Analyse

Die nächste Bundespräsidentin – eine Christin?

Im Januar wird das Amt des Bundespräsidenten neu besetzt. Eine Frau soll es werden und ziemlich sicher auch eine aus der Union. Wer kommt in Frage und was glauben die möglichen Präsidentinnen?
Eine Analyse von Anna Lutz

Offiziell nominiert ist noch keine, aber das Rennen um das Amt der Bundespräsidentin läuft. Vor allem, nachdem Bundeskanzler Friedrich Merz nun laut Agenturen in einer nicht-öffentlichen CDU-Kreisvorsitzendenkonferenz erklärte: „Ich werde der Partei eine gemeinsame Kandidatin vorschlagen, eine Kandidatin der politischen Mitte.“

In der Frage des Geschlechts sei er festgelegt. Medienberichten zufolge könnte eine Vorentscheidung in der Sitzung der CDU-Gremien am 9. November fallen. Am 30. Januar wird in der Bundesversammlung, in der die CDU die Mehrheit hat, gewählt. Wer hat die besten Chancen? Und woran glauben die Kandidatinnen?

Ilse Aigner

Ihr Name wurde bisher am häufigsten und am lautesten in der Debatte um die Nachfolge von Frank-Walter Steinmeier genannt. Vor allem, weil sich CSU-Chef Markus Söder öffentlich hinter sie stellte. Aigner ist Landtagspräsidentin in Bayern, CSU-Abgeordnete, katholisch und spricht häufiger öffentlich über ihren Glauben, etwa 2020 gegenüber dem „Sonntagsblatt“: „Der Glaube gibt mir Kraft für die politische Tätigkeit.“ Gegenüber der „Bild“-Zeitung sagte sie: „Ich bin dankbar für meinen Glauben, er nimmt mir beispielsweise auch die Angst vor dem Tod. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es ist, wenn man an nichts glaubt. Da muss man ja wahnsinnig viel Angst haben.“

So eng Aigner auch mit ihrer Kirche verbunden ist, so sehr kritisiert sie auch besonders deren Haltung zur Frauenfrage und zum Zölibat. 2019 sagte sie: „Wir müssen das Potenzial erschließen, sowohl der Frauen – als auch der Männer, die nicht zölibatär leben wollen“, und sprach sich damit für eine Frauenordination und die Abschaffung des Pflichtzölibats aus. Für beides sehe sie keine Begründung in der Bibel. Im Jahr 2023 setzte sie sich in einem Interview der „Zeit“ für die Beibehaltung des Paragrafen 218 und damit für die Regelung von Schwangerschaftsabbrüchen im Strafrecht aus. Aigner ist unverheiratet und hat keine Kinder. Ihr ursprünglicher Beruf ist Elektrotechnikerin.

Ines Claus

Die Juristin ist hessische CDU-Fraktionsvorsitzende und im Präsidium ihrer Partei. Die 1977 geborene Katholikin ist verheiratet und hat drei Kinder.

Foto: Martin Kraft | CC BY-SA 4.0 International
Ines Claus ist Fraktionschefin im hessischen Landtag

Sie ist gegen eine Liberalisierung des Abtreibungsrechts. Schon von jungen Jahren an war sie engagiertes Mitglied ihrer Kirche, etwa im Pfarrgemeinderat und in der Katholischen jungen Gemeinde und laut eigenem Lebenslauf „Mitgründerin der katholischen Bücherei Christkönig“.

Julia Klöckner

Die amtierende Bundestagspräsidentin ist katholisch und hat sich in der Vergangenheit den ein oder anderen Schlagabtausch mit den Kirchen geliefert. Nicht nur gegenüber PRO erklärte sie diese für zu politisch und zu wenig an geistlichen Inhalten orientiert. Die Rheinland-Pfälzerin tritt regelmäßig auf Kirchen- oder Katholikentagen auf, hat Theologie studiert und als Religionslehrerin gearbeitet.

Foto: Annette Riedl/PRO
Julia Klöckner im Gespräch mit PRO

Sie ist Mitverfasserin eines Buchs über Geschichten rund um den Wein in der Bibel – was nicht nur wegen ihres christlichen Hintergrundes gut zu der ehemaligen Weinkönigin passt. Ihren Glauben betont sie immer wieder öffentlich: In einem Interview der „Zeit“ sagte die Politikerin, dass er ihr in die Wiege gelegt worden sei. Dieser helfe ihr auch, die eigene Begrenztheit zu akzeptieren.

Klöckner war Landwirtschaftsministerin im Bund und Spitzenkandidatin der CDU in ihrem Bundesland. Sie tritt für ein Prostitutionsverbot ein, war für die steuerliche Gleichstellung homosexueller Partnerschaften, aber gegen eine Gleichwertigkeit ihrer Verbindung mit der Ehe. In Fragen des Lebensschutzes ist sie konservativ, ebenso beim Thema Migrationspolitik. So fordert sie etwa konsequente Kontrollen an den deutschen Grenzen und Zurückweisungen irregulärer Einwanderer. Klöckner ist mit dem TV-Moderator Jörg Pilawa liiert und hat keine Kinder.

Karin Prien

Die amtierende Bildungs- und Familienministerin aus der CDU ist die einzige nicht-katholische Favoritin für das Bundespräsidentinnenamt. Prien ist Jüdin, bezeichnet sich aber als nichtreligiös.

Foto: Jan Zappner/re:publica
Karin Prien auf der Netzkonferenz „Republica“

Der Holocaust hat ihre Familiengeschichte geprägt. So wurde etwa ihre Urgroßmutter von den Nationalsozialisten ermordet. Prien ist Juristin, verheiratet und hat drei Kinder. Sie setzt sich unter anderem für eine Frauenquote ein und für ein Social Media-Verbot für Kinder und Jugendliche. Außerdem ist es ihr ein Anliegen, jüdisches Leben in Deutschland und in der Politik sichtbarer zu machen. 

Annegret Kramp-Karrenbauer

„Das C ist der Leitstern, das C gibt uns das Menschenbild vor. Das dürfen wir nie und nimmer vernachlässigen“, sagte Annegret Kramp-Karrenbauer 2018 auf dem CDU-Parteitag, der sie zur Vorsitzenden wählte. Auch wenn sie das Amt nur zwei Jahre lang inne hatte, ist sie ein Name in der Partei – als ehemalige Generalsekretärin, Ministerpräsidentin des Saarlandes und Verteidigungsministerin. Die Katholikin ist verheiratet und Mutter dreier Kinder.

Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer. Viele Deutsche vermissen mittlerweile eine christliche Ausrichtung der Partei. Foto: CDU/Tobias Koch
Annegret Kramp-Karrenbauer, hier noch als CDU-Vorsitzende

Sie galt als Gegnerin der „Ehe für Alle“ und einer Abschaffung des Werbeverbots für Schwangerschaftsabbrüche. Im PRO-Interview sagte sie einmal: „Jeder Christdemokrat und jede Christdemokratin sollte sich per se als Lebensschützer verstehen.“ In der Vergangenheit hat sie sich außerdem für einen offenen Umgang mit der jeweils eigenen Glaubensüberzeugung in der Öffentlichkeit ausgesprochen. „Religion tut unserem Land, tut dem gesellschaftlichen Zusammenhalt gut“, sagte sie 2018 gegenüber der „Welt“.

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