Johannes Mickenbeckers Alltag ist laut und voller Action. Als einer der kreativen Köpfe und Macher hinter dem erfolgreichen deutschen YouTube-Kanal „The Real Life Guys“ entwickelt er Ideen für Videos und ist selbst Teil der verrückten Do-it-yourself-Aktionen. 2025 startet er ein Projekt, das eine andere Tonalität haben soll: einen Ausbruch aus dem betriebsamen Alltag hinein in die Zurückgezogenheit der Natur. Die Herausforderung: Können Johannes und sein Mitstreiter nach einer sechsmonatigen Vorbereitungszeit 100 Tage autark in der Natur überleben?
In täglichen Videos halten sie die Follower ihres Kanals auf dem Laufenden. Die Filmemacher Lukas Augustin und Alexander Zehrer erweitern das Projekt um eine Dokumentation, die am 10. September 2026 in die Kinos kommt.
Der Film nimmt die Zuschauer nach einem kurzen Blick auf die Vorgeschichte der Unternehmung direkt mit ins Geschehen: Tag eins von hundert, ein regnerischer Herbsttag. Auf der Lichtung im Odenwald haben die beiden in der Vorbereitungszeit mit Freunden einen Acker angelegt. Nebenan errichten sie nun ihre vorläufige Unterkunft – ein Tarp, das im Laufe der Zeit durch ein gemeinsam erbautes Blockhaus ersetzt werden soll.
Plötzlich allein
„Die ersten Tage waren magisch. Wir waren zwar fix und fertig und alles dauerte viel länger als gedacht, aber wir waren glücklich. Zusammen haben wir die ersten Tage geschafft, unabhängig in der Natur zu leben“, so Johannes. Das Survivalprojekt setzt von Beginn an gute Teamarbeit der beiden Abenteurer voraus – doch es kommt anders. Johannes’ Freund erkrankt und muss das Projekt schon am neunten Tag verlassen.
Johannes entscheidet sich, zu bleiben, und nimmt die Zuschauer authentisch mit in seinen Alltag hinein – den Bau des Blockhauses, die Suche nach Nahrungsmitteln und das Leben in plötzlicher Einsamkeit. Ausgelassen oder beschönigt wird dabei offenbar kaum etwas. Der Film zeigt Momente der körperlichen Erschöpfung und Rückschläge ebenso wie die Freude über einen gelungenen Fischfang. Nachhaltigkeit und ein bewussterer Umgang mit Ressourcen werden dabei ganz natürlich zum Thema. Zwischen diesen Alltagsaugenblicken macht Johannes deutlich, wie seine Dankbarkeit für Dinge zunimmt, die er oft für selbstverständlich genommen hat – wie ein warmes Bett oder Trinkwasser aus dem Hahn.
Blick für die Schöpfung
Obwohl es für den damals 28-Jährigen viel zu tun gibt, findet er in den Wochen außerhalb der Zivilisation wieder mehr Zeit, in der Bibel zu lesen und seinem Hobby der Naturfotografie nachzugehen. Beim Blick auf die Schönheit der Schöpfung fühle er sich Gott näher, beschreibt Johannes. Er beweist seinen Sinn für Ästhetik darin, wie er die Schönheit der Schöpfung aus verschiedenen Perspektiven einfängt: einen Eisvogel im Schnee, mit einem Teleobjektiv erfasst. Eine Wildschweinrotte bei Nacht, gefilmt mit einer Wärmebildkamera. Einen stillen See, über den Johannes die Kamera schwenken lässt.
Die Leidenschaft, die Natur mit der Linse zu erkunden, teilte er von klein auf mit seinem Zwillingsbruder. Philipp Mickenbecker verstarb 2021 nach längerer Krankheit. In den stillen Momenten mit der Kamera im Grünen werden Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit wach.
Die Dokumentation verlässt hier in kurzen Flashbacks ihre lineare Struktur – Bilder von den Geschwistern mit ihren Freunden, unterlegt von lebendiger Musik, bilden einen starken Kontrast zu Johannes’ zunehmender Einsamkeit. In diesen Momenten fragen sich die Zuschauer gemeinsam mit ihm: Wird er die 100 Tage durchhalten? Oder das Vorhaben abbrechen? Diese Spannung ist spürbar, sie ist echt – denn es gibt kein Drehbuch, in dem schon feststeht, ob Johannes sein Ziel erreicht oder nicht.
Zwischen Stille und Lachen
Die Musik nimmt sich während der 118 Minuten Laufzeit meist zurück. Oft speist sich der Klang des Films einzig aus der Umgebung – dem Geräusch des Regens, den Schlägen der Axt. Die insgesamt ruhige Erzählweise lebt von Johannes’ Beschreibungen seines Outdoor-Alltags und kurzen Interviewsequenzen, die den Zuschauer an seinem Gefühlsleben teilhaben lassen. Dank seiner nahbaren Art zu erzählen, kommt auch der Humor dabei nicht zu kurz. Sein Glaube spielt im Film keine primäre Rolle, blitzt aber in manchen Momenten hervor.
Insgesamt ist „100 Tage autark“ etwas für alle, die sich gerne mit Themen wie Survival, Do-it-yourself und dem Respekt vor der Schöpfung und der Freude an ihr auseinandersetzen. Auch Zuschauer, die die Geschichte der Mickenbecker-Geschwister und ihres Kanals schon länger verfolgen, dürften ihre Freude an der authentischen Dokumentation haben. Manch einer wird vielleicht bemängeln, dass im Vergleich zur YouTube-Serie einige Erlebnisse fehlen, aber das liegt schlicht an der begrenzten Spieldauer.
Am Ende lässt einen „100 Tage autark“ mit einem Gefühl von Dankbarkeit zurück. Dankbarkeit für zwei Stunden gelungene Unterhaltung, aber auch für die vielen kleinen und vermeintlich selbstverständlichen Dinge, deren Wert im Alltag leicht in Vergessenheit gerät.