Eine bombastischere Geschichte als „Die Odyssee“ ist vielleicht nie geschrieben worden.
Odysseus erobert zusammen mit einem Heer und mithilfe eines selbstgebauten Pferdes Troja. Nach zehn Jahren Belagerung will er endlich nach Hause. Und verirrt sich scheinbar hoffnungslos auf dem Meer. Gemeinsam mit seinen Kameraden bekämpft er unterwegs nicht nur Stürme und Wasserstrudel, sondern auch einen Zyklopen, eine Hexe, Riesen und singende Sirenen, jene Magiewesen, die Männer mithilfe ihrer Stimme um den Verstand bringen.
Ja, er steigt sogar hinab ins Totenreich. Und das alles nur, um zu seiner geliebten Frau Penelope zurückzukehren.
Ein Stoff, nicht nur gemacht, um über Jahrhunderte weitererzählt und immer neu für Bücher übersetzt zu werden. Sondern definitiv auch einer für die große Leinwand. Ab Donnerstag ist er auch in deutschen Kinos zu sehen. Kein Geringerer als Starregisseur Christopher Nolan („Inception“, „Interstellar“, „Oppenheimer“) hat sich nun an das Werk von Homer aus vorchristlicher Zeit gewagt und ihm seinen ganz eigenen Stempel aufgedrückt.
Denn bei Nolan wird aus dem Kriegshelden Odysseus ein Versehrter, aus dem von den Göttern Verfluchten einer, der nicht mit seiner eigenen Schuld leben kann, und aus dem Helden im Trojanischen Pferd einer, der wie Adam die Sünde in die Welt bringt.
Christopher Nolan’s „Odyssee“: Achtung, Spoiler!
Um zu erklären, wie Nolan die „Odyssee“ derart christlich umdeuten konnte, bedarf es einiger Spoiler. Wer den Film also noch in vollen Zügen selbst genießen will – und das sei Kino- oder Mythologiefans durchaus empfohlen –, der möge an dieser Stelle aussteigen und erst nach dem Kinobesuch weiterlesen.
„Gott hilft denen, die sich selbst helfen“, sagt Odysseus. Gerade haben die Soldaten auf einer einsamen Insel einen Zyklopen geblendet, die See ist aufgewühlt. Das Ungetüm sei wohl ein Sohn Poseidons gewesen, mutmaßen die Männer, nun sei der Meeresgott wütend. Odysseus wischt das mit weisen Worten von Bord. Es geht hier nicht um Götter. Es geht um das, was die Menschen tun, will wohl auch der Regisseur sagen.
Film „Odyssee“: Schuld und Sühne
Odysseus, der Seefahrer, der nicht allzu viel für das Übernatürliche übrig hat, der Ungetümen begegnet und gegen sie kämpft, dessen größter Dämon aber die eigene Schuld ist: Das ist die Hauptfigur in diesem Film. Doch von welcher Schuld ist hier die Rede? Jene, die in der Mythologie eigentlich die größte List darstellt: das Trojanische Pferd.
Die Geschichte ist ebenfalls wohlbekannt: Zehn Jahre lang belagert Odysseus mit seinen Männern die Stadt Troja, ihre Mauern erweisen sich als unüberwindlich. Doch dann ersinnen die Krieger eine neue Idee. Sie bauen ein hohles, riesiges Pferd, verstecken sich darin und warten ab. Schon bald nähern sich die Gegner neugierig, fallen auf die List herein und ziehen das Pferd in die Stadt. In der Nacht klettern die Kämpfer rund um Odysseus heraus und erobern Troja von innen.
Eine Geschichte, die bisher vor allem von der Schläue der Pferderbauer berichtet. Nolan aber sieht das anders. Bei ihm erkennt Odysseus im Laufe seiner Reise, dass er in Wirklichkeit mitnichten Weisheit über die Welt gebracht hat, sondern Tod und Verderben. Ein Geschenk, so sagt er schließlich, als Waffe zu missbrauchen, als Türöffner für den Tod, für Kriegsverbrechen und Mord an den Torjanern, das ist unmenschlich.
