Kommentar

Berlinale im falschen Film

Das größte deutsche Filmfestival war vielen zuerst zu pro-israelisch. Dann zu pro-palästinensisch oder gar zu antisemitisch. Die Berlinale wurde von allen Seiten vereinnahmt und könnte daran am Ende zugrunde gehen.
Von Anna Lutz

Es ist verrückt mit dieser Berlinale. Neun Tage lang stand sie international in der Kritik, weil sie angeblich pro-palästinensischen Stimmen kein Gehör verschafft haben soll. Die Rede war vom „Silencing“, also dem Zum-Schweigen-Bringen jener, die das Vorgehen Israels im Gazastreifen kritisierten. Dann kam der 21. Februar und damit die Preisverleihung für die besten Filme und Filmschaffenden. Und innerhalb von Stunden wendete sich die öffentliche Wahrnehmung der Berlinale um 180 Grad. 

Weil mehrere Gewinner sich israelkritisch (und durchaus auch fragwürdig) auf der Bühne äußerten, lautete die Erzählung, die sich in großen und sozialen Medien fand, mit einem Mal: Die Berlinale bietet Antisemiten eine Bühne. Vom zu israelfreundlichen Filmfestival hin zum Sammelbecken für Antisemiten innerhalb von nicht einmal 24 Stunden. 

Beachtlich, wäre es nicht so traurig. Denn nichts von beidem ist wahr, weder ist sie israelfreundlich, noch ein antisemitisches Sammelbecken, auch wenn die Rede vom „Genozid“ Israels wie bei der Preisverleihung geschehen, sich aus vielen Gründen verbietet. Jede Debatte über die Abberufung der Festivalchefin Tricia Tuttle ist gefährlicher Blödsinn, der zwar kurzfristigen Beifall von einer Seite generiert, zugleich aber der Glaubwürdigkeit der deutschen Kulturpolitik massiven Schaden zufügt. Und die Berlinale vielleicht auf lange Sicht beerdigt.

Neutraler Wettbewerb

Denn eines ist klar: Tuttle hat bei diesem Festival alles getan, um politische Einseitigkeit zu vermeiden. Es gab im Wettbewerb um den goldenen Bären weder einen israelischen noch einen palästinensischen Film. Und auch keinen, der das Thema des Gaza-Krieges oder des 7. Oktobers aufgriff. Im restlichen Programm (277 Filme aus 80 Ländern) lief je ein israelischer und ein palästinensischer Film (der dann den Preis für das beste Erstlingswerk erhielt und dessen Regisseur die Debatte um Antisemitismus auslöste). Der Blick auf das Programm zeigt also: Beide Seiten kamen in geringem Maß zu Wort, aber ganz offensichtlich wollte die Programmleitung nicht, dass das Thema die Berlinale bestimmt. 

Tuttle tat noch etwas anderes: Als der Vorwurf aufkam, die Berlinale stelle sich nicht hinter die Palästinenser, verteidigte sie die künstlerische Freiheit in mehreren öffentlichen Statements. „Künstlerinnen und Künstler sind frei, ihr Recht auf freie Meinungsäußerung so auszuüben, wie sie selbst entscheiden“, stellte sie fest und weiter: „Ebenso sollte nicht vorausgesetzt werden, dass sie zu jedem politischen Thema Stellung nehmen, das an sie herangetragen wird. Es sei denn, sie möchten es.“ Heißt: Niemandem soll auf ihrem Festival ein pro-palästinensisches Statement abgezwungen werden. Und selbstredend auch kein pro-israelisches. Nochmal zur Erinnerung: Das ist die Frau, die nun gehen soll, weil die Berlinale unter ihrer Leitung zu antisemitisch ausgerichtet sei.

Stimmen verbieten?

Tuttle ist übrigens auch mitnichten diejenige, die für die Preisvergabe bei ihrem Festival verantwortlich ist. Dass Regisseur Abdallah Alkhatib, der dann in seiner Dankesrede von einem Genozid in Gaza unter deutscher Beteiligung sprach, einen Preis bekam, ist Sache der dafür eingesetzten Jury. Und überhaupt, wie will man denn verhindern, dass Preisträger auf der Bühne politische Aussagen tätigen, die manch anderen nicht gefallen oder die vielleicht sogar Unfug sind? Die Musik lauter drehen, wenn die Aussage zu schwierig wird, wie das manchmal schon bei amerikanischen Preisverleihungen geschah? Den Künstler von der Bühne abführen? Oder palästinensische und israelische Akteure gar nicht mehr einladen? Nichts davon wäre würdig oder richtig.

Zugegeben, Tuttle hätte nach der Preisverleihung nochmals deutlich machen können, dass sie die Rede vom „Genozid“ an Palästinensern als Berlinale-Vertreterin nicht teilt. Doch die diesjährige Berlinale hat sich von Anfang an darum bemüht, keine einseitige Haltung anzunehmen. Offensichtliches muss man eigentlich auch nicht andauernd wiederholen. Und ja, das Foto, das nun von Tuttle kursiert und auf dem auch eine Palästinenserflagge zu sehen ist und mehrere Palästinensertücher, erzählt eine verunsichernde Geschichte. Allerdings ist es auch schon lange vor der Preisverleihung aufgenommen worden. Tuttle ahnte damals noch nichts von Alkhatibs Sieg, geschweige denn von seiner Kampfrede.

Immerhin eines hat Alkhatibs Auftritt bewiesen: Die Geschichte vom „Silencing“ war ein Märchen. Wobei, nicht ganz. Denn in der Tat offenbart der Streit um die Abberufung Tuttles, angetrieben durch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, dass die Kunstszene nach dem Willen mancher wohl doch nach der Pfeife der Politik zu tanzen hat. Was für ein fatales Zeichen, wenn es Weimer gelänge, Tuttle abzuberufen. Wo bliebe die Unabhängigkeit der Kunst, der Kultur? Wo wäre sie noch das Gegengewicht zur Politik, wie Wim Wenders es bei einer Pressekonferenz während des Festivals forderte? 

Selbstverständlich darf und soll die Politik Tuttle kritisieren, die Berlinale, die Filme, die Ausrichtung. Gut, dass SPD-Minister Carsten Schneider den Raum verließ, als Alkhatib sprach. Aber einzugreifen in den Betrieb, das verbietet sich. Die Trennung von Kunst und Politik ist so selbstverständlich wie die von Journalismus und Politik. Gelingt sie nicht mehr, dann ist das System kaputt. Dann ist die Berlinale kaputt und der Kulturstaatsminister hat seinen Job falsch verstanden. 

„Wir müssen auf Komplexität bestehen“

Was übrigens bei all dem Gerede um Antisemitismus bei der Preisverleihung völlig unterging: Noch während der Veranstaltung sprachen sich – ebenfalls von der Bühne aus – viele Preisträger und Jurymitglieder gegen politische Einseitigkeit aus. Einer davon war neben Starschauspielerin Sandra Hüller auch der syrische Filmemacher Ameer Fakher Eldin, Chef der Kurzfilmjury. „Wir müssen auf Komplexität bestehen“, ermahnte er das versammelte Publikum und seine Berlinale-Kollegen gleich mehrmals mit Blick auf den israelisch-palästinensischen Konflikt. Es war der vielleicht schlauste Satz an diesem Abend. 

Der Anspruch von Kunst ist nicht, einseitigen Aktivismus zu betreiben, sondern verstehen zu wollen, auf den Menschen zu blicken, egal, wo er steht. Vielen Filmen der Berlinale zumindest ist das in diesem Jahr gelungen. Über die wurde aber leider kaum gesprochen.

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