In Klöstern treffen jahrhundertealte Ordensregeln auf neue Technologien wie die Digitalisierung. Schon immer hatten sie mit Neuerungen zu tun. Manchmal lehnten die Ordensleute sie ab, manchmal integrierten sie sie in ihr eigentlich abgeschottetes Leben, das sie in den Dienst der religiösen Kontemplation gestellt haben. Forscher der Universität Zürich sind der Frage nachgegangen: Warum haben Klöster Jahrhunderte überdauert, obwohl immer wieder technische Neuerungen der Gesellschaft auf sie einprasselten? Und was können moderne Organisationen daraus lernen?
Die Sozialwissenschaftlerin Katja Rost und der Soziologe Jan Simon Danko untersuchten 112 katholische Klöster in Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz. Ihre Studienergebnisse legen nahe, dass einige katholische Orden andere überlebt haben, indem sie wirtschaftliche Selbstversorgung mit dezentraler, demokratischer Entscheidungsfindung und internen Kontrollmechanismen verbanden.
Klöster sind älter als die Hanse oder das Britische Empire
Ältere Organisationen seien einem höheren Risiko der Disruption, also tiefgreifenden Veränderungen, durch moderne Technologien ausgesetzt, schreiben die Studienautoren. „Gleichzeitig können sie ihre geprägten Strukturen und Prozesse jedoch auch zu ihrem Vorteil nutzen.“ Dieser Prozess wird als Exaptation bezeichnet. Als Beispiel nennen die Forscher die Federn der Dinosaurier, die ursprünglich als Wärmeschutz dienten, sich jedoch weiterentwickelten und schließlich Millionen Jahre später Vögeln das Fliegen ermöglichten.
Zu Organisationen, die über eine lange Dauer Bestand hatten, gehören neben religiösen Organisationen auch Handelsverbände wie die Hanse, das britische Königreich und das japanische Kaiserhaus sowie einige Familienunternehmen, Banken und Universitäten. Doch katholische Klöster stechen mit einer durchschnittlichen Lebensdauer von 500 Jahren hervor. Die Gründung der ältesten noch bestehenden Klostergemeinschaften reicht mehr als 1.500 Jahre zurück. Diese Organisationen passen sich weiterhin den sich wandelnden technologischen Gegebenheiten an, erklären die Forscher.
Wirtschaftliche Autonomie im Kloster begünstigt Digitalisierung
Diese ermittelten für ihre Studie neben dem Alter des Ordens die jeweilige Organisationsstruktur, darunter auch das Ausmaß externer Kontrollen der Regelkonformität sowie das Ausmaß der demokratischen Partizipation bei der Wahl und Kontrolle der Gemeindevorsteher. Außerdem ermittelten die Forscher den Grad der Digitalisierung. Diesen bemaßen sie anhand von Kriterien wie der Anzahl der angebotenen digitalen Dienste, dem digitalen Zugang und den digitalen Kompetenzen der Gemeinschaft, der Präsenz in verschiedenen sozialen Medien bis hin zur Anzahl von Likes und Followern sowie der Vielfalt der Bilder und Beiträge dort.
Zwischen 2022 und 2023 verbrachte der Erstautor der Studie zudem jeweils eine Woche bei Mönchen und führte über 36 Interviews. Klöster, die auf wirtschaftliche Autonomie ausgerichtet sind, bieten demnach tendenziell mehr digitale Dienstleistungen an, haben einen höheren Bedarf an Digitalisierung und sind in den sozialen Medien stärker präsent. Ein ausgeprägtes Engagement für spirituelle Dienstleistungen scheint ebenfalls die Anzahl digitaler Angebote zu erhöhen, so die Forscher.
