürlich noch szenisch ausgeschmückt. Als wir das Stück auf seine Verständlichkeit geprüft haben, hat mir jemand gesagt, dass er durch diese Geschichte neu herausgefordert wurde, Jesus treu nachzufolgen. Das hat mich gefreut. Mir ging es ja ähnlich. Ich habe auch davon profitiert, dass ich mich ganz neu auf den Text eingelassen und gefragt habe, was mir Jesus durch das Buch heute sagen will.
Für welche Zielgruppe ist das Musical geschrieben? Dürfen auch Nicht-Bibel-Leser kommen?
Ich wünsche mir, dass sich auch Menschen einladen lassen, die nicht die Bibel lesen. Wer sich schwer damit tut, das Buch zu verstehen, nimmt es nicht unbedingt zur Hand und liest es. Sich aber zwei bis drei Stunden musikalisch mit einem Thema zu beschäftigen, ist einfacher. Vielleicht kommt ja jemand auf den Geschmack und möchte tiefer eintauchen. Vielleicht ähnelt das Stück ein paar Stelen, die man einschlägt und an denen man sich entlanghangeln kann.
Welchen Gedanken möchten Sie den Zuhörern mitgeben?
Für mich hat sich der Gedanke herauskristallisiert, dass das Lamm die Geschichte in der Hand hält. Bei allem, was mir in der Offenbarung fremd vorkommt, ist das der Kerngedanke, den ich den Menschen gerne mitgeben möchte. Fast alles, was in der Offenbarung passiert, hat damit zu tun, dass Jesus als Lamm dieses Buch in die Hand nimmt und die Siegel öffnet. Auch wenn das jetzt theologisch nicht alles umfasst, ist das für mich die Quintessenz und unglaublich tröstlich.
Ihr wart mit „Paul und Gretel“ in Deutschland unterwegs. Habt ihr jetzt ähnliche Pläne?
Wir haben uns bewusst entschieden, bis zur Uraufführung keine weiteren Pläne zu verkünden. Für die Premiere gibt es noch so viel zu tun und zu planen, damit wir es sauber auf die Bühne bringen. Da gibt es noch viel Arbeit. Wenn es gut läuft, dann könnten wir es uns aber durchaus vorstellen, es auch woanders zu spielen.
Hinter dem Projekt stehen viele Helfer, Musiker und Mitwirkende. Welche Zahl beeindruckt Sie am meisten?
Da geht es mir nicht um einzelne Zahlen. Das Ausmaß des ehrenamtlichen Engagements ist phänomenal. Die Menschen bringen sich neben ihrer normalen Arbeit noch zusätzlich mit einem beeindruckenden Zeitaufwand ehrenamtlich in ein Projekt ein. Manche Leute fahren Hunderte von Kilometern in der Woche, damit wir so ein Projekt auf die Beine stellen können.
Vielen Dank für das Gespräch.