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Meinung

Aus dem Ruder gelaufen

Wie sieht Deutschland in 20 Jahren aus? „Tagesschau“-Sprecher Constantin Schreiber spitzt gegenwärtige gesellschaftliche Trends und Spannungen zu und entwirft mit seinem Roman-Debüt „Die Kandidatin“ eine nicht unbedingt schöne neue Welt.
Von PRO
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Constantin Schreiber, DIe Kandidatin Foto: Hans Scherhaufer
„Die Kandidatin“ ist der erste Roman des Journalisten Constantin Schreiber. Zuvor hat er bereits mehrere Sachbücher veröffentlicht.

Alles perfekt. Optisch, inhaltlich. Ein Leben ohne Makel. Das gilt in einer schönen neuen Welt, die das politisch Korrekte zum Maß aller Dinge gesetzt hat; die eine Gesellschaft sein und zumindest schaffen will, in der Diversität die „Conditio sine qua non“ ist. So jedenfalls würde Jette diese unabdingbare Voraussetzung nennen, die das Miteinander im Deutschland der 2040er-Jahre bestimmen soll. Die hochgebildete Frau ebnet als Büroleiterin ihrer Chefin den Weg. Zielstrebig, effizient, klar. Und weil Sabah Hussein dem Portfolio der idealen Kanzlerin entspricht – sie ist mit Mitte vierzig jung, aber schon erfahren, weiblich, feministisch, Migrantin, Muslima, Mitglied der Ökologischen Partei – tritt auch Jette an, das Zentrum der Macht zu erobern.

Doch auch wenn die Wahl schon im Vorfeld gelaufen scheint (Bauer, der Gegenkandidat von der Christlichen Partei Deutschlands, ist wohl das, was man einen alten weißen Mann nennt), geraten die Dinge aus dem Ruder. Bestgehütete Geheimnisse aus Husseins Leben werden an die Presse (oder das, was von ihr noch übrig ist) durchgestochen, von rechts wächst Widerstand, der auch Gewalt nicht scheut, die Stimmung im Land wird zusehends explosiv …

Das Buch

Cover, Constantin Schreiber ”Die Kandidatin“ Foto: Hoffmann und Campe

Constantin Schreiber: Die Kandidatin. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2021, 208 Seiten, 22 Euro

Constantin Schreiber begleitet in seinem Roman-Debüt „Die Kandidatin“ die „Kanzler:innen“-Anwärterin in den Wochen vor der Entscheidung. Kenntnisreich zeichnet er Husseins biografischen und auch religiösen Hintergrund nach, stellt sie als eine durchaus sympathische Frau vor, die es zu Recht nach oben geschafft hat. Das Deutschland, in dem er seine Geschichte spielen lässt, ist eines, in dem sich offensichtlich die „Gutmenschen“ durchgesetzt haben. Vielfalt ist via Quote Programm, Diskriminierung zu ahnden. Die Richterin darf Kopftuch tragen und im interreligiösen Gotteshaus singt man gemeinsam das Hohelied der „Diversity“.

Nebenbei: Das „Ave Maria“ ertönt beim Besuch der Noch-Kanzlerin in China, wo es in Sachen Menschenrechte keinen Forschritt gibt, wohl aber in der Bewahrung mancher Errungenschaft des christlichen Abendlands. Die Kirche hat das Kreuz abgeschafft, zeigt Blumen statt Dornen – und so zieht es die als „evangelikal“ Etikettierten nach Neu-Gotenhafen, in ein Reich, das auf Gottesfurcht und deutscher Heimat wurzeln will, aber vor allem Wut und Hass den Boden bereitet.

In welcher Welt wollen wir leben?

Der Kosmos, den Constantin Schreiber beschreibt, wirkt apokalyptisch. Aber dieses Zeitengemälde ist nicht viel mehr als die auch ironisch verdichtete Summe dessen, was sich 2021 an gesellschaftspolitischen Trends und Gegentrends zeigt. Der Grimme-Preisträger, Autor („Marhaba, Flüchtling!“) und „Tagesschau“-Sprecher gilt als ausgewiesener Islam-Kenner und der „Islamophobie“ unverdächtig. Doch sein Buch – Anklänge an Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ sind unverkennbar – könnte Wasser auf die Mühlen rechtskonservativer Kreise sein. Ungewollt naiv oder kühl kalkuliert? Wer weiß … Immerhin strampelt sich Schreiber längst in Interviews (etwa im „Zeit“-Streitgespräch mit der Publizistin Khola Maryam Hübsch) dabei ab, zu sagen, was er nicht will und nicht sagt, behauptet oder denkt.

Egal wie: Im besten Fall stellt „Die Kandidatin“ die Frage danach, in welcher Welt wir leben wollen. Am liebsten doch in einer, in der die Würde jedes Menschen unantastbar ist. Oder!?

Von: Claudia Irle-Utsch

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Eine Antwort

  1. Der Roman zeichnet das Zukunftsbild eines Deutschlands, das mit vielen Details nur den laufenden Debatten entnommen sind. Schreiber hat die Forderungen und Empfindlichkeiten der Diversitätsaktivisten jedweder Couleur und Partei gesammelt und daraus lediglich abgeleitet, wie unsere Gesellschaft aussähe, wenn sie das alles konsequent umsetzen würde.
    Gezeichnet wird als Ergebnis ein Deutschland, in dem sich alles um Diversität, Identität, Gender, Quote und politische Korrektheit dreht.
    Die eigentliche Frage, die der Roman uns stellt, lautet damit:
    Wollen wir in Zukunft tatsächlich so leben?
    – und falls nein: Wie könnten wir das denn noch verhindern?

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