In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch hat es am Leipziger Flughafen einen Drohnenangriff gegeben. Ein Flughafenmitarbeiter fischte das mit Sprengstoff beladene Flugobjekt händisch aus der Luft. Aufgrund eines technischen Defekts kam es zu keiner Explosion. Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) vermied es auf einer folgenden Pressekonferenz, den Täter zu benennen. Er sprach von einem „hybriden Angriff“ und von „fremden Mächten“. Dennoch gehen einige Experten davon aus, dass Russland dahinterstecken könnte. Der Ukrainer Eugen warnte vor knapp einem Jahr im Gespräch mit PRO vor einem derartigen Ernstfall. Damals ging es unter anderem um seine Zeit unter russischer Besatzung. Ein Jahr später spricht PRO erneut mit ihm.
PRO: Eugen, was hat sich im vergangenen Jahr hinsichtlich des Krieges in der Ukraine verändert?
Eugen: Vieles. Zunächst: Was die Situation an der Front betrifft, ist die Frontlinie praktisch eingefroren, und den Russen gelingt es nicht, neue Gebiete anzugreifen und einzunehmen. Das verdanken wir vor allem der Produktion und Entwicklung moderner Drohnen. Unserer Armee gelang es dadurch, mehr Gebiet zu sichern, als in den vergangenen drei Jahren zusammen.
Die Lage der Luftverteidigung, auch von Kiew, hat sich jedoch deutlich verschlechtert. Die Zahl der Raketenangriffe ist zudem gestiegen. Ich nehme an, dass es daran liegt, dass uns die Abfangraketen ausgegangen sind. Die Zivilbevölkerung leidet sehr darunter. Russland greift außerdem vielfach gezielt zivile Objekte an.
Sie haben uns im Gespräch gewarnt, dass wir uns bewusst sein sollten, dass Russland auch Deutschland angreifen könnte. Nun gab es in Leipzig einen vereitelten Drohnenangriff. Viele deutsche Experten sprechen davon, dass Russland dahinterstecke. Was denken Sie darüber? Sollten wir diesen Vorfall ernst nehmen?
Es macht mich traurig, zu hören, dass ihr mittlerweile auch die Auswirkungen des Krieges direkt spürt. Wenn ich Russlands Taktik und seine Haltung gegenüber dem Westen ernst nehme, dann ist es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis feindliche russische Militärdrohnen auch in anderen Ländern auftauchen würden.
Glauben Sie, dass Deutschland das auf die leichte Schulter nimmt?
Ich möchte jeden Europäer dazu anhalten, ehrlich auf die Situation zu blicken und die Möglichkeit einer zukünftigen Eskalation des Krieges sowie seiner Ausweitung auf deutsches Staatsgebiet nüchtern und objektiv einzuschätzen.
Machen das Deutschland und Europa nicht?
Wenn ich mit verschiedenen ukrainischen Soldaten spreche, die von Ausbildungsmaßnahmen in Europa zurückkehren, sagen sie offen, dass die europäischen Streitkräfte auf moderne Kampfhandlungen überhaupt nicht vorbereitet seien und kaum etwas unternähmen, um das zu ändern.
Das klingt fatal.
Ich möchte euren Landsleuten keine Angst machen, aber ich fordere euch auf, nicht denselben Fehler zu machen, den die Ukrainer in den letzten Jahren vor dem eskalativen Angriffskrieg gemacht haben: nichts zu tun.
„Die Zivilbevölkerung kann sich durch verschiedene Dinge vorbereiten: Schießtraining im geschützten Rahmen, Erste-Hilfe-Kurse und Schulungen durch ehemalige Militärausbilder über modernes Kampfgeschehen.“
Manche Menschen haben Angst vor einer möglichen Eskalation. Was sollte Deutschland in einer solchen Situation tun?
Angst ist eine natürliche Reaktion auf etwas Bedrohliches – erst recht auf Berichte über Krieg. Der beste Weg, Angst und Panik zu begegnen, besteht darin, sich vorzubereiten und aus den Erfahrungen anderer Länder wie der Ukraine zu lernen.
Können auch Zivilisten etwas tun?
Definitiv. Die Zivilbevölkerung kann sich durch verschiedene Dinge vorbereiten: Schießtraining im geschützten Rahmen, Erste-Hilfe-Kurse und Schulungen durch ehemalige Militärausbilder über modernes Kampfgeschehen.
Einer der wichtigsten Bereiche ist das Erlernen der Steuerung von Drohnen durch Simulatoren. Drohnen spielen im modernen Krieg eine entscheidende und oft kriegsentscheidende Rolle. Es scheint, dass derjenige, der einen Vorteil bei Drohnen besitzt, auch an der Front die Oberhand gewinnen kann.
Wie sollten sich Christen verhalten?
Christen bilden dabei keine Ausnahme. Im Kriegsfall werden auch sie höchstwahrscheinlich zum Militär eingezogen. Im Krieg sollte die Waffe eines Christen, neben dem Wort Gottes und dem Gebet, auch die physische Waffe in seiner Hand sein. Nach meiner Auffassung zeigt das etwa die Geschichte Israels in der Bibel.