Als Odysseus fast irre wird
Nun aber ist diese Büchse der Pandora geöffnet und andere werden sich ebenjenes Mittels bedienen: Zwietracht statt Gastfreundschaft, Gier statt Nächstenliebe, Blutrausch statt Mitgefühl, Fluch statt Segen.
Unabhängigen christlichen Journalismus häufiger bei Google sehen
PRO bei Google bevorzugenSo sind es am Ende nicht die Götter, die Odysseus umherirren lassen.
Als er die Sirenengesänge gehört hat und dabei fast irre geworden ist, beschrieb er das Erlebte als den „Klang all der Versprechen, die ich nicht halten konnte“ und: „Sie sagten mir, dass ich nicht nach Hause gehen wollte.“
Später, durch die einsame Nymphe Kalypso betört, die ihn erst rettet und dann sieben Jahre lang seiner Erinnerung beraubt, wird klar: Niemals hätte sie sein Gedächtnis auslöschen können, hätte er sich erinnern wollen. Doch die Schuld wog zu schwer. Odysseus muss sie erkennen, Buße tun, sich dann schließlich doch Gott und dem Schicksal im rauen Wind der See aussetzen, um heimkehren zu können. Sich selbst und sein Ego loslassen.
Was für eine Geschichte, deren Wendung Homer so kaum im Sinn gehabt hat. Nolan aber macht aus der „Odyssee“ eine Erzählung über Schuld und Sühne. Er verpasst griechischer Mythologie einen christlichen Kern.
Christopher Nolan: Ein großer Geschichtenerzähler
Das zeigt einmal mehr: Nolan ist vielleicht einer der besten Geschichtenerzähler unserer Zeit. Er wagt sich an Science-Fiction-Stoffe, an Mythologie, an Thriller. Dass seine Produktionen meistens teuer und mithilfe vieler Special Effects realisiert werden, täuscht über die eigentliche Stärke seiner Filme hinweg: Es geht eigentlich weniger um tolle oder gruselige Monster, krasse Raumschiffe und Zeitreisen-Inszenierungen. Nolan bewegt wegen seiner Figuren.
Hier ist es der schuldbeladene Odysseus (großartig wie immer: Matt Damon), in „Interstellar“ war es der Raumfahrer Cooper (Mathew McConaughey), der zum Wohle der Menschheit seine Kinder zurückließ, und in „Inception“ Dom Cobb (Leonardo DiCaprio), der eigentlich nur zurück zu seiner verstorbenen Frau wollte.
Manche mögen sich noch an „Memento“ und dessen Hauptfigur Leonard Shelby (Guy Pearce) erinnern, jenen Polizisten, der sein Kurzzeitgedächtnis verlor und der dem Zuschauer besonders deshalb so nah kam, weil Nolan seine Geschichte in umgekehrter Reihenfolge inszenierte, um Shelbys eingeschränkte Wahrnehmung zu demonstrieren. Bis heute ein Film übrigens, der seinesgleichen sucht.
Es sind diese Geschichten und Schicksale, die seine Zuschauer auch Stunden nach dem Kinoerlebnis noch wachliegen lassen. Odysseus, Cooper, Cobb und wie sie noch alle hießen, bleiben unvergesslich im Hirn und im Herz hängen. Und das ist, was große Literatur, großes Theater und auch großes Kino ausmacht.
Übrigens gab es schon vor Filmstart auch unter Christen eine Debatte ob der Besetzung des Films. Erstens weil die schöne Helena von der schwarzen Oscarpreisträgerin Lupita Nyong’o gespielt wird und damit nicht unbedingt typisch griechisch aussieht. Und zweitens weil einer der Krieger aus Odysseus’ Heer durch Elliot Page besetzt ist, der im Jahr 2020 öffentlich erklärte transgender zu sein, und seinen Vornamen änderte.
Man darf wohl fragen, ob der Streit um die Besetzung nicht vom eigentlich Wichtigen für Christen ablenkt: Nämlich dass hier ein echter griechischer Klassiker einem Millionenpublikum ganz neu von Vergebung und Umkehr erzählt.