Constantin Schreiber steht auf einer Bühne in Berlin-Mitte. Der knapp 900 Personen fassende Saal ist abgedunkelt, nicht ganz gefüllt, und das, obwohl die Veranstaltung, die Schreiber hier moderiert, schon im Vorfeld für Furore sorgte. Denn der Titel dieser Late-Night-Show lautet „Hatikvah“, Hebräisch für Hoffnung. Es ist zugleich der Name der israelischen Nationalhymne.
Es soll ein Abend gegen Antisemitismus sein, geladen sind Gäste wie Starpianist Igor Levit, die ehemalige Grünen-Chefin Ricarda Lang oder der Bundesvorsitzende der Jungen Union, Johannes Winkel. Die Sicherheitsvorkehrungen waren im Vorfeld der Veranstaltung extra hochgeschraubt worden. Gegenüber der „Welt“ sprach Schreiber von Anfeindungen und Hass gegen ihn persönlich.
Tatsächlich werden die Taschen am Einlass kontrolliert, viel mehr merken die Gäste in der Berliner Urania an diesem Januarabend aber nicht davon. „Antisemitismus trägt heute nicht mehr Scheitel, er trägt Haltung“, sagt Schreiber dann einleitend, in Anzug und Sneakers gekleidet, auf der Bühne. „Oder Palästinensertuch“, fügt er hinzu und zielt damit auf die regelmäßigen pro-palästinensischen und oft antisemitisch ausufernden Proteste besonders in der Hauptstadt.
Dann nimmt er an einem von zwei auf die Bühne gerollten Flügeln Platz, im Hintergrund tönen „Free Palestine“-Rufe vom Band und wie aus Protest dagegen, beginnt er zu spielen. Dann auch tatsächlich die Hatikvah und gemeinsam mit niemand Geringerem als dem eingeladenen jüdischen Klaviervirtuosen Levit. Ein Duett, das Schreiber sich wohl persönlich gewünscht hat, denn immer wieder zeigt er auch in sozialen Medien, wie gerne er selbst die schwarz-weißen Tasten bedient.
Manchen mag das berühren, manchem ist es vielleicht einen Ticken zu viel des Guten, wie die beiden sich einträchtig im Takt wiegen, aber eines ist klar: Der Auftakt dieser Late-Night-Show zeigt ziemlich deutlich, wofür der Journalist Constantin Schreiber steht, seit er seine Arbeit als Tagesschausprecher an den Nagel hängte und im September 2025 „Global Reporter“ beim Medienhaus Springer, zeitweise auch mit Schwerpunkt Israel, wurde.
„Es gibt in Israel nur ein Thema:
Constantin Schreiber
Alles, was mit der Existenz dieses Staates zu tun hat.“
Einerseits blickt er weniger israelkritisch in den Nahen Osten als die meisten deutschen Journalisten vor Ort und hierzulande. Er wirkt stärker solidarisch, jüdischem Leben an sich zugewandt, auch wenn er immer wieder betont, die Regierung um Benjamin Netanjahu kritisch zu sehen. Andererseits sind Schreibers Berichterstattung und seine Herangehensweise geprägt von seiner eigenen Persönlichkeit und seinem subjektiven Erleben. Etwa wenn er Social-Media-Videos dreht, in denen er sich in seiner Wohnung in Tel Aviv zeigt und erklärt, warum er seine Schuhe vorsorglich aufschnürt, bevor er ins Bett geht. Damit er bei Raketenalarm schneller aus dem Gebäude hinaus und in Richtung Bunker kommt. Oder wie er nach Beginn des Irankrieges sich selbst auf dem Weg zum Bunker filmt und erklärt, er komme nicht mal mehr zum Duschen.
Schreiber ist das Gegenstück zu der Rolle geworden, die er bei der Tagesschau hatte: weniger neutral, mehr zuspitzend und sich selbst präsentierend. So fragte er noch Monate vor Kriegsbeginn und auf dem Höhepunkt der Proteste und einer Hinrichtungswelle im Iran in Richtung der Klima- und Palästina-Aktivistin Greta Thunberg in einem Social-Media-Video: „Greta, wo bist du? (…) Warum bist du ausgerechnet jetzt so still, wo du sonst immer so laut bist?“ Dabei sei sie doch allgegenwärtig bei allem, „was sich moralisch gut vermarkten lässt“. Nicht nur deshalb wirkt er manchmal wie Springers Antwort auf ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann, deren Berichterstattung manche als tendenziös und pro-palästinensisch einordnen und andere wiederum für preiswürdig halten.