Jesus sagt in der Bibel, wir sollen unsere Feinde lieben. Manche Christen in Deutschland sagen, man sollte lieber sterben, als an der Waffe zu dienen. Ist das naiv?
Auch in der Ukraine gibt es solche Stimmen. Die Antwort auf diese Frage hängt von der persönlichen Überzeugung ab. Ich selbst vertrete eine militaristische Sichtweise, verurteile oder verachte jedoch keineswegs diejenigen, die anders denken als ich.
Meine persönliche Überzeugung gründet sich auf das, was ich in der Bibel lese. Die Bibel spricht an vielen Stellen über Krieg und zeigt ihn als traurige Realität. Weder Jesus noch die Apostel fordern römische Soldaten oder Offiziere, mit denen sie sprechen, dazu auf, ihren militärischen Eid zu brechen oder zu desertieren.
Gleichzeitig möchte ich allerdings meine traurige Prognose laut werden lassen. Die Frage, ob ein Christ im Krieg kämpfen sollte oder nicht, hat leider das Potenzial, auch in Deutschland viele Gemeinden zu spalten. In der Ukraine erlebten wir genau das, bedauerlicherweise.
„Niemand sollte diejenigen verurteilen, die Militärdienst leisten. Ebenso sollte niemand diejenigen zwingen, die aus einer tiefen Gewissensüberzeugung darum bitten, vom Wehrdienst mit der Waffe befreit zu werden.“
Kämpfen Sie derzeit als Soldat in der Armee?
Ich bin derzeit nicht beim Militär. Nach den Gesetzen unseres Landes wurde ich durch meinen Arbeitgeber offiziell für einen bestimmten Zeitraum von der Mobilmachung freigestellt.
Wollen Sie nicht kämpfen?
Eine Zeit lang habe ich über Gottes Willen bezüglich eines möglichen Dienstes in der Armee gebetet – als Militärseelsorger, da ich eine theologische Ausbildung habe und nach dem Gesetz als Seelsorger dienen könnte. Doch der Herr hat mir immer wieder gezeigt – unter anderem durch die gewährte Zurückstellung –, dass sein Wille zumindest im Moment darin besteht, dass ich im zivilen Bereich bleibe und meinen Dienst dort fortsetze, wo ich jetzt bin.
Ist die Frage, ob man mit einer Waffe kämpft, letztlich eine Gewissensfrage?
Meiner Meinung nach ja. Niemand sollte diejenigen verurteilen, die Militärdienst leisten. Ebenso sollte niemand diejenigen zwingen, die aus einer tiefen Gewissensüberzeugung darum bitten, vom Wehrdienst mit der Waffe befreit zu werden.
Was sollte die Kirche in einer Zeit wie dieser tun?
Während eines Krieges sollte die Kirche ein Ort sein, an dem Menschen Hoffnung in Gott finden und Heilung von den Wunden erfahren, die der Krieg hinterlässt.
Seelsorger – sowohl zivile als auch militärische – werden dabei eine wichtige Rolle spielen. Deshalb würde ich euch außerdem empfehlen, eine Ausbildung in der Seelsorge zu absolvieren, um Soldaten im Krieg besser zu dienen und ihnen das Evangelium Jesu Christi bezeugen zu können.
In Leipzig hat ein Zivilist die mit Sprengstoff bestückte Drohne unschädlich gemacht und mit Glück überlebt. Wie sollten Deutsche bei Drohnenangriffen reagieren?
Aus den Erfahrungen in der Ukraine würde ich empfehlen, Schutzräume aufzusuchen – etwa U-Bahn-Stationen, Tunnel, Keller oder Unterführungen. Die Geschichte des Zivilisten in Leipzig klingt heldenhaft, ist jedoch lebensgefährlich. Davon ist dringend abzuraten.
Hat sich Ihr Glaube an Jesus Christus durch den Krieg verändert und wenn ja, wie?
Mein Glaube an Christus ist nicht schwächer geworden – auch nicht angesichts der zunehmenden Angriffe und der steigenden Opferzahlen. Im Gegenteil: Unser Vertrauen auf Christus ist noch tiefer geworden. Wir dürfen immer wieder erleben, wie Jesus unsere Familie und unsere Gemeinde schützt und uns auf unterschiedliche Weise und durch verschiedene Menschen begegnet.
Wie geht es Ihrer Familie?
Wir leben, arbeiten und dienen weiterhin in Kiew. Während der Angriffe haben wir Angst, vor allem wenn wir Explosionen hören. Besonders unser kleiner Sohn hat davor Angst. Zur traurigen Wahrheit gehört allerdings auch, dass wir uns daran gewöhnt haben. Unsere Hoffnung hat weiterhin nur einen Mittelpunkt: Jesus Christus. Wenn Leid über uns kommt, zeigt sich, worauf unser Glaube wirklich gegründet ist. Wir beten weiterhin zu Gott für ein Ende des Krieges und für den Sieg in diesem Krieg gegen Russland. Wir glauben, dass Gott zu seiner Zeit seine Barmherzigkeit zeigen wird und wir Zeugen dieses Sieges sein werden.
Vielen Dank für das Interview.