Alle zwei Wochen stellt Lukas Werthschulte vor der Altstadtkirche in Gelsenkirchen zwei Bierzelt-Bänke und einen Tisch auf, eine Kanne Kaffee gehört auch dazu. Dahinter steht ein Banner, auf dem steht: „Nimm Platz“. Der 28-Jährige stellt sich für zwei Stunden, immer mittwochs von 11 bis 13 Uhr bereit, jedem, der will, sein Ohr zu leihen. Das Thema lässt er jedem frei. Er selbst spricht von „Pop-up-Seelsorge“, und die bringe auch ihm selbst viel, sagt er gegenüber PRO.
„Zu Beginn meines Probedienstes bin ich über diesen großen Heinrich-König-Platz vor unserer Kirche in Gelsenkirchen gestolpert“, sagt Werthschulte. „Dort sind zwar viele Menschen unterwegs, es gibt aber eigentlich wenig Leben dort. Mein Gedanke war: Es wäre doch super, wenn Kirche gerade an diesem Ort präsent wäre, und zwar ganz niederschwellig.“
Übersetzung und Kaffee inklusive
Sein Angebot könne alles beinhalten, reine Seelsorge oder ein offenes Wort für Kritik an der Kirche. „Ich wurde auch schon gebeten, einen amtlichen Brief ins Deutsche zu übersetzen“, sagt Werthschulte. „Manch einer hat sich im Winter auch einfach nur einen Kaffee bei mir geholt.“
Als Kirchenmann ist er von Weitem durch sein Kollarhemd erkennbar. Auch auf dem Banner ist das Logo der Kirchengemeinde zu sehen. „Manche haben ganz viele Fragen an mich als Geistlichem. Muslime wollten von mir erklärt bekommen, wie sich das mit der Trinität im christlichen Glauben verhält.“ Bei Regen stellt er sich unter die Arkaden vor der Kirche. Dem Ordnungsamt hat er Bescheid gesagt, immerhin befindet er sich mit seinem Tisch in städtischem Raum.
„Es steckt bereits viel Evangelium in der annehmenden Haltung“
Predigten hält er am Bierzelttisch nicht, Missionieren ist nicht das Ziel, sagt Werthschulte. „Allein meine Haltung des Zuhörers ist oft bereits eine Botschaft“, sagt der Pastor. „Viele sprechen über ihre Krisen im Leben. Das sind teilweise harte Geschichten.“ Er ist sich sicher: „Es steckt bereits viel Evangelium in dieser annehmenden Haltung. Ohne Verurteilung oder schnelle Schlüsse.“ Vielen helfe das Gespräch mit dem Pastor bereits dabei, die eigene Situation zu überblicken und aus einem Teufelskreis negativer Gedanken herauszukommen, sagt Werthschulte. „Das gibt das Gefühl, wieder Kontrolle über die Situation zu bekommen, und das ist immer hilfreich.“ Seine Arbeit vergleicht Werthschulte gerne mit der biblischen Geschichte von den Jüngern, die zwar gemeinsam mit dem auferstandenen Jesus auf dem Weg nach Emmaus sind, ihn aber nicht erkennen. „Jesus gibt nicht sofort zu erkennen, dass er auferstanden ist, sondern lässt sie erst einmal reden darüber, wie traurig sie gerade sind.“
Seit einem Jahr bietet Werthschulte den Dienst an, und er merkt: Auch ihm selbst bringt der Dialog viel. „Als Seelsorger tut mir dieser direkte Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gut. Als Pastor lerne ich, wie unterschiedlich und wie einzigartig menschliches Leben sein kann. Aber auch als Mensch profitiere ich von dieser Fülle an menschlicher Realität.“ Kircheneintritte gab es aufgrund seiner Arbeit vielleicht noch nicht. Doch manchmal tauchten Menschen später dann auch bei ihm im Sonntagsgottesdienst auf. Auch Anfragen zu Taufen gab es bereits.
Theologische Streitgespräche gebe es fast nicht, sagt Werthschulte. Viele äußerten Kritik an der Institution Kirche, und meistens sei diese Kritik sogar berechtigt. Da gehe es etwa um die Missbrauchsfälle, die es ja in beiden großen Kirchen gibt.
Diskussionen mit Evangelikalen
Werthschulte wuchs in Minden im Sauerland auf. „Mit 16 war ich auf einer Segelfreizeit der evangelischen Kirche und fand die Gemeinschaft sehr cool.“ Er studierte in Bochum Evangelische Theologie und machte sein Vikariat in Gevelsberg. Seit April 2025 ist er Pfarrer im Probedienst, der mindestens zwei, maximal drei Jahre dauert. Werthschulte ist zur einen Hälfte von der Evangelischen Emmaus Kirchengemeinde Gelsenkirchen angestellt, in der anderen Hälfte arbeitet er im Referat für Kommunikation des Kirchenkreises Gelsenkirchen und Wattenscheid.
Werthschulte wuchs in einer Pfingstgemeinde auf. Doch der Umgang mit Zweifeln in dieser Umgebung machte ihm zu schaffen. „Diese Christen sind sich so sicher in ihrem Glauben, dass jede Diskussion unmöglich wird“, fand Werthschulte. Über seine Probleme mit festgefahrenen und unnachgiebigen Positionen von evangelikalen Christen spricht er auch auf seinem Instagram-Kanal mit dem Namen „predigend“. Ist er denn bereits auch mit freikirchlichen Christen bei seiner „Pop-up-Seelsorge“ in der Innenstadt ins Gespräch gekommen? „Ja“, sagt Werthschulte. „Und wir sprechen über die theologischen Unterschiede zwischen unseren Kirchen. Aber in den meisten Fällen ist es weniger ein Konfliktgespräch als vielmehr ein guter Austausch, der zu dem Schluss kommt, dass wir unterschiedliche Ansichten haben, die auch einfach stehen bleiben dürfen.“