„Die Gleichzeitigkeit vieler Dinge“
Zwei Monate später, wieder Berlin-Mitte. Schreiber betritt ein Café unweit des Deutschen Bundestages, zum Glück hat die Zugverbindung gehalten, was sie versprach, die Termine liegen etwas knapp an diesem Tag. Und vermutlich an fast jedem anderen Tag in Schreibers Leben ebenfalls. Er pendelte zeitweise zwischen Tel Aviv und Hamburg, war zwei Wochen bei der Familie, zwei Wochen im Nahen Osten, bevor Mitte April, Wochen nach diesem Treffen, dann bekannt wird, dass er künftig von Deutschland aus arbeiten wird. Doch auch hier folgt ein Termin auf den anderen. Eine „Gleichzeitigkeit von vielen Dingen“ nennt er das selbst.
An diesem Abend steht schon die nächste „Late Night“ in der Urania an, wieder zu einem umstrittenen und einem seiner Lieblingsthemen: Islam. Nur dass kaum einer mit ihm darüber sprechen wollte, zumindest von politischer Seite aus. Lars Castellucci immerhin kommt, der religionspolitische Sprecher und Innenexperte der SPD-Fraktion. Aber nicht einmal Alice Weidel wollte ansonsten zusagen.
Am Ende verläuft der Abend relativ harmlos, bis auf eine kleine Konfusion darüber, ob die SPD denn nun für oder gegen einen öffentlichen Muezzinruf in Deutschland sei, und den Unwillen Castelluccis, diese Frage eindeutig zu beantworten. So ist es öfter bei Schreiber in seiner neuen Rolle: Man erwartet den großen Knall, den großen Eklat, auch aufgrund seiner Themen, am Ende aber bleiben die Töne versöhnlich.
Aus einem Kriegsgebiet zu berichten, das sei in gewisser Weise neu für ihn, sagt er über seine Arbeit in Israel. Zwar war er zu Zeiten der Bürgerkriege im Tschad und in Somalia. „Aber es war noch nie so, dass ich in den Bunker musste.“ Angst sei aber nicht der Grund gewesen, warum er einige Wochen nach Kriegsbeginn zunächst die Segel strich und nach Hamburg zurückging und schließlich ganz dort blieb. Seine beiden noch kleinen Kinder hätten Angst um ihren Papa bekommen. „Und es wurde zunehmend schwierig, wegzukommen.“ Also reiste er damals über Jordanien aus.
Viele Jahre hat Schreiber schon in der Vergangenheit aus dem Nahen Osten berichtet, arbeitete nach einem Volontariat bei der „Deutschen Welle“ im Libanon, in Dubai oder in Kairo. Er moderierte Sendungen auf Arabisch und war Medienberater im Auswärtigen Amt zum Thema Naher Osten. Und doch sei die Aufgabe in Israel für ihn in mancher Hinsicht neu gewesen, sagt der 47-Jährige. „Es gibt in Israel nur ein Thema: Alles, was mit der Existenz dieses Staates zu tun hat.“ Etwas anderes erwarte die Öffentlichkeit nicht. Einfach so über jüdisches Leben zu berichten oder über etwas wie den Klimawandel in der Negev-Wüste sei kaum möglich.
„Die politische Situation überstrahlt alles“, sagt er und nennt ein Beispiel: „Selbst wenn ich mit der israelischen Autorin Zeruja Shalev rede, dann geht es darum, wie sie ihre Romane jetzt vorstellt in der Kriegssituation.“ Noch etwas sei neu: „Die Masse an Hassnachrichten, die ich bekam, als ich in Israel war, stellt alles in den Schatten.“ Sogar seine Erfahrungen mit dem Islam-Thema.
Über den Islam reden
2017 erschien Schreibers Buch „Inside Islam“, für das er recherchierte, was in deutschen Moscheen gepredigt wird – wobei er auf erschütternd viele antidemokratische Inhalte stieß. 2019 folgte „Kinder des Koran“, für das er Schulbücher in muslimischen Ländern untersuchte und Antisemitismus, Sexismus und religiöse Intoleranz darin fand. Beide Bücher sind Bestseller, führten aber auch dazu, dass Schreiber seither für viele das Label eines Islamhassers trägt.
