Rezension

Neues Buch „Communion“: Vance will an seinen Früchten erkannt werden

Den US-Vizepräsidenten J.D. Vance sehen viele Deutsche wohl ebenso skeptisch wie seinen Chef Donald Trump. In einem neuen Buch über sein Glaubensleben schlägt der evangelikal aufgewachsene heutige Katholik aber erstaunlich versöhnliche Töne an.
Von Anna Lutz
J. D. Vance

Das Überraschendste an den nun auf Englisch erschienenen Glaubensmemoiren von J.D. Vance ist wohl, dass sie wirklich spannend zu lesen sind. Ja, fast wünscht man sich, ein deutscher Politiker würde sich auch einmal dazu hinreißen lassen, so über sein Innerstes und die Fallstricke in seinem Leben zu schreiben, wie dieser US-Vizepräsident, der von vielen als religiöser Hardliner und von manchen als Nachfolger Donald Trumps gehandelt wird. 

Im Mitte Juni erschienenen Buch „Communion: Finding my Way back to Faith“ (auf Deutsch: „Kommunion: Wie ich den Weg zurück zum Glauben fand“) erzählt Vance selbst von seinem evangelikalen Aufwachsen, davon, wie er sich als Soldat und später auf der Universität Yale vom Glauben abwandte und dann schließlich auch wegen seiner nichtchristlichen Frau Usha katholisch taufen ließ. 

Vielleicht brauchen Zeiten wie diese Bücher wie dieses 

Es ist eine Geschichte über schlimme Familienverhältnisse, Glaubensvorbilder, Zweifel im Angesicht des Leids und der Ratio und eine über die große Liebe. Mancher europäische Leser mag das übertrieben finden, unwürdig für einen Weltpolitiker vielleicht sogar. Aber man kann entgegnen: Nahbarkeit wie diese macht auch Politik nahbar für jene, die sich schwertun mit „denen da oben“. Vielleicht brauchen Zeiten wie diese Bücher wie dieses. 

Vance ist ein erfahrener Buchautor, schon bevor er es zu weltweitem politischem Ruhm brachte, veröffentlichte er 2016 den Bestseller „Hillbilly-Elegie: Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise“, das mitunter das Magazin „Der Spiegel“ als klug und mitreißend lobte. Auch „Communion“ ist autobiografisch, es erzählt aber weniger von den schlechten Verhältnissen, aus denen Vance kommt und wie er es zu Erfolg brachte, sondern es fokussiert fast komplett auf den Glauben – mit einigen Ausflügen in die politische Theorie freilich, die für Vance fest verknüpft ist mit seinem christlichen Wertefundament. 

Foto: William Collins | All Rights Reserved
„Communion“ ist im US-Verlag William Collins erschienen

Der Republikaner stammt aus einer Arbeiterfamilie, seine Mutter war drogenabhängig, der Vater verließ die Familie. Vance wuchs bei seinen Großeltern auf, besonders seine evangelikale Großmutter beschreibt er als Vorbild in Glaubensdingen. Und er erinnert sich wohlwollend an die frommen Kirchen seiner Kindheit: „Ich habe mich nie willkommener gefühlt als damals als Kind, wenn ich in eine Kirche der Südlichen Baptisten oder in eine Pfingstgemeinde kam“, schreibt er. 

Oder: „Ich lernte viele gute Dinge dort. Ich lernte, dass Gott uns liebte, dass er unser Bestes von uns verlangte, aber das Schlimmste vergab. Ich lernte, dass Gemeinschaft wichtig war, ebenso in der Anbetung des Göttlichen wie auch in der Art, wie wir einander hier auf der Erde unterstützen.“ Und Vance beschreibt die Kirche ganz positiv als antirassistischen Ort, wo Schwarze und Weiße nebeneinander sitzen in Gemeinschaft. Eher negativ aber bewertet er eine Wissenschaftsfeindlichkeit im Kontext der Kirche. Die wird ihn neben anderen Motiven später sogar vom Glauben wegbringen. 

