Wer sich in den Schoß der Kirche begibt, muss aufpassen, dass er nicht übers Ohr gehauen wird. Missbrauch in der Kirche muss nicht immer sexueller Natur sein. Aber auch in diesem Skandal geht es um die Arroganz der Kirche Frauen gegenüber, die es wagen, lediglich ihre Rechte einzufordern. Hier sind es sogar Frauen, die sich ihr Leben lang für diese Kirche eingesetzt haben, am Ende ihres Lebens aber missbraucht, verraten und bestohlen werden. Anders lässt sich das äußerst lesenswerte, gut recherchierte und geschriebene Büchlein „Nicht mit uns!“ der österreichischen Journalistin Edith Meinhart nicht angemessen einordnen. Ihr Buch ist die Chronik eines ungeheuerlichen kirchlichen Skandals und zugleich ein Lehrstück in Sachen Medien und Kirche.
Die „Klosterbesetzung“ sorgte international für Schlagzeilen. Nicht nur österreichische und deutsche Medien berichteten, auch BBC, Reuters, CNN sowie spanische, finnische, norwegische, französische und italienische Zeitungen und Fernsehstationen. In den sozialen Medien erregte der Fall große emotionale Aufmerksamkeit. Ohne ihre Einwilligung wurden die drei Ordensschwestern Bernadette (88), Regina (86) und Rita (82) 2023 in ein Pflegeheim geschickt. Und das ausgerechnet auf Betreiben des Propstes Markus Grasl, den sie als ihren Ordensoberen selbst auserkoren hatten. Sie kannten den heute 45-Jährigen schon als jungen Ministranten und vertrauten ihm blind.
Niemand hatte mit den Seniorinnen gesprochen, niemand beachtete ihren Willen. Unter großer Medienaufmerksamkeit verließen sie daraufhin im September 2025 das Altersheim, in das sie gesteckt worden waren, um wieder in das Kloster zu ziehen, das sie 60 Jahre lang bewohnt hatten, um das sie sich gekümmert und in dem sie als Lehrerinnen gearbeitet hatten.
Drehbuch für einen „David-gegen-Goliath-Film“
Die Ordensschwestern waren die letzten drei Nonnen des Klosters Goldenstein bei Salzburg. Über 150 Jahre lang haben Augustiner-Chorfrauen hier eine Ordensschule geführt, aber der geistliche Nachwuchs blieb seit Langem aus. Normalerweise ist eine solche Auflösung eines Klosters vom Vatikan geregelt. Hier übernahm Probst Markus Grasl das Ruder, und das offenbar ohne Rücksprache mit den Betroffenen.
Als Schwester Bernadette am 3. Dezember 2023 nach einem Krankenhausaufenthalt eigentlich wieder in ihr Zuhause ins Kloster Goldenstein wollte, wurde sie in eine Seniorenresidenz gebracht. Die verdatterte Ordensfrau hatte nur ihr Nachthemd bei sich, ihren Rollator und den Ordenshabit. Keine Seife, Zahnpasta noch Haarbürste. Ähnlich erging es den anderen beiden Ordensschwestern.
Propst Grasl schickte den Damen ein monatliches Taschengeld – 50 Euro oder etwas mehr. Dabei steht den ehemaligen Lehrerinnen nicht nur ihre Rente zu, sondern sie verfügten auch über eigenes angespartes Vermögen, teilweise Erbschaften der Eltern. Nichts mehr davon war da. Ihr Konto – gesperrt. Plötzlich mittellos, waren sie auf die Almosen ihres Probstes angewiesen, „flüchten“ konnten sie kaum. Zuvor hatte der Geistliche bereits eigenmächtig und ohne die Damen zu informieren die Autos – einen Peugeot und einen Mitsubishi – verkauft. Geld hatten die Nonnen dafür nie gesehen.