„Der heilige Benedikt hätte vermutlich eine Regel zum Internet verfasst“
Den größten Einfluss hatte aber die Dezentralisierung von Entscheidungsbefugnissen und internen Kontrollmechanismen auf die Digitalisierung, lautete eine Erkenntnis. Das Alter des jeweiligen Klosters benachteiligte jedenfalls nicht die Implementierung der Digitalisierung. Ein Mönch eines Schweizer Benediktinerklosters sagte den Autoren: „Unsere traditionelle Schule war schon immer ein Motor für Innovationen in unserer Gemeinschaft. Tatsächlich haben wir durch die Schule als Erste Computer eingeführt, was uns geholfen hat, neue Technologien früher zu adaptieren, als wir es sonst getan hätten.“
Der Abt eines österreichischen Benediktinerklosters erklärte: „Der heilige Benedikt hätte vermutlich eine Regel zum Internet verfasst, doch die Entwicklung hat uns überholt. Ersetzt man jedoch ‚Alkohol‘ durch ‚Internet‘, ist die Regel erstaunlicherweise auch heute noch aktuell.“ Ein anderer Abt sagte: „Die Digitalisierung ist Fluch und Segen zugleich. Es bedarf ständiger Reflexion darüber, welche Technologien für die Gemeinschaft und ihre Aufgaben notwendig und welche eher schädlich sind.“ Die Forscher fassen zusammen: Ihre Studie widerspreche der verbreiteten Annahme, dass alte Organisationen zwangsläufig träge und innovationsfeindlich werden.
Papst Franziskus hatte 40 Millionen Follower auf „Twitter“
Die Digitalisierung werde in Klöstern keineswegs aber nur positiv gesehen. Besonders ältere Orden erleben Internet und Social Media oft als Eingriff in ihre sakralen Routinen. Ein Abt meinte: „Seit dem Smartphone ist die Klausur Geschichte.“ Gerade wegen dieser Vorsicht integrieren diese Gemeinschaften digitale Technologien oft besonders selektiv.
Das Internet und soziale Medien werden mitunter als Versuchung zur Sünde betrachtet, die den Lebensstil dieser Gemeinschaften stört und ihre religiösen Überzeugungen gefährdet. Digitale Praktiken werden oft als Ablenkung gesehen, die zu moralischen Verfehlungen führt und die Gefahr der Verschwendung birgt. „Tatsächlich führt die Digitalisierung mittlerweile dazu, dass Kirchen leer stehen, da alternative Online-Dienste die Existenz religiöser Organisationen bedrohen“, schreiben die Autoren.
Gleichzeitig hätten viele religiöse Organisationen auch das positive Potenzial der Digitalisierung erkannt, beispielsweise die Erweiterung ihrer Reichweite und den Ausbau ihrer Betätigungsfelder, Schulen und ihres sozialen Engagements. Entgegen der landläufigen Meinung seien Klöster aber oft digitalisierungsfreundlich. „Der Vatikan beispielsweise nutzt Filme und Massenmedien bereits seit den 1920er Jahren und hat päpstliche Dekrete veröffentlicht, die diesen Ansatz befürworten.“ Die Wissenschaftler merken an: Am 11. Oktober 2017 überschritt Papst Franziskus die Marke von 40 Millionen Followern auf Twitter (heute „X“) und erreichte damit in etwa die gleiche Anzahl wie US-Präsident Donald Trump.
„Kontemplation war schon immer eine Herausforderung“
Die noch bestehenden katholischen Orden stünden aktuell vor enormen Herausforderungen, ist den Forschern bewusst. Diese reichten von der Digitalisierung bis hin zu ihrem Organisationsmodell, nämlich ihrem asketischen und transzendenzorientierten Lebensstil.
Alle besuchten Klöster hatten digitale Technologien in ihren Alltag integriert, wenngleich der Grad der Nutzung stark variierte. „Ein besonders fortschrittliches Beispiel war ein Benediktinerkloster in der Schweiz“, schreiben die Autoren. „Es hat zwei Apps entwickelt, ist auf verschiedenen Social-Media-Kanälen aktiv, nutzt digitale Medien in der angeschlossenen Schule und bietet Gottesdienste per Livestream an.“ Ein Mönch sagte den Forschern: „Kontemplation war schon immer eine Herausforderung, es gab schon immer Ablenkungen, in diesem Sinne ist die Digitalisierung nichts Neues.“