„Es ist unwahrscheinlich, von einem Wal verschluckt zu werden. Aber nicht unmöglich.“ Mit diesem Slogan werben derzeit Kinos weltweit um Besucher für den Film „Whalefall“. Wer es nicht besser weiß, der könnte die beiden Sätze vielleicht auch frommen Christen zuschreiben, die die biblische Geschichte von Jona und dem Wal wörtlich nehmen.
Tatsächlich hat der Plot des aktuellen Kinofilms seinen Ursprung mit großer Wahrscheinlichkeit in der Bibel. Auch wenn er keineswegs zum christlich geprägten Kino zählt.
Worum geht es? Ein Taucher wird von einem Pottwal verschluckt. Versehentlich, das Tier hat offensichtlich nichts Böses im Sinn, will eigentlich einen Riesenkalmar erwischen und der Mann namens Jay (Austin Abrams) ist quasi Beifang. Der Mann überlebt auch dank seiner Sauerstoffflasche im Bauch des Tieres und versucht, ihm wieder zu entkommen. Die Zeit im Meeressäuger wird für ihn nicht nur zum Überlebenskampf, sondern auch zum Selbstfindungstrip.
Regisseur ist christlich aufgewachsen
Regisseur Brian Duffield ist christlich aufgewachsen. Seine Eltern gingen mit ihm in seiner Kindheit aus den USA nach Irland, um als Missionare zu arbeiten. Wie Duffield bereits öffentlich erklärte, fiel ihm der Umzug schwer, er fühlte sich entwurzelt. Später zog er in die USA zurück und studierte unter anderem an einer privaten christlichen Hochschule.
Da scheint es logisch, dass die Idee für „Whalefall“ aus der Bibel stammt. Dabei ist der Film alles andere als für den Kindergottesdienst geeignet, wo die Geschichte rund um Jona und das Meerestier in der Regel gehört wird. Denn der Film spielt fast ausschließlich im Innern des Ungetüms. Jay kämpft sich durch Magensäfte und Darmschlingen, bricht sich dabei nicht nur einen oder zwei Knochen, verätzt sich die Hände und taucht mit dem Wal so tief in die See ab, dass seine Trommelfelle platzen. Dieser Film ist selbst für Erwachsene schwer zu ertragen.
Und doch wartet er mit mehr als nur einer biblischen Wahrheit auf. Da wäre zum einen die Idee, dass Jay im Wal sein Leben Revue passieren lässt. Der Grund für seinen Tauchgang nämlich war der Tod seines Vaters (Josh Brolin). Der hatte sich, schwer an Lungenkrebs erkrankt, ins Meer gestürzt und wurde nie gefunden. Jay wirft sich an jenem schicksalhaften Morgen in die Wellen, um Überreste seines Vaters zu finden. Sein Tod ist auf mehrfache Weise traumatisch für ihn. Nicht nur hat Jay ihn als streng und wütend erlebt, noch dazu brach er den Kontakt zu ihm ab, als er die Küste verließ, um im Landesinneren zu studieren.
Glibberig und rührend
Der Wal, so unangenehm und glibberig dieser Trip auch sein mag, ist für Jay in diesem Film auch Transportmittel zurück in die Kindheit. Er erinnert sich an den Vater, spricht mit ihm, lässt Schlechtes und auch manches Gute Revue passieren, immer im Angesicht des eigenen Todes, der gefangen im Tier jederzeit eintreten kann.
Jay steht hier also nicht nur für Jona, der sich ebenfalls von seinem (göttlichen) Vater entfernt hatte und durch den Wal zu ihm zurückkehrt. Er ist auch eine Art verlorener Sohn, der den Vater verließ, um sein Glück anderswo zu suchen, und schließlich zu ihm zurückkehrte. Zugleich, so kann man annehmen, erzählt Regisseur Duffield hier auch seine eigene Geschichte – wie er den Vater (und die Mutter) verließ, um in den USA sein Glück zu suchen.
Wer Thriller mag und nicht allzu empfindlich bei brutalen oder ekligen Szenen ist, der mag „Whalefall“ deshalb einiges abgewinnen. Der Film wird aber vor allem da stark, wo er sich metaphysisch gibt und vom klaustrophobischen Plot abrückt. Als der Wal am Ende mit seinem blinden Passagier ins dunkle Meer abtaucht, um dort gegen seine Feinde in der Tiefsee zu kämpfen, etwa. Und wenn Jay, scheinbar dem sicheren Tod ausgeliefert, anfängt, mit dem Tier zu kommunizieren, und dessen Stimme als die seines Vaters hört.
Nicht nur die Meeresszenen an sich sind wunderschön, auch die Idee, die dahintersteht: Familie ist, was uns trägt. So wie andere Pottwale dem von Orcas umzingelten Riesen zur Hilfe eilen, so wollte eigentlich auch der Vater immer nur seinem Sohn Jay helfen. Auch da, wo er zu hart zu ihm war.
Christen können darin, zwischen Spannung, Brutalität, schwabbeligen Wahlorganen und dem halb verdauten Kalmar, noch eine höhere Wahrheit erkennen: Da ist ein Vater, der dich liebt, auch wenn du es nicht immer erkennen magst. Und so bringt „Whalefall“ am Ende doch eine schöne Botschaft ins Kino – auch wenn man das zwischen allerhand Schmerzensgeschrei vielleicht erst auf den zweiten Blick wahrnimmt.