Die Schwestern holten sich einen Anwalt. Doch Propst Grasl reagierte mit Drohungen. In seiner „monitio canonica“ wirft der den Damen „hartnäckigen Ungehorsam“ vor, er erteile „eine erste kanonische Verwarnung“. Er drohte, wenn sie den Anwalt nicht zurückziehen, würden sie aus dem Orden entlassen. Ja, richtig gelesen.
Der Anwalt der Nonnen wandte sich an die Polizei und äußerte Verdacht auf Veruntreuung und Unterschlagung. Sein zehn Seiten langer Bericht las sich laut Meinhart „wie das Drehbuch für ein hollywoodreifes David-gegen-Goliath-Epos“. „Drei Chorfrauen, die sich seit Jahrzehnten für ihre Schule abrackern, Generationen von Kindern ins Leben begleiten, ihr klösterliches Anwesen in Schuss halten und bei allfälligen Reparaturen selbst Hand anlegen, stehen einer Phalanx aus Würdenträgern und kirchlichen Funktionären gegenüber, die ihnen hinsichtlich Macht und Fachwissen haushoch überlegen sind.“
Der Fall wird zum Medienthema
Propst Grasl holte sich eine renommierte Wiener Rechtsanwaltskanzlei zu Hilfe, „in kirchenrechtlichen Belangen eine der ersten Adressen des Landes“. Das Verfahren wurde eingestellt. „Jetzt hilft nur noch Öffentlichkeit“, war der Unterstützerin klar, Christina Wirtenberger, die als Zehnjährige von ihren Eltern ins Internat Goldenstein geschickt worden war und dort – wie sie rückblickend findet – die „besten Jahre meines Aufwachsens“ erlebte.
Der österreichische Investigativ-Podcast „Die Dunkelkammer“ erzählte die Geschichte der Nonnen. Doch die Kirche ging zum Gegenangriff über, die Präsidentin der Föderation der Augustiner-Chorfrauen im deutschen Essen, Schwester Beate Brandt, drohte den drei Damen tatsächlich mit einer Klage wegen Verleumdung – mit der Strafandrohung einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr!
Am 4. September 2025 verließen die Nonnen das Altenheim in Oberalm und nahmen Goldenstein dank vieler helfender Hände – und dank eines Schlüsseldienstes – wieder in Besitz. Die Bilder der drei über 80-jährigen Ordensfrauen verbreiteten sich auf allen Kanälen. Ihre persönlichen Sachen im Kloster waren verschwunden. Dazu gehörte nicht nur Bargeld in Höhe von 50.000 Euro (das Erbe der Mutter von Schwester Bernadette), sondern auch persönliche Erinnerungen, Fotos, die dritten Zähne, Taufscheine, Zeugnisse, Führerschein.
Das Haus Goldenstein wurde indessen, während die Frauen darin wohnten, umgebaut. Duschen wurden herausgerissen, Bücher, teilweise aus dem 19. Jahrhundert, landeten auf dem Misthaufen. Sogar der Treppenlift wurde abmontiert, den Schwester Regina einbauen ließ. Der sicherste Weg, ihr Vermögen zurückzubekommen, war ein Kirchenaustritt. Diese Option bestand für die tiefgläubigen Ordensfrauen aber nie, sagen sie.
Die Welle der Hilfsbereitschaft, welche die Nonnen aus der ganzen Welt erleben, war rührend. Ein Internet-Nutzer namens „Churchfluencer“ wurde erst zu einem wichtigen Unterstützer in der Sache; er rief den Instagram-Account @nonnen_goldenstein ins Leben, der teilweise 280.000 Follower hatte. Doch auch dieser Influencer nutzte die Nonnen aus, er versuchte auf ekelhafte Weise, die Nonnen auszutricksen und Werbeclips für Produkte mit ihnen zu drehen. Natürlich warfen die Kirchenoberen den Schwestern vor, „mediale Inszenierung“ zu betreiben.