Er selbst weist das von sich. Weil er das Thema spannend finde, setze er sich auch kritisch damit auseinander, erklärte er jüngst in seinem eigenen Podcast. Einen Politikjournalisten in Berlin würde man ja auch nicht als „politophob“ bezeichnen, so Schreiber. Warum ihn dann als „islamophob“? Anfang Oktober erscheint ein neues Buch von ihm, mit dem er wohl auch diesem Vorwurf entgegenwirken könnte. Der versöhnlich klingende Titel laut Ankündigung: „Die Kraft des Islam. Wie wir auf ein neues islamisches Zeitalter zusteuern“. Schreiber selbst bezeichnet sich als nicht religiös.
„Vielleicht haben sich die Zeiten geändert. Vielleicht sollte man nicht mehr leise sein.“
Constantin Schreiber
Im Jahr 2023, als er noch „Tagesschau“-Sprecher war, erklärte er nach Attacken und Drohungen gegen sich, er wolle nicht mehr über den Islam sprechen. Vor allem, weil es nicht zu seiner Rolle als neutrales Gesicht der Nachrichtensendung passe. 2025 mit dem neuen Job revidierte er das. Er sei zwar nicht Journalist geworden, um sich beschimpfen zu lassen. Doch: „Vielleicht haben sich die Zeiten geändert. Vielleicht sollte man nicht mehr leise sein“, sagt er im Gespräch mit PRO.
Dass er das auch mit Blick auf Nahost nicht ist, hat Folgen. Die Hälfte der negativen Zuschriften, die er erhalte, seien „blutrünstig“, von Gewaltfantasien bis Morddrohungen, vor allem aus dem muslimischen Bereich oder dem linksextremen. Leiser wird er deshalb nicht, auch nicht im PRO-Interview: „Ich habe keinerlei Sympathie für die israelische Regierung und ich finde die Siedlergewalt schlimm und die Art, wie in Gaza militärisch vorgegangen wird. Aber die viel größere Gefahr ist doch nicht, was Medien thematisieren, sondern, was sie nicht thematisieren: Was die Hamas für eine Ideologie vertritt. Wie es in anderen Regionen des Nahen Ostens mit zivilen Rechten zugeht. Wenn man das nicht erzählt, dann entsteht ein schiefes Bild von Gut und Böse.“
Das habe er auch gegenüber deutschen Kollegen in Israel schon angemerkt und Unverständnis geerntet. „Wenn ich sagen müsste, wer im Nahen Osten die finstereren Ziele verfolgt – Menschenverachtung und Auslöschungsfantasien – dann sind die Israelis nicht die Bösen. Die richtig Bösen sitzen woanders.“ Das komme in Teilen der Berichterstattung zu kurz. Nur dass Schreiber nicht mehr maßgeblich für Springer verantwortlich ist, daran etwas zu ändern. Der frühere „Welt“-Chefredakteur Jan Philipp Burgard berichtet seit Mai aus Tel Aviv. Schreiber werde sich zwar weiter mit dem Thema beschäftigen, wolle sich aber künftig stärker der Podcast-Entwicklung widmen. So zumindest heißt es offiziell auf Nachfrage.
Was Schreiber auch will, ist, einer in seinen Augen neuen Rolle von Journalismus gerecht zu werden. Es gebe eine Sehnsucht danach, sich mit Personen und Gesichtern zu identifizieren. „Darin sehe ich Chancen, Menschen an mich zu binden und sie mitzunehmen. Ich mache das gerne“, erklärt er seine persönlicheren Videos und Posts, die ihm durchaus auch schon Kritik eingebracht haben.
Etwa vom Autor der „Süddeutschen Zeitung“, Bernhard Heckler, der ihm in einem satirischen Text Selbstdarstellung vorwarf, weil er sich in engsitzenden Shirts ablichte und überhaupt zu häufig selbst in den Mittelpunkt stelle. Schreiber antwortete darauf – gewohnt freundlich im Ton und doch eine Art umgedrehten Sexismus erahnend. „Es gehört aber auch dazu, sowas auszuhalten“, sagt er heute auf die Medienberichte über seine Person angesprochen.
Und wie geht es eigentlich der Familie in Hamburg mit all dem? Er zögert etwas, überlegt, wie viel Privates er preisgeben will, und antwortet dann ungewohnt knapp: Mit der Familie stimme er alles ab. „Keine Kamikaze-Aktionen“, sagt er. Dann ist er weg zum nächsten Termin. Um der Gleichzeitigkeit der Dinge gerecht zu werden.
Der Artikel ist erstmals in der Ausgabe 3/2026 des Christlichen Medienmagazins PRO erschienen. Das Heft können Sie hier kostenlos bestellen.