Offiziell spielt Exorzismus in der Kirche kaum eine Rolle. Gleichzeitig wird sie nachgefragt. „Der Teufel in mir – Exorzismus heute“ heißt eine Dokumentation, die das ZDF am Pfingstmontag ausstrahlt. Das Fernsehteam hat selbsternannte Exorzisten begleitet, das „Befreiungsteam“ einer Freikirche, Experten und einen Freikirchen-Aussteiger. Das Fazit: Das Phänomen Exorzismus hat nicht im Mittelalter aufgehört zu existieren.
Während es in der Evangelischen Kirche in Deutschland keinen institutionalisierten Exorzismus gebe, sei das Ritual in der Katholischen Kirche seit 1614 klar geregelt, heißt es in dem Beitrag. Die ZDF-Reporter begleiteten unter anderem den katholischen Priester und Psychotherapeuten Jörg Müller bei seiner Arbeit. Er beschäftigt sich seit 40 Jahren mit dem Bösen und dem Teufel und spricht erstaunlich unprätentiös, selbstreflektiert und nüchtern darüber.
Als Geistlicher bekomme er teilweise 300 Anfragen pro Jahr, berichtet Müller. Er werde etwa zu einem Bauernhof gerufen, auf dem die Bäuerin glaubt, dass ihr Kuhstall vom Bösen besessen sei, weil alle Kühe erkrankt seien. Mit Weihwasser und Weihrauch geht Müller gegen den vermuteten Fluch vor. Müller spricht auch darüber, woher das Böse eigentlich kommt. Die einen sagen, es stecke als destruktive Kraft im Menschen, „die anderen sagen, es sei eine personale Macht – der Teufel als geschaffenes Wesen“. Denkwürdig sei die Tatsache, dass viele Menschen an die Existenz von Engel glauben, nicht aber an die von Dämonen. „Das ist ja unlogisch“, betont Müller.
„Die Not ist groß, aber es es ein Tabu-Thema“
Das Fernsehteam begleitete auch Christen einer Freikirche, die seit zwei Jahren als „Befreiungsdienst“ im Land tätig sind. Sie beten für Betroffene, taufen sie und klären darüber in den sozialen Medien auf. „Sie fühlen sich von Jesus dazu berufen“, heißt es im Bericht. Jesus habe nicht nur selbst Teufelsaustreibungen vorgenommen, sondern die Menschen dazu aufgerufen, es ihm. Die jungen Christen stellen fest: „Obwohl die Not eigentlich groß ist, ist es in Deutschland ein Tabu-Thema.“
Vorgestellt wird auch der 34-jährige Jan, der nach eigener Aussage bereits in vielen verschiedenen Gemeinden war. „Ich hatte Angst vor den Dämonen und dass sie mich kaputt machen“, sagt er. Bei einem „Victory Camp“ seiner Kirchengemeinde hätten Gemeindemitglieder für ihn gebetet und einen „Geist der Homosexualität“ konkretisiert. Aufgrund dieser traumatischen Erfahrung verließ er die Gemeinde und verabschiedete sich von den Glaubensvorstellungen der Freikirche.
Keine offizielle Ansprechpartner der Kirche
Die Religionswissenschaftlerin Nicole Bauer, die zum Thema Exorzismus forscht, erklärt im Film, dass Exorzismen laut Forschung positive Effekte auf Menschen haben könnten – aber eben nicht immer. Das zeige das Beispiel einer im Jahr 1976 verstorbenen jungen Frau namens Anneliese Michel, die an Epilepsie litt. Sie ließ viele Exorzismen an sich durchführen, aß dann nichts mehr und starb schließlich an Unterernährung.
Unter anderem dieser Fall habe dazu geführt, dass die Katholische Kirche das Thema nicht mehr öffentlich behandeln wollte, sagt Pater Müller. Offiziell gehöre Exorzismus weiterhin zur Praxis der Kirche. Auch Papst Leo habe dessen Bedeutung. „Aber sichtbare Ansprechpartner in Deutschland gibt es kaum noch.“ Bauer verdeutlicht: Im öffentlichen Diskurs gebe es eine säkulare Tendenz, in der Bevölkerung jedoch gleichzeitig ein „Bedürfnis nach Spiritualität“.
Der ZDF-Beitrag beleuchtet das Thema moderner Exorzismus aus verschiedenen Richtungen und bleibt dabei größtenteils nüchtern und sachlich. Allenfalls die musikalische Untermalung bringt einen gewissen reißerischen Anklang hinein und erinnert manchmal an die Spielfilmmusik. Auch das Phänomen von modernen Exorzismen auf den Kanälen der sozialen Medien wie Youtube und TikTok spricht der Film an.
Auch einen selbsternannten Exorzisten, der unter als „Nature23“ auf Wunsch Teufelsaustreibungen vornimmt und Videos davon auf Tiktok hochlädt, begleiteten die Filmemacher bei der Arbeit. „Nach eigenen Angaben melden sich im Jahr rund 700 Menschen bei ihm“, heißt es im Bericht. Sein Arbeitsumfeld sieht martialisch aus: Im heruntergekommenen Keller eines Hauses liegt eine Matratze auf dem Fußboden, daran sind Gurte zum Festbinden von Menschen befestigt. Der TikTok-Exorzist selbst möchte unerkannt bleiben. „Kritiker wie die ‚Sekteninfo NRW‘ äußern die Sorge, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen dadurch schwer geschädigt werden können“.
„Der Teufel in mir – Exorzismus heute“, Dokumentation von Max Damm und Emely Sporrer, Pfingstmontag, 25. Mai 2026, 17.30 Uhr, ZDF, 43 Minuten