Der Roman „Die Hütte“ war im Jahr 2007 und darüber hinaus ein Phänomen: Ein Buch, im Eigenverlag erschienen, eroberte die Bestsellerlisten weltweit. Mehr als 23 Millionen Mal ging es über die Ladentheken, wurde in 50 Sprachen übersetzt. Und das, obwohl die Geschichte, die es erzählt, glaubensbasierter nicht sein könnte.
Zur Erinnerung: Der Protagonist Mackenzie Philips verliert seine Tochter an einen Serienmörder. Mit ihrem Tod hadernd fährt er eines Tages zu jener Hütte, in der ihr Blut und ihr Kleid gefunden wurden – und trifft dort Gott. Ein Wochenende verbringt er mit einer schwarzen Frau (Gott, der Vater bzw. die Mutter), mit einem asiatisch anmutenden Geistwesen (dem Heiligen Geist) und mit Jesus. Nach vielen Gesprächen und Aha‑Momenten findet er dort in „Der Hütte“ zu seinem einstigen christlichen Glauben zurück – und wird am Ende von Gott auch noch zur bisher unaufgefundenen Leiche seiner Tochter und ihrem Mörder geführt.
„Die Hütte“, so amerikanisch-kitschig und aufdringlich-missionarisch sie damals auch daherkam, berührte nicht nur die PRO-Redaktion zutiefst, sondern auch viele Menschen weltweit. Weil sie keine theologische Abhandlung ist, sondern ein Gefühl vermitteln wollte: Gott ist ein Mensch, Gott ist ein Geist, Gott ist alles und vor allem die Liebe, die dich trägt. Durch alles Leid. Eine Botschaft, die William Paul Young in einer ebenso freundlichen wie provokanten Geschichte zu Papier brachte.
Heute, im Jahr 2026, versucht er das noch einmal: eine amerikanisch-kitschige, aufdringlich-missionarische, anstößige und zugleich von Liebe erfüllte Geschichte über Gott unter die Menschen zu bringen. „Die Rückkehr zur Hütte. Eine Wiederbegegnung mit Gott“ erscheint am 6. Oktober weltweit und ist in vielem vergleichbar mit dem ersten Teil. Nur, dass Young sich hier in einem Punkt über „Die Hütte“ hinauswagt. Dieses Mal hat er auch ein politisches Buch geschrieben, das, ohne dass er es wissen konnte, zu keinem treffenderen Zeitpunkt hätte erscheinen können.
Christa Pikes gescheiterte Hinrichtung
Denn am 30. September sollte die US-Amerikanerin Christa Pike in Tennessee mit der Giftspritze hingerichtet werden. 1996 war sie wegen des brutalen Mordes an einer 19-Jährigen zum Tode verurteilt worden. Die Hinrichtung 30 Jahre später scheiterte ebenfalls auf brutale Weise. Pike liegt zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Textes bewusstlos und intubiert auf einer Intensivstation. Ob sie jemals wieder zu Bewusstsein kommt, weiß niemand, und ob dann ein erneuter Hinrichtungsversuch folgen wird, auch nicht.
Sechs Tage nach diesen Geschehnissen erscheint nun Youngs Buch und man mag das ob des christlichen Inhalts prophetisch nennen: Es spielt größtenteils in einer imaginären Haftanstalt mit Todestrakt unweit jener echten, in der Pike zu Tode kommen sollte. Wieder dreht es sich wie schon bei „Die Hütte“ in der Geschichte um Mackenzie Philips und seine Beziehung zu Gott.
Jahre nach dem Tod seiner Tochter und der Festnahme ihres Mörders hat „Mack“ sich nicht nur wieder von seinem Glauben entfernt, sondern auch von seiner Ehefrau Nan. Zu den Beziehungsproblemen kommt ein weiteres hinzu: Das FBI möchte, dass er Gespräche mit dem zum Tode verurteilten Serienkiller „J“, der auch seine Tochter auf dem Gewissen hat, führt. So soll er herausfinden, wo sich weitere Kinderleichen befinden, damit die Eltern der Vermissten endlich Gewissheit haben und zur Ruhe kommen können. Mack kämpft mit sich und seinem Trauma, entscheidet sich aber schließlich dazu, nach Nashville zu reisen, um „J“ im Todestrakt zu treffen.
