Herr Klassen, wie wird man eigentlich Missionsflieger?
Jan Klassen: Ich war schon als Kind begeistert von Flugzeugen und wollte Pilot werden. Mit 18 Jahren habe ich die Arbeit von MAF kennengelernt. Dort konnte ich meine beiden Leidenschaften für den Glauben und das Fliegen verbinden. Ab da war klar, dass ich Missionspilot werden wollte.
Jetzt fliegen Sie seit 2020 für die MAF.
Ja, der Beruf braucht eine lange Vorbereitung. Ich war in der Bibelschule und habe die notwendigen Fluglizenzen gemacht. Dann gab es noch medizinische und psychologische Untersuchungen und ich musste die Ausbildung finanzieren und Flugpraxis sammeln. In der praktischen Ausbildung auf dem europäischen MAF-Standort in den Niederlanden haben mich ehemalige Missionspiloten mit den speziellen Herausforderungen der Missionsfliegerei vertraut gemacht.
Welche Herausforderungen sind das?
Bei einem klassischen Linienflug ist alles stark reguliert und läuft sehr schematisch ab. Als Pilot im Dschungel bin ich „Mädchen für alles“. Ich betanke und belade das Flugzeug, kümmere mich um die Passagiere. Mir sagt kein Tower die Windverhältnisse an. Es kann auch sein, dass sich Tiere oder Menschen auf der Landebahn befinden. Diese sind zum Teil nur 400 Meter lang und sehr steil, weil sie einfach in den Dschungel oder in Berghänge gebaut wurden. In Papua-Neuguinea sind schon viele Piloten ums Leben gekommen. Viele Landebahnen funktionieren wie eine Art Einbahnstraße. Es gibt beim Anflug irgendwann keinen Spielraum mehr um durchzustarten und ich muss landen. Dieses Risiko gibt es auf dem Flughafen in Frankfurt nicht.
Das heißt, Sie stoßen in vielen Situationen an Ihr Limit?
Vor unserem MAF-Hauptquartier steht ein Denkmal für die verstorbenen Piloten. Sie sind also sehr präsent. Zu Beginn meiner Arbeit war ich natürlich extrem nervös, wenn ich riskante Pisten angeflogen bin. Durch die Routine macht mich das Risiko nicht mehr so nervös wie früher. Außerdem mag ich es, das Flugzeug am absoluten technischen Limit zu beherrschen. Die vielen Risiken erinnern mich daran, wie fragil das Leben sein kann, aber mit viel Training und Routine lernen wir, Weise mit den Herausforderungen umzugehen. Aber natürlich hilft auch meine Glaubensperspektive.
Was sagt denn die Familie zu dem aufreibenden Job?
Die Kinder kennen es ja nicht anders. Natürlich vermissen sie mich, wenn ich lange unterwegs bin. Meine Frau hat mich kennengelernt, als ich dabei war Pilot zu werden. Es war nicht der Traum meiner Frau, Familie und Freunde zu verlassen, um am anderen Ende der Welt zu leben, aber sie weiß warum sie das Alles auf sich nimmt.
Wie ist MAF personell ausgestattet?
Im Moment arbeiten bei uns 16 Piloten, die meisten sind internationale Mitarbeiter. Wir haben zwei einheimische Piloten und noch ein Team an einheimischen Ingenieuren und Mechanikern, die die Flugzeuge warten. Es ist unser Ziel, die Aufgabe der Piloten perspektivisch mit mehr Einheimischen zu besetzen
Wie haben Sie sich als Familie auf ihre Aufenthaltsländer vorbereitet?
Die MAF ist meistens in Ländern, in denen die Situation angespannt ist. Deswegen müssen wir vor jedem Aufenthalt ein professionelles Training durchlaufen, in denen wir auch üben, wie wir uns etwa bei Entführungen, Straßensperren oder Kampfhandlungen verhalten. Wir werden auch auf die Kultur und die lokale Sprache vorbereitet.
In diesem Jahr haben Sie eine besondere Herausforderung gewagt…
Ich wollte schon immer mit dem Flugzeug in ein Buschdorf fliegen und von dort zurücklaufen. Diesen Wunsch haben wir mit Hilfe von Stammesmitgliedern erfüllt. Der Flug dorthin hat 20 Minuten gedauert, zurück waren wir zwei Tage unterwegs. Die Wanderung hat viele Risiken. Im Notfall hätten wir nur mit dem Hubschrauber gerettet werden können. Für mich war es auch eine demütigende Erfahrung. Ich behaupte mal, dass ich nicht unsportlich bin. Aber dann zu merken, wie schnell ich an mein Limit komme, während die Einheimischen davon noch weit entfernt sind, war brutal. Ich bin an manchen Passagen im Dschungel an meine Grenzen gestoßen. Während ich auf allen Vieren rückwärts ein rutschigen Abhang hinunterkletterte, hat mich eine Frau aufrecht laufend überholt, während sie ihr Baby auf dem Arm hielt und stillte. Das hat meine Perspektive noch einmal völlig geändert und wie sehr ich den Menschen mit meiner täglichen Arbeit helfe. Als wir abends im dichten Dschungel christliche Lieder gesungen haben, wurde es für mich emotional. Die Menschen hier leben so isoliert und wissen gleichzeitig, dass Gott auch hier ist und sie nicht vergisst. Das ist wertvoll.
Welche Rolle spielt der Glaube für die Menschen?
Offiziell ist das Land christianisiert. Aber die animistische Stammeskultur prägt das Land noch immer stark. In dieser Kultur ist die Rache ein wichtiges Element. Wird jemand aus einem Stamm getötet, geht es darum, dies zu rächen. Es ist wichtig, diesen Kreislauf zu unterbrechen. Die Missionare haben erzählt, dass es Vergebung gibt. Das kannten die Menschen nicht. Aber es ist wichtig, diesen Gedanken im Alltag umzusetzen. Jesus hat mir vergeben, damit ich meinen Feinden vergeben kann. Hier spielt ein Vers aus der Bibel eine wichtige Rolle, den ich immer überlesen habe.
Welcher ist das?
Gott sagt: „Die Rache ist mein, spricht der Herr.“ Wir brauchen uns nicht zu rächen, sondern können das alles bei Gott abgeben. Ich muss meinen Feinden vergeben und sie lieben. Das zu leben, ist unser größter Auftrag, Das kann verändern. An verschiedenen Stellen hat es schon geklappt, aber bei weitem noch nicht überall.
Wie lange möchten Sie den Job noch machen?
Mein aktueller Vertrag läuft bist 2029. Dann kommt unsere älteste Tochter in eine weiterführende Schule und wir müssen schauen, was das Sinnvollste ist. Unsere Kinder haben ihre Wurzeln in Deutschland und sollen diese Kultur auch richtig kennenlernen. Natürlich vermissen sie in Papua-Neuguinea auch ihre Großeltern. Aber unser Sohn hat dieser Tage erzählt, dass er wieder zurück zu seinen Freunden will. Generell kommen die Kinder aber gut klar mit dem Wechsel zwischen den Welten.
Vielen Dank für das Gespräch.
MAF ist ein internationaler christlicher Flugdienst, der sich dafür einsetzt, die Barrieren der Isolation zu überwinden. MAF bringt nach eigenen Angaben mithilfe der Luftfahrt Hilfe, Hoffnung und Heilung in die abgelegensten Gemeinden der Welt.