Das Buch „Nicht mit uns“ ist viel mehr als eine nette Geschichte über drei Nonnen, die dank Social Media ein wenig Aufmerksamkeit bekamen. Die Geschichte entpuppt sich als Paradebeispiel für geistlichen Missbrauch und einen unerhörten Umgang mit älteren Menschen, und das innerhalb der Kirche. Nicht auszuschließen, dass dieses Buch einmal verfilmt wird.
Paradebeispiel für Missbrauch durch Männer
„Nicht nur in der Politik, in nahezu sämtlichen gesellschaftlichen Feldern führen Männer das große Wort“, schreibt Autorin Meinhart, „vor allem wenn es um Macht, Einfluss und Geld geht.“ In der öffentlichen Wahrnehmung kämen ältere Frauen ohnehin zumeist als Zerrbilder vor. „Die verbitterte Alte, die einsame, hilfsbedürftige Mutter, die zerstreute, demente Oma. Noch öfter bleiben sie ausgeblendet.“
Foto: Kösel Verlag Edith Meinhart: „Nicht mit uns. Die unglaubliche Geschichte der Nonnen von Goldenstein“, Kösel Verlag, 224 Seiten, 18 Euro, erscheint am 27. Mai
Sie fügt hinzu: „In der Kirche ist das nicht anders.“ Das sei die Welt, in der sich Erzbischöfe und hochwürdige Pröpste bewegen, und in dieser Welt „ist es nicht vorgesehen, dass drei Nonnen in geflickten Ordenstrachten anfangen, für ihre Rechte einzutreten, kein Blatt vor den Mund nehmen und sich gar erdreisten, einen Anwalt zu konsultieren, statt gefälligst duldsam, leise und bis zum Äußersten leidensfähig zu sein“. Das Fazit der Autorin: „Würde kennt kein Alter, und es ist nie zu spät ist, sich dafür einzusetzen.“
Autorin Meinhart stellt die Fragen, die sich aufdrängen. Wie kann es sein, dass Kirchenobere meinen, sich mittels kirchlichem Recht über weltliches Recht, aber vor allem über jeden Anstand hinwegsetzen zu können?
Der Kirchenrechtler Wolfgang F. Rothe bringt es so auf den Punkt: Die Kirche müsse endlich lernen, „den Willen und die Würde jedes einzelnen Menschen zu achten; jeder Mensch hat einen Wert, der über den Wert der Kirche als Ganzes hinausgeht. Jeder Mensch ist nach biblischer Lehre nach dem Bild Gottes geschaffen; er hat einen freien Willen und trägt dadurch etwas Göttliches in sich.“ In einer nichtreligiösen Sprache heißt das: Die von staatlicher Seite anerkannten Menschenrechte sind auch von kirchlicher Seite „gefälligst zu achten“.
Mittlerweile sieht es so aus, dass die Nonnen doch bis zu ihrem Lebensende im Kloster bleiben können. Derzeit laufen Gespräche, wie dies gestaltet werden kann, etwa auch hinsichtlcih der sprirituellen Begleitung oder der medizinischen Pflege. Bei alledem drängt sich aber auch die Frage auf: Wie wäre es nur einer der Ordensschwestern ergangen, wenn sie allein gewesen wäre, ohne ihre zwei Weggefährtinnen, ohne Freunde, ohne den Podcast, ohne die Medien? Oder anders gefragt: Wie häufig sind bereits Menschen vor einer übermächtigen Kirche eingeknickt, weil sie zu schwach waren oder sich kein Gehör verschaffen konnten?
Die Wahrheit ist bitter: Tausende Menschen, die wegen Missbrauch von der Kirche ihr Recht und Gerechtigkeit einfordern, wurden und werden ignoriert, jahrelang, bis sie irgendwann klein beigeben, weil es zu anstrengend ist, sich mit ihr anzulegen. Die männlich dominierte katholische Kirche bröckelt immer weiter. Dieses Buch ist ein weiterer Stein, der aus diesem alten Gemäuer gezogen wird. Wenn die Kirche nicht aufwacht, stürzt es irgendwann ein.