Wenn der Feind zum Bruder wird
So begibt sich Mack auch in diesem zweiten Teil der „Hütte“ auf einen Weg zurück zu Gott, allerdings weniger zauberhaft als beim ersten Mal. Der Roman spielt größtenteils in einem Verhörzimmer im Gefängnis und er dient Young vor allem dazu, einen Aspekt göttlicher Liebe zu verdeutlichen: die Vergebung.
Wenn Mack nach drei Tagen Gesprächen mit dem Mörder seiner Tochter sagt: „J, Gerchechtigkeit ist, wenn du deinen Feind … zu deinem Bruder machst“, dann ist das nicht nur ein Bekenntnis, das diese Welt in diesen Zeiten ganz besonders braucht. Sondern es ist auch ein starkes christliches Plädoyer gegen die in den USA praktizierte Todesstrafe. Ein Thema, das Young wohl stark umgetrieben hat, denn sein Buch ist Youngs „Brüdern und Freunden im Todestrakt des Hochsicherheitsgefängnisses Riverbend“ gewidmet. Jenes Gefängnis, in dem Christa Pike sterben sollte und in dem der Autor zur Vorbereitung auf sein Buch recherchiert hat.
Eine spannende Koinzidenz, ebenso wie die Tatsache, dass „J“ Mack an einer Stelle über die Giftspritze belehrt, etwa auch über das Mittel Pentobarbital und dessen Wirkungsweise, jenes Todesmittel also, das auch in Christa Pikes Adern floß. „Ich kenne die Medikamente, die bei Hinrichtungen verwendet werden, und das Beste, was die Henker bewirken können, ist, Sie zu lähmen. Man spürt immer noch alles – ein Medikament lässt Sie ertrinken, und ein anderes verbrennt Sie von innen. Es ist eine entsetzliche, qualvolle Art zu sterben. Und der elektrische Stuhl ist auch nicht besser“, sagt „J“.
Kitschig und grausam aktuell
So passt die Fortsetzung der „Hütte“ ebenso gut in diese Zeit wie einst sein Vorgänger. Auch wenn Young es seinen Lesern am Anfang nicht leicht macht. Sein erster Roman liegt zwei Jahrzehnte zurück, dennoch wirft er einen direkt in die Handlung, gibt kaum einen Rückblick, sodass es manchem zu Beginn schwerfallen dürfte, den Anschluss zu finden. Ganz zu schweigen von jenen, die das erste Buch gar nicht kennen. Das Buch hätte darüber hinaus einige Kürzungen gut vertragen. Die Gespräche mit „J“, um die es ja eigentlich geht, beginnen erst in der Mitte. Auch die teils recht fromme Sprache passt wenig zu dem Anliegen, Gott einem nichtchristlichen Publikum näherzubringen.
„Die Rückkehr zur Hütte“ ist dennoch lesenswert: wegen seiner grausamen Aktualität. Wegen dem Gefühl, das es hinterlässt: Gott ist die Liebe und gut ist, was der Liebe dient. Und der Erkenntnis: Was nicht nur Menschen im Todestrakt brauchen, sondern die ganze Welt und ganz besonders heute, ist Vergebung.
Für echte Fans hat Young übrigens auch eine augenzwinkernde Anekdote im Buch. Manche erinnern sich vielleicht an die Kritik, die „Die Hütte“ auslöste, vor allem wegen der Gottesbilder, die Young verwendet: Gott als schwarze Frau, Gott als Geistwesen. In diesem zweiten Teil treibt der Autor es auf die Spitze und macht Gott an einer Stelle sogar zum Wal. Kritiker und Liebhaber seiner Bücher mögen sich für Genaueres aber selbst auf Lesesuche begeben.
„Die Rückkehr zur Hütte. Eine Wiederbegegnung mit Gott“, Ullstein Allegria, 384 Seiten, 6. Oktober 2026