„Ich hasste die Selbstzufriedenheit und die irrelevanten Predigten“

Im Jahr 2005 ist Vance Soldat der US-Marines und geht in den Irak. Seiner Mutter geht es schlecht, die Familie ist finanziell gebeutelt. Immer mehr bekommt Vance den Eindruck, die Pastoren seiner Heimatkirchen hätten keine Ahnung vom echten Leben. Er hört Predigten über den Wert der Familie von Geistlichen, die kaum je wirkliches Leid in der Familie erlebt zu haben scheinen. Als dann auch noch die geliebte Großmutter stirbt und Vance in den Irak aufbrechen muss, fragt er sich wieder: Wo ist die Kirche? Wer ist die Kirche? Was hat sie mit meinem Leben zu tun? „Ich hasste alles daran – die Selbstzufriedenheit und die irrelevanten Predigten über die Entrückung.“

Im Irak trifft Vance auf Muslime, die er für integer hält – im Gegensatz zu vielen Christen. Und zurück in den USA ist er auf dem College damit konfrontiert, dass der biblische Kreationismus seiner Kindheit von vielen belächelt wird und den auch er selbst bald kaum noch ernst nimmt. „Meinen Weg zum Atheismus haben nicht Bücher oder Ideen gepflastert, sondern es waren Trauer und ein Gefühl, betrogen worden zu sein.“

„Ich wollte nur gewinnen“

Um sich aus den Umständen seines Aufwachsens zu befreien, arbeitet Vance hart. Er bewirbt sich an den besten Unis des Landes, studiert schließlich Jura in Yale, strebt das Amt eines Verfassungsrichters an. „Es war mir alles egal, ich wollte nur gewinnen“, beschreibt er sein Lebensgefühl von damals. 

Und doch bleibt da diese Lücke. Eine Lücke des Glaubens vielleicht, zunächst aber vor allem eine der Berufung. Wofür das alles, fragt Vance sich als junger Mann immer öfter. Und merkt nach Jahren des Erfolges im Studium: Er will eigentlich vor allem eine Familie. Einmal ein guter Vater sein, im Gegensatz zu seinem eigenen. Über seine hochgebildeten Mitstudenten, süchtig nach Erfolg, sagt er: „Ich hatte gedacht, diese Menschen wären erleuchtet – verglichen mit den evangelikalen Christen, die ich hinter mir gelassen hatte. Aber ich begann zu sehen, dass sie genauso fertig waren wie alle anderen auch.“ 

Vance beginnt, sich mit den Schriften und Geschichten von Augustinus, C. S. Lewis oder auch J. R. R. Tolkien zu beschäftigen. Zum ersten Mal erscheint ihm der Glaube nicht nur als tumbe Ideologie, sondern als intellektuell tief, die Bibel eröffnet sich ihm als spirituelle Quelle, die mit und nicht unter Ausschluss des Verstandes zu lesen ist. Und er trifft seine indischstämmige Frau Usha, heute die Mutter seiner vier Kinder. Sie ist trotz ihres hinduistischen Hintergrunds die treibende Kraft hinter Vance’s Bekehrung. Sie habe ihn immer angeleitet, nach der Wahrheit zu suchen, beschreibt er das. 

Gottesdienst als Therapie

Und Usha bringt Vance dazu, seine familiären Traumata aufzuarbeiten – zuerst mithilfe eines Therapeuten. Als das für Vance aber nicht funktioniert, werden Gottesdienste, Gespräche mit Priestern, die Bibel und die Beichte für ihn zur Therapie. „Ich werde meiner Vergangenheit nicht entkommen. Aber mit Gottes Gnade wird sie mich nie beherrschen“, lernt Vance unter anderem aus dem Zweiten Korintherbrief 4,7: „So wird jeder erkennen, dass die außerordentliche Kraft, die in uns wirkt, von Gott kommt und nicht von uns selbst.“ Heute geht Vance jede Woche mit seiner Familie in den Gottesdienst. Es ist ein Familienritual, auch für seine nichtchristliche Frau. 

Am Ende ist es die Geburt seines ersten Sohnes, die Überzeugung, dass er seinen Kindern ein guter christlicher Vater sein will, die Nähe zu katholischen Geistlichen und die Erkenntnis, dass vor allem die katholischen Schriften seinen Intellekt beflügeln, die Vance 2019 dazu bringen, sich katholisch taufen zu lassen. Seine Glaubensmemoiren sind eindrücklich, glaubhaft, und vermutlich sogar für viele Christen nachvollziehbar, die Vance bisher nur als etwas weniger hitzigen Side-Kick des US-Präsidenten wahrgenommen haben.

Ist die Trump-Regierung ein guter Baum?

Und doch wirft sein Buch Fragen auf. Denn gleich zu Beginn benennt er seine Lieblingsbibelstelle, die vor allem deshalb bemerkenswert ist, weil sie die Messlatte für das eigene politische Handeln kaum höher legen könnte: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“, aus dem Matthäusevangelium. Weiter heißt es da: „Ein guter Baum bringt gute Früchte und ein kranker Baum schlechte.“ Ist Vance selbst, ja ist die Trump-Administration nun ein guter Baum oder ein schlechter? Man denke an den Umgang der US-Regierung mit Migranten, an den Irankrieg, an die Zölle auf ausländische Produkte für den US-Markt: Sollen das gute Früchte sein? Sogar ein Streit mit dem Papst selbst steht auf der Liste der fragwürdigen Aktionen der US-Regierung unter Trump und Vance. 

Antworten darauf sucht man in „Communion“ vergebens. Stattdessen lässt das Buch einen mit vielen Fragen zurück. Sollte dieser Machtpolitiker, der sich besonders auch bei jungen Rechten in den USA in Stellung für die nächste Präsidentenwahl bringt, tatsächlich zugleich ein ehrlich glaubender Christ sein, der seine Ehefrau über alles liebt, stolz davon erzählt, wie viele Windeln er gewechselt hat und christliche Denker sowie griechische Philosophen aus dem Stand zitieren kann? Ist derselbe Mensch, der beherzt darüber schreibt, wie Christus alle eins gemacht, hat auch der, der sich darüber empört, dass ein deutscher Kanzler Olaf Scholz bei seiner Vereidigung nicht auf Gott und die Bibel geschworen hat und in diesem Fakt Zeichen für den Untergang des christlichen Abendlandes verborgen sieht?

Vance schreibt sich selbst ins Gewissen

Die Antwort ist ja. Und vielleicht ist genau das die Lehre aus diesem lesenswerten Buch. Aufrichtiges Christsein hat kein Parteibuch und auch keine politische Farbe. Glaube ist nicht zu beurteilen. Ganz im Gegensatz übrigens zu politischem Handeln, das nämlich kann unchristlich sein. Vance selbst beschreibt das in seinem Buch und schreibt es damit auch sich selbst und der MAGA-Bewegung ins Gewissen. 

So erinnert er sich etwa an Papst Franziskus, den er noch einen Tag vor dessen Tod traf. Einen Papst, der die USA unter Donald Trump für ihre restriktive Migrationspolitik kritisierte: „Sehr oft fühlte ich mich augenblicklich genervt von einem Kommentar, den er machte, aber dann las ich mehr und lernte etwas, das meinen Horizont erweiterte. War ich oft uneinig mit ihm? Sicher. Ich bin mit vielen Leuten uneinig, die mich dennoch zum Nachdenken bringen.“ Man darf hoffen, dass Vance sich an die eigenen Worte erinnert. Besonders dann, wenn er wirklich Nachfolger Donald Trumps werden sollte. Sein Buch jedenfalls ist zum einen ein knallkonservativer Seufzer ob verloren gegangener christlicher Werte in der westlichen Welt. Zum anderen aber auch ein ehrlicher Einblick in eine Spitzenpolitikerseele, der seinesgleichen sucht. 

Helfen Sie PRO mit einer Spende
Bei PRO sind alle Artikel frei zugänglich und kostenlos - und das soll auch so bleiben. PRO finanziert sich durch freiwillige Spenden. Unterstützen Sie jetzt PRO mit Ihrer Spende.

Ihre Nachricht an die Redaktion

Sie haben Fragen, Kritik, Lob oder Anregungen? Dann schreiben Sie gerne eine Nachricht direkt an die PRO-Redaktion.

PRO-App installieren
und nichts mehr verpassen

So geht's:

1.  Auf „Teilen“ tippen
2. „Zum Home-Bildschirm